Malek Boutih ist einer der bekanntesten Vertreter der Integrationspolitik in Frankreich. Der 41-Jährige ist in der Pariser Banlieue geboren und entstammt einer Familie algerischer Einwanderer aus Kabylien. Zwischen 1999 und 2003 war er Vorsitzender der Association SOS-Racisme. Er ist jetzt Nationalsekretär in der sozialistischen Partei und zuständig für Gesellschaftsfragen.

Wie erklären Sie sich dieses Aufflackern der Gewalt?

Gewalt ist für die Leute in den Vororten alltäglich, aber man spricht nicht davon, oder nur am Rande. Durch das schiere Ausmaß der Ereignisse entdeckt die Gesellschaft jetzt, wie es in der Mehrzahl der Vorstädte um Paris, Lyon und im Norden Frankreichs zugeht. Es bedurfte lediglich eines Funkens, damit alles in die Luft fliegt. Noch vor wenigen Wochen gab es einen Aufruhr in einer Lyoner Satellitenvorstadt, der keinerlei Aufmerksamkeit erregte. Doch jetzt, nach Paris, ist alles anders.

Wie zeigt sich diese alltägliche Gewalt?

Diese Gebiete sind mit keinen anderen im Rest des Landes vergleichbar. Das, was für normale Leute selbstverständlich zu sein scheint: Ein ruhiges Leben, nicht von einem Tag auf den anderen alles zu verlieren, gilt in jenen Vierteln nicht. Man braucht sich nur die allgemein bekannten Tatsachen vor Augen zu halten: Die Arbeitslosenquote unter jungen Leuten beträgt 50 Prozent, einen sozialen Zusammenhalt gibt es nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit hat die kümmerlichen Reste sozialer Bindungen zerstört, die vielleicht noch vorhanden waren. © ZEIT-Grafik BILD

Man spricht von Ghettos.

Die große strukturelle Frage ist die nach der stadträumlichen Aufteilung. Alle Probleme konzentrieren sich hier auf ein sehr kleines Gebiet, was ihnen ein enormes Gewicht verleiht. Alle wirtschaftlichen, soziologischen und kulturellen Gründe, die zur Erklärung der Gewalt hinzugezogen werden, treffen zu, aber im Kern der sozialen Auflösungserscheinungen steht das Ghetto.

Wie ist es entstanden?

Man hat einen Teil der Gesellschaft dadurch geschützt, dass man die Probleme in bestimmte Stadtbezirke abschob. Und man darf die Augen auch nicht vor der Tatsache verschließen, dass es auch ethnische Ursachen gibt. Wenn soziale und ethnische Probleme zusammenkommen, kann man ihnen mit den üblichen Mitteln nicht mehr beikommen. Das ist ein höchst explosives Gemisch. Sogar die radikalsten politischen Bewegungen, die extreme Linke, setzt in diese Orte keinen Fuß, da ihr Diskurs hier nicht funktioniert. Diese Bereiche entziehen sich jedem Diskurs. Sie befinden sich außerhalb der Nation, außerhalb der Normalität. Niemand wagt sich dorthin. Diese Vorstädte sind keine Orte für Studien, wie es in den siebziger Jahren die Fabriken waren, in denen Soziologen das Arbeitermilieu erforschten. Wenn Sie das hier versuchen, schneidet man Ihnen die Kehle durch.

Auch wenn ich nur Fragen stellen will?

Ganz besonders dann! In den Vorstädten herrscht ein Gleichgewicht des Schreckens. Ein genau definiertes Gebiet wird von einer Gruppe beherrscht, die ihre Macht durch Gewalt zur Schau stellt. Deshalb haben die Ereignisse auch, ausgehend von einem Vorfall in Clichy-sous-Bois, so eine Welle ausgelöst. Und dann ist da diese rein zerstörerische Wut. Hinter all dem steht nicht etwa ein politisches Bewusstsein. Und die Lage wird sich nicht verbessern, ganz im Gegenteil. Man muss in der Geschichte schon bis zum Lumpenproletariat zurückgehen, um diese Art von sozialen Strukturen zu finden. Das ist eine Meute, ohne Ziel. Sie reagiert ausschließlich, sie agiert nicht.

Jedoch sagen einige Jugendliche, sie wollten weitermachen, solange Sarkozy im Amt ist. Diese Aussage setzt doch ein politisches Bewusstsein voraus?

Nein, denn diese Leute leben in einer Medien-Gesellschaft. Sie kennen die medialen Mechanismen genau, und sie wissen sie zu nutzen. Sie spielen ein Spiel. Da ist etwas sehr Manipulatives dabei. Glauben Sie denn, dass sich das Problem erledigt, wenn Sarkozy zurücktritt?