religion Der Fall Klaus Berger
Chronologie und Dokumentation des Skandals um den Heidelberger Theologen, der katholisch sein will und evangelische Kirchensteuer bezahlt
[Der Artikel bezieht sich auf zahlreiche Dokumente, die im Text per Hyperlink nachzulesen sind ]
Der Heidelberger Theologe Klaus Berger, der – so stellte sich das
jahrelang dar – vormals katholisch war, dann aber zum Protestantismus
konvertierte, verwickelte sich am Ende seiner akademischen Laufbahn
(Berger wird zum Ende dieses Wintersemester pensioniert) in immer
tiefere Widersprüche, was seine Konfessionszugehörigkeit – ja, sein
gesamtes kirchliches Auftreten – betrifft. Denn er stellt sich
schließlich als einen treuen Katholiken dar, der freilich – um
Schlimmeres zu verhüten, vor allem mit höchster römisch-katholischer
Billigung – evangelische Kirchensteuer bezahlt. Je genauer man seinen
Fall befragt, desto dichter das Gestrüpp aus unwahren Aussagen und
objektiv unmöglichen Behauptungen. Deshalb hier noch einmal der
Versuch, größtmögliche Transparenz in all die Irreführungen zu bringen.
Weshalb gibt es überhaupt einen Fall Berger – und wann fing der Fall an?
Im Herbst 1999 erscheint in der Monatszeitschrift Merkur ein Artikel von Klaus Berger, dem folgende Fußnote angehängt ist: „Der Autor genießt als katholischer Theologe Gastrecht an der Evangelischen-theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.“ An dieser Fußnote, so musste es den damaligen Lesern erscheinen, ist nahezu alles falsch. Bis dahin galt Berger als evangelischer Theologe. Dass er an der evangelisch-theologischen Fakultät zu Heidelberg „Gastrecht“ genießt, hatte dort niemand so gesehen – war Berger doch dort regelrecht verbeamteter Dozent, als Protestant, wie man bei seiner Anstellung aufgrund seines Lebenslaufes annahm. Man schüttelte den Kopf – oder nahm diese Fußnote angesichts der überschaubaren Auflage der Zeitschrift gar nicht recht wahr.
Das änderte sich freilich, als am 25. November 2000 zum 60. Geburtstag Klaus Bergers in der FAZ ein Artikel Christian Geyers erschien, in dem es hieß, der „Katholik“ Berger lehre an der evangelisch-theologischen Fakultät in Heidelberg. Nun fühlten sich eine Reihe verantwortlicher evangelischer Kirchenmänner veranlasst, bei Berger nachzufragen, wie er es halte mit der (evangelischen) Konfession, die ja schließlich verpflichtende Grundlage und Voraussetzung seiner Amtsstellung an der Universität war. Solche Anfragen beantwortete Berger stets mit ausweichenden Formulierungen, fügte seinen Briefen aber Kopien von Gehaltsabrechnungen bei, in denen verzeichnet stand, dass er evangelische Kirchensteuer bezahlte . Auch darüber wunderte man sich, ließ aber die Sache in der Schwebe, da ja die Kirchensteuerpflicht aus dem Bekenntnis und der Kirchenmitgliedschaft folgt – also ließ man sich auf Bergers Einladung ein, von der Zahlung auf die Mitgliedschaft zu schließen.
Die Sache spitzt sich zu
Im Sommer und Herbst 2005 verdichten sich die Anfragen an Klaus Berger – eine dieser Anfragen gingen vom katholischen Studentenpfarrer in Heidelberg aus. Der Dekan Pfarrer von Zedtwitz machte seine Fragen an Berger im Gemeindeblatt der Heilig-Geist-Gemeinde öffentlich – und darauf reagierte Berger in „Gegendarstellungen“ und „Briefen“, dies freilich mit abenteuerlichen Behauptungen: Wahr oder unwahr – so oder so ein Skandal.
Der Kern seiner neuen Selbstdarstellung: Schon im Jahr 1974 habe ihm ein katholischer Beichtvater unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses (im forum internum) zugestanden,
er könne als guter Katholik weiterhin seine Kirchensteuer an die evangelische Kirche entrichten
.
Kardinal Ratzinger sei von diesem Sachverhalt unterrichtet worden
und habe dazu sein „
theologisches nihil obstat
“ erteilt.
In seiner Version der Vorgänge weist Berger überdies die Unterstellung zurück, er sei evangelisch
. Aufgrund dieser öffentlichen Äußerungen Bergers erscheint jene zwei Artikel in der ZEIT (
hier
und
hier
), die den Fall jetzt ins Rollen brachten.
Berger setzte sich zunächst in der von ihm bekannten Weise auseinander, bestritt, jemals aus der katholischen Kirche ausgetreten zu sein und berief sich wiederum darauf, er bezahle schließlich evangelische Kirchensteuer: „Ja, ich bin konvertiert, und zwar zu einer ökumenischen Existenz; das war das Äußerste, was ich konnte.“ Also: War er jemals in die evangelische Kirche eingetreten, was nach dem insoweit übereinstimmenden Recht beider Kirchen – wie des Staatskirchenrechts – den Austritt aus der katholischen Kirche zwingend voraussetzt?
Erst als das Stuttgarter Wissenschaftsministerium erkennen lässt, dass es der Frage nachgehe, ob ein „Anstellungsbetrug“ vorliege und die Heidelberger Fakultät von Berger einen hieb- und stichfesten Beweis seiner Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche verlangt, sieht sich Berger veranlasst, eine Urkunde hervorzuziehen, die ihn auf den ersten Blick juristisch entlastet, ihn aber moralisch noch viel tiefer in den Sumpf zieht. Denn jene
Urkunde
, die belegt, dass Berger am 20.Oktober 1968 in die Evangelisch-Lutherische Kirche im Hamburgischen Staate (heute ein Teil der Ev. Luth. Kirche Nordelbiens) eingetreten ist, belegt zugleich, dass Berger aus der katholischen Kirche ausgetreten war („bisherige Konfession: röm.-kath.“). Sie belegt außerdem, dass Berger unmittelbar zuvor am evangelischen Abendmahl teilgenommen hatte.
Doch erst im September hatte Berger zweimal entrüstet versichert
,
dass er nie in seinem Leben am evangelischen Abendmahl teilgenommen habe
.
Diese doppelte Versicherung verband Berger beide Male mit der zusätzlichen Feststellung, dass er nicht als protestantischer Geistlicher ordiniert sei. Dies trifft auch tatsächlich zu. Aber nun melden sich viele Zeugen, die nicht nur erlebt haben, dass Berger im Gewand des ordinierten evangelischen Pfarrers Gottesdienste gehalten hatte – seit vielen Jahren zum Beispiel auf den verschiedenen Nordsee-Inseln als Urlaubsvertreter; und dies, obwohl in diesen lutherischen Gemeinden besonders strenge Anforderungen an das geistliche Amt (und an das Tragen des Talars) gelten. Und nicht nur dies: Berger hatte auch Abendmahlsgottesdienste gefeiert – ein starkes Stück für einen Nicht-Ordinierten, erst recht aber für jemanden, der auch noch im September 2005 hartnäckig behauptet, er habe nie in seinem Leben an einem evangelischen Abendmahl teilgenommen.
Schon jetzt also zeigt es sich, dass Berger sich in ein Gespinst von Lügen und aberwitzigen Behauptungen verstrickt hatte. Nun aber spitzt sich die Lage weiterhin zu.
Der Vatikan schlägt zurück
Hatte Berger im September behauptet,
sein geheimes Arrangement mit einem katholischen Beichtvater sei dem damaligen Kardinal Ratzinger nicht nur bekannt gewesen
,
er habe dies auch ausdrücklich gebilligt und sei gerne bereit, dazu öffentlich Rede und Antwort zu stehen
– so erweist sich daran nur soviel richtig: Der Vatikan nimmt öffentlich Stellung und weist Bergers Darstellungen in prononcierter Deutlichkeit zurück:
Erstens sei Kardinal Ratzinger in diesem Fall weder befasst noch aktiv gewesen noch sei es überhaupt möglich, dass jemand gleichzeitig sowohl in der katholischen und in einer evangelischen Landeskirche Mitglied sei
.
Wenn der Schwindel aufgedeckt wird
Was aber macht Berger, wenn man ihn mit unwahren Aussagen, mit objektiv unmöglichen Behauptungen konfrontiert: Er weicht aus – entweder ins Absurde oder in noch skandalösere Aussagen. Befragt, was er denn zu dem vatikanischen Dementi jeglicher Befassung von Kardinal Ratzinger und zu der Feststellung zu sagen habe, dass eine gleichzeitige Doppelmitgliedschaft in beiden Kirchen objektiv unmöglich sei, erklärt Klaus Berger gegenüber der Deutschen Presseagentur: „ Kein Kommentar. Alles andere würde einen Graben aufwerfen, den ich nicht verantworten kann. “ Man kann dies entweder lesen als ein feiges Kneifen vor dem Eingeständnis, geschwindelt zu haben – oder gar, noch atemberaubender, als unausgesprochene Unterstellung, der Papst habe schwindeln lassen, doch wolle er das so nicht sagen, um nicht allzu tiefe Gräben aufzureißen.
Und was sagt Berger zu dem Widerspruch zwischen seiner harten Doppel-Versicherung, er habe nie an einem evangelischen Abendmahl teilgenommen, einerseits, und seiner Übertrittsurkunde aus dem Jahr 1968, die direkt auf die Teilnahme am evangelischen Abendmahl verweist? „ Dazu sagt Berger, seine Aussage über die Nichtteilnahme an einem evangelischen Abendmahl sei ‚vielleicht unvorsichtig’ gewesen. Man könne davon ausgehen, daß er bei seinem Übertritt 1968 auch das Abendmahl genommen habe – es sei aber nach 37 Jahren nicht mehr rekonstruierbar .“ Was will er damit sagen? Steht unvorsichtig für unwahr? Will er gar – „nicht mehr rekonstruierbar“ – die Möglichkeit insinuieren, jene Urkunde stelle etwas fest, was gar nicht stattgefunden hat?
Inzwischen freilich muss Berger sich nicht nur mit der von ihm so heftig bestrittenen Tatsache auseinandersetzen, dass er durchaus am evangelischen Abendmahl teilgenommen hat, sondern auch mit der kirchenrechtswidrigen Anmaßung, selbst evangelische Abendmahlsgottesdienste geleitet zu haben.
Er räumt dies inzwischen auch umstandslos ein
. Seine Rechtfertigung jedoch verschlägt einem neuerlich den Atem: „
Jeder evangelische Theologieprofessor in Heidelberg bekomme mit seiner Berufung den Verkündigungsauftrag und die Rechte, die mit einer Ordination verbunden sind, auch wenn er nicht für den Pfarrdienst ordiniert sei. Diesem Auftrag sei er nachgekommen
,“ so Berger.
Doch dies trifft mitnichten zu. Die rein staatliche Ernennung zum Dozenten (Berger ist im Übrigen gar kein „Ordinarius“ – und nur bei der Besetzung dieser C-4-Stellen muss im Bereich der Badischen Landeskirche das staatliche Benehmen mit der Kirche hergestellt werden) kann in keinem Fall die kirchliche Berechtigung zur „freien Wortverkündigung“ (d.h.: Predigt) und zur „Sakramentsverwaltung“ (d.h.: Leitung des Abendmahls) auslösen. Dafür bedarf es eben der kirchlichen Ordination oder, soweit es nur um die Predigt geht, einer anderweitigen ausdrücklichen kirchlichen Bevollmächtigung. Beides liegt im Falle Klaus Bergers nicht vor. Mit seinen Auftritten im Talar verstößt er gegen das Recht sämtlicher evangelischer Landeskirchen im Deutschland, besonders deutlich gegen das der lutherischen – also auf den norddeutschen Inseln als Kurseelsorger.
Was bleibt?
Es bleibt als allererstes das tiefe Staunen darüber, wie wenig Berger sich wenigstens durch das Aufdecken seiner großen Lebenslüge und seiner vielen einzelnen Unwahrheiten zu irgendeiner Form der Zurückhaltung oder gar zu einem „Bußschweigen“ veranlassen lässt. Fast jeder andere Mensch würde angesichts eines solchen Abgrunds von Unglaubwürdigkeit vor Scham im Boden versinken. Nun aber sieht man: Berger ist 1968 (auch, vielleicht nur) deshalb in die evangelische Kirche übergetreten, weil dies an der Hamburger theologischen Fakultät, an der er sich habilitieren wollte, zwingende Habilitationsvoraussetzung war. Als er endlich in Heidelberg seine Urkunde über die Verbeamtung auf Lebenszeit in der Hand hat, begab er sich – so man seinen Darstellungen noch Glauben schenken darf – alsbald nach seinen eigenen Worten zu jenem Beichtvater, mit dem er sein geheimes Arrangement trifft: Er blieb Katholik – zahlt aber zur Wahrung seiner Professur, also zur Tarnung weiter evangelische Kirchensteuer. Nun aber, da seine Pensionierung naht, glaubt er, sich auf beklemmende Weise „ehrlich“ machen zu können – und erzählt alle jene abenteuerlichen Dinge, die ihn in lauter tiefe Unehrlichkeiten ziehen.
Sodann bleibt als zweites das Staunen darüber, wie wenig den Anhängern Bergers (darunter vielen, die sich als besonders bekenntnisfest verstehen) die Schwindeleien ihres Idols ausmachen. Fast, als dürfe sich ein Guru alles erlauben.
Und schließlich bleibt das Erstaunen darüber, dass all jene, die in Religions- und Konfessionsdingen zunächst nicht mehr verlangen, als schlichte Wahrheit und Klarheit, als Aufrichtigkeit und Offenheit, sich von Berger und seinen verbliebenen Anhängern nachsagen lassen müssen, sie lehnten die Ökumene ab. Im Gegenteil: Wer der Ökumene schaden will, der muss sie nur mit solchen drastischen – und minutiös zu belegenden – Horizontschleichereien einer so genannten „ökumenischen Existenz“ belasten, mit jener beklemmenden Mischung aus Anmaßung und Ausweichen, die Klaus Berger in seinem Hin und Her zwischen katholischer Kirchentreue und treulosem Umgang mit dem evangelischen geistlichen Amt an den Tag gelegt hat.
- Datum 16.11.2005 - 12:25 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 14.11.2005
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In kath.net vom 28. November 2005 fand ich den folgenden bedenkenswerten Kommentar.
Friedrich Halfmann
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Erbarmen mit einem Grenzgänger!
Ein evangelisch-katholischer Kommentar zum Fall Berger - Von Johannes Krug und Andreas Püttmann
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat im zurückliegenden Spiel gegen Frankreich vor allem eines verbessert: Ihr Verhalten nach Ballverlust. So mancher aus der Evangelischen Kirche, der in den vergangenen Wochen gegen Klaus Bergers Exilkatholizismus gewettert hat, hätte von den elf Freunden lernen können. Wie elegant, wie selbstbewusst, auch wie sachgerecht hätte die Pressemitteilung geklungen: Auch nach 500 Jahren bietet die Evangelische Kirche denen Schutz, die einzig und allein auf die Heilige Schrift zu hören bereit sind.
Bei aller Polemik, die nun durch die Zeitungen rumpelt das eine kann man Klaus Berger gewiss nicht vorwerfen, dass er seine Lehre nicht am sola scriptura ausrichtet. Zeit seiner Universitätslaufbahn hat er durchaus wider den Zeitgeist gegen exegetische Brillen gekämpft. Er hat davor gewarnt, die neutestamentlichen antiken Texte in Kategorien moderner Soziologie oder Psychologie zu zwängen. Berger hat von sich, seinen Schülern und seinen Lesern mit Nachdruck die Bereitschaft verlangt, sich überraschen, irritieren, sich bisweilen auch ärgern zu lassen von der Fremdheit des Textes. Ja, er gab das Ideal nicht auf, dem historischen Wortsinn so nahe wie möglich zu kommen und verfocht konsequent wie kaum ein anderer und mit ungeheurer Gelehrsamkeit den religionsgeschichtlichen Weg. Naiv war das nicht seinen Gadamer hat er studiert.
Noch etwas anderes, eine in angelsächsischen Ländern verbreitete Tugend verdanken wir Klaus Berger: Er schlägt in seinen zahlreichen Büchern und Vorträgen immer wieder Brücken zwischen Wissenschaft, Kirchenvolk und Kanzel. Seine Bücher eine Fundgrube, ein geistiges Feuerwerk: Selten klar geordnet, gelegentlich umstritten, aber fast immer höchst anregend und immer wieder brilliant. Freunde unter seinen neutestamentlichen Kollegen hat ihm das nicht gemacht. Warum fällt es so schwer, einem profilierten, höchst eigenwilligen und polarisierenden Liebhaber der Schrift augenzwinkernd Herberge zu gewähren?
Es sind wohl Bergers in den letzten Jahren immer schärfer vorgetragene Gedanken zur Ökumene (Unterwerfung tut wohl). Und in der Tat, das muss er sich fragen lassen: Hätte sein gefühlter Gaststatus nicht von besonderer Sensibilität in Sachen Ökumene geprägt sein müssen? Wieso musste er seine protestantischen Herbergsgeber offenbar so bis aufs Blut reizen, dass einige schließlich verabredeten, den aus dem Kuckucksei geschlüpften Nestbeschmutzer öffentlich als Betrüger zu diffamieren?
Andererseits: Berger hat auch den katholischen Mainstream nicht geschont, sich auch dort und nicht nur zu seinen Promotionszeiten - Häresievorwürfe eingehandelt und kann schon von daher nicht als katholisches U-Boot in einer evangelischen Fakultät betrachtet werden. Eher schon als loose canon, als unbefestigte Kanone auf dem Deck des Kirchenschiffs, von der man immer fürchten musste, dass der Schuss auch die eigene Mannschaft treffen könnte. Und wohl meistens zu recht.
Die eigene? Klaus Berger mag sich selbst katholisch fühlen und bekennen kirchenbürokratisch oder glaubensideologisch zu vereinnahmen ist er nicht. Er blieb stets Grenzgänger, der sich mutig zwischen alle Stühle setzte, und zwar nicht aus Querulanz oder Laune, sondern aus kompromissloser Treue zum Evangelium und aus einer Gewissensnot, in die ihn katholische Verwalter der (damals) reinen Lehre gebracht hatten wie einst Martin Luther. Berger hat sich äußerlich leidlich arrangiert im Land der gnadenlosen Glaubenskämpfe, in dem die Kirchen noch bis vor wenigen Jahrzehnten um die gemeinsame Benutzung von Friedhöfen oder die Einweihung von Brücken stritten. Doch er hat sich durch das Arrangement innerlich nie verbiegen lassen.
Er lehrte christliche Theologie und war sich auch für die vernachlässigte Volkskatechese und streitbare Zeitungsartikel nicht zu fein verkündete authentisch, komme es gelegen oder ungelegen. Konfliktvermeider und Konsensverwalter des deutsch-kirchlichen Juste milieu, die Liebhaber lauer Badetemperaturen mussten diese knorrig eigensinnige, schon von der Physiognomie her prophetisch anmutende Gestalt als Störenfried empfinden. Sie bliesen jetzt zur Rache auf ihrem Niveau: in den Kategorien von Kirchensteuer, Versorgungsansprüchen und Rechtstiteln.
Für die evangelische Kirche, die doch stets die Toleranz und das Kriterium der Schriftgemäßheit hoch hält, droht die ganze Affäre zu einem Bumerang zu geraten, jedenfalls eher zur eigenen Blamage als für den neben Joseph Ratzinger meistgelesenen deutschen Theologen der Gegenwart.
Nicht eine einzige unevangelische Aussage konnte sie Berger bisher nachweisen. Dessen Anhänglichkeit an die Konfession seiner Ursprünge wurde durch das Skandalgeschrei protestantischer Glaubenswächter erst richtig bekannt gemacht und könnte dem einen oder anderen von Bergers evangelischen Bewunderern womöglich zum Vorbild für die Justierung seiner eigenen konfessionellen Identität werden.
Manch anderer wird sich fragen, ob die evangelische Kirche sich nicht besser mit Atheisten und Agnostikern in ihren Fakultäten auseinandersetzen sollte als mit einem wirklichen Professor des biblischen Glaubens, der von Heimat, Herz und Geist schließlich doch römisch-katholisch geblieben ist.
Klaus Berger hat Gott auf den krummen Zeilen seiner konfessionellen Doppel-Existenz gerade schreiben lassen. Er hat unzählige Menschen im Glauben und im Verständnis der Heiligen Schrift gestärkt und ihnen jene Antworten auf bedrängende Lebensfragen vermittelt (Wie kann Gott Leid und Katastrophen zulassen?; Ist mit dem Tod alles aus?), die ihre Religionslehrer und Pfarrer vor Ort ihnen bisweilen schuldig blieben. Wer selbst so kenntnisreich, leidenschaftlich, unermüdlich, bibelfest und massenwirksam Gottes Wort verkündet hat wie Klaus Berger, der werfe den ersten Stein.
Autoren:
Dr. Johannes Krug (36) ist evangelischer Theologe und Pfarrer in Berlin. Dr. Andreas Püttmann (41) aus Bonn ist Politikwissenschaftler und katholischer Publizist.
als atheist bleibt mir nur: oh gott...
Das ist es was den Skandal Berger so ekelhaft werden läßt. Seine Anhänger verlieren beim eigenen Idol jedes Augenmaß und kommen ins beliebige Gefasel, so wie es in Berlin im Parlament auch getan wird. Die geistig-moralischen Ansprüche sind hoch, dummerweise immer nur bei den anderen. Die wirkliche Frechheit zu besitzen , wer gegen
diese permanente Lügerei etwas sage, der habe etwas gegen die Ökumene, das ist obszön.
Robert Leicht schätze ich als evangelischen Christen wie als Journalisten - und dies wird auch so bleiben, auch wenn er jetzt, sichtlich nicht wissend, was er tut, die öffentliche Hinrichtung von Klaus Berger inszenieren will. Wie ist das möglich? Leicht geht jedes Gespür für die persönliche Tragik ab, die hinter dem Fall Berger steckt, der längst schon ein Fall war, als Klaus Berger sich in offensichtlich großer Not entschlossen hat, einen Weg außerhalb der katholischen Theologie zu suchen, der ihm menschlich, wirtschaftlich, wissenschaftlich das Überleben ermöglichte. Weiß Robert Leicht davon nichts? Was es heißt als junger, verheißungsvoller Wissenschaftler von einem selbst wiederum tragischen Fall - dem hochdepressiven Otto Kuss, der an den Widersprüchen seiner theologischen Existenz zu zerbrechen drohte - "abgeschossen" zu werden, einschließlich - so weit ich weiß - der Denunziation im Freiburger Priesterseminar? Berger ist dadurch in eine prekäre Situation geraten, eine Situation, die möglicherweise einfach auch ungelöste Konflikte in seiner Existenz widerspiegelt, eine Situation, die in dieser Form nicht "vorgesehen" ist, die in der Tat Widersprüche und Brüche aufweist. Die Heidelberger Fakultät hat davon gewußt und damit umzugehen gesucht (G. Besier in "Die Welt"). Ohne Zweifel: Berger ist ein schwieriger Mensch, ein notorischer Querdenker, der lustvoll provoziert. Dabei greift er gar nicht selten daneben. Wie oft habe ich mich über den Exegeten und Theologen geärgert! Aber darin, in produktiver Querköpfigkeit, liegt auch der wissenschaftliche Rang Bergers, der - bei aller Querköpfigkeit, aber oft gerade deshalb - hohes Ansehen genießt. Ja, ein schwieriger Mensch - aber sprechen Sie über den Menschen Klaus Berger auch einmal mit Mitgliedern aus seinem großen und auch in den theologischen Positionen sehr vielfältigen Schülerkreis. Ich habe Berger nur einmal öffentlich erlebt. Aus seiner prekären Situation hat er keinen Hehl gemacht, schon gar nicht hat er gelogen, aber überall waren die Verletzungen zu spüren - und die Tragik dahinter. Lieber Robert Leicht, auch ich habe mich über Klaus Berger nicht nur einmal geärgert, aber würde eine solche Geschichte nicht ein wenig mehr auch den Blick der Barmherzigkeit verdienen?
Martin Brüske, Fribourg, Schweiz
Mensch, ist das lustig! Zeigt was für'n Pippifax das ganze Religionszeug ist. Dem lieben Gott scheint es jedenfalls nicht weiter zu vergrämen...
"Engültige Verurteilungen auszusprechen ist nach seinem Selbstverständnis die Aufgabe des katholischen Lehramtes. Das brauchen wir in der evangelischen Kirche nicht" meint badman. Nun, dann kann Berger aus seiner katholischen Lebenseinstellung heraus ja nur die endgültige Verurteilung durch Robert Leicht als ein Stück Ökumene begrüßen.
Wie dichtete doch weiland von Goethe im "Cophtischen Lied"?
"Lasset Gelehrte sich zanken und streiten,
Streng und bedaechtig die Lehrer auch sein!
Alle die Weisesten alle der Zeiten
Laecheln und winken und stimmen mit ein:
Toericht, auf Bessrung der Toren zu harren!
Kinder der Klugheit, o habet die Narren
Eben zum Narren auch, wie sichs gehoert! ... ."
In diesem Sinne ist Herr Berger doch wohl ein wahrhaft echter Goetheianer
Leichtfällig spricht Herr Leicht von einem Fall,
der eher ein Fall von konfessionellem Schützengrabendenken ist. Ein Fall von Ärger über Berger - dabei aber mehr über Leichthuberei sagend als über den Heidelberger Professor. Übrigens der zweite seiner Art, der in diesem Jahr im Auftrage politischer Machtabsicherung des Establishments geschlachtet zu werden droht.
Lieber Herr Leicht, die von Ihnen hier präsentierten Dokumente ergeben in der Tat, daß nicht alles einfach aufgeht. Auf keinen Fall geht die Sache so leicht auf, wie Sie das schlußfolgern.
Können Sie mir erklären, wo Ihre eigenen Befindlichkeiten in diesem Fall stecken? Zu spüren sind sie ja, aber Sie machen sie leider nicht kenntlich!
Das Konfessionelle glaube ich Ihnen so nicht. Denn in der Tat konnte und kann man als Lutheraner von Berger mehr lernen, als von manch anderem "evangelischen" Professor. Sicher können auch Katholiken und Calvinisten von Berger lernen. Er ist nun einmal einer der geistig anregendsten Exegeten der Gegenwart. Und wer "evangelisch" oder "katholisch" sein will, ist klug beraten, sich bibelwissenschaftlich gut abzusichern. Allerdings sind allzu spitze Nachfragen von Exegeten bei den Dogmatikern aller Fraktionen nie gern gesehen gewesen. Das Einfachste war es in solchen Fällen immer, den eigenständigen Exegeten als "häretisch" abzustempeln.
Wollten Sie nun eine Art norddeutsche Kongregation für Glaubensfragen gründen und den Anti-Ratzinger geben? Lebt die Heilige Inquisition in Hamburg spiegelbildlich fort?
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