religion Der Fall Klaus BergerSeite 3/3
Es bleibt als allererstes das tiefe Staunen darüber, wie wenig Berger sich wenigstens durch das Aufdecken seiner großen Lebenslüge und seiner vielen einzelnen Unwahrheiten zu irgendeiner Form der Zurückhaltung oder gar zu einem „Bußschweigen“ veranlassen lässt. Fast jeder andere Mensch würde angesichts eines solchen Abgrunds von Unglaubwürdigkeit vor Scham im Boden versinken. Nun aber sieht man: Berger ist 1968 (auch, vielleicht nur) deshalb in die evangelische Kirche übergetreten, weil dies an der Hamburger theologischen Fakultät, an der er sich habilitieren wollte, zwingende Habilitationsvoraussetzung war. Als er endlich in Heidelberg seine Urkunde über die Verbeamtung auf Lebenszeit in der Hand hat, begab er sich – so man seinen Darstellungen noch Glauben schenken darf – alsbald nach seinen eigenen Worten zu jenem Beichtvater, mit dem er sein geheimes Arrangement trifft: Er blieb Katholik – zahlt aber zur Wahrung seiner Professur, also zur Tarnung weiter evangelische Kirchensteuer. Nun aber, da seine Pensionierung naht, glaubt er, sich auf beklemmende Weise „ehrlich“ machen zu können – und erzählt alle jene abenteuerlichen Dinge, die ihn in lauter tiefe Unehrlichkeiten ziehen.
Sodann bleibt als zweites das Staunen darüber, wie wenig den Anhängern Bergers (darunter vielen, die sich als besonders bekenntnisfest verstehen) die Schwindeleien ihres Idols ausmachen. Fast, als dürfe sich ein Guru alles erlauben.
Und schließlich bleibt das Erstaunen darüber, dass all jene, die in Religions- und Konfessionsdingen zunächst nicht mehr verlangen, als schlichte Wahrheit und Klarheit, als Aufrichtigkeit und Offenheit, sich von Berger und seinen verbliebenen Anhängern nachsagen lassen müssen, sie lehnten die Ökumene ab. Im Gegenteil: Wer der Ökumene schaden will, der muss sie nur mit solchen drastischen – und minutiös zu belegenden – Horizontschleichereien einer so genannten „ökumenischen Existenz“ belasten, mit jener beklemmenden Mischung aus Anmaßung und Ausweichen, die Klaus Berger in seinem Hin und Her zwischen katholischer Kirchentreue und treulosem Umgang mit dem evangelischen geistlichen Amt an den Tag gelegt hat.
- Datum 16.11.2005 - 12:25 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 14.11.2005
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In kath.net vom 28. November 2005 fand ich den folgenden bedenkenswerten Kommentar.
Friedrich Halfmann
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Erbarmen mit einem Grenzgänger!
Ein evangelisch-katholischer Kommentar zum Fall Berger - Von Johannes Krug und Andreas Püttmann
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat im zurückliegenden Spiel gegen Frankreich vor allem eines verbessert: Ihr Verhalten nach Ballverlust. So mancher aus der Evangelischen Kirche, der in den vergangenen Wochen gegen Klaus Bergers Exilkatholizismus gewettert hat, hätte von den elf Freunden lernen können. Wie elegant, wie selbstbewusst, auch wie sachgerecht hätte die Pressemitteilung geklungen: Auch nach 500 Jahren bietet die Evangelische Kirche denen Schutz, die einzig und allein auf die Heilige Schrift zu hören bereit sind.
Bei aller Polemik, die nun durch die Zeitungen rumpelt das eine kann man Klaus Berger gewiss nicht vorwerfen, dass er seine Lehre nicht am sola scriptura ausrichtet. Zeit seiner Universitätslaufbahn hat er durchaus wider den Zeitgeist gegen exegetische Brillen gekämpft. Er hat davor gewarnt, die neutestamentlichen antiken Texte in Kategorien moderner Soziologie oder Psychologie zu zwängen. Berger hat von sich, seinen Schülern und seinen Lesern mit Nachdruck die Bereitschaft verlangt, sich überraschen, irritieren, sich bisweilen auch ärgern zu lassen von der Fremdheit des Textes. Ja, er gab das Ideal nicht auf, dem historischen Wortsinn so nahe wie möglich zu kommen und verfocht konsequent wie kaum ein anderer und mit ungeheurer Gelehrsamkeit den religionsgeschichtlichen Weg. Naiv war das nicht seinen Gadamer hat er studiert.
Noch etwas anderes, eine in angelsächsischen Ländern verbreitete Tugend verdanken wir Klaus Berger: Er schlägt in seinen zahlreichen Büchern und Vorträgen immer wieder Brücken zwischen Wissenschaft, Kirchenvolk und Kanzel. Seine Bücher eine Fundgrube, ein geistiges Feuerwerk: Selten klar geordnet, gelegentlich umstritten, aber fast immer höchst anregend und immer wieder brilliant. Freunde unter seinen neutestamentlichen Kollegen hat ihm das nicht gemacht. Warum fällt es so schwer, einem profilierten, höchst eigenwilligen und polarisierenden Liebhaber der Schrift augenzwinkernd Herberge zu gewähren?
Es sind wohl Bergers in den letzten Jahren immer schärfer vorgetragene Gedanken zur Ökumene (Unterwerfung tut wohl). Und in der Tat, das muss er sich fragen lassen: Hätte sein gefühlter Gaststatus nicht von besonderer Sensibilität in Sachen Ökumene geprägt sein müssen? Wieso musste er seine protestantischen Herbergsgeber offenbar so bis aufs Blut reizen, dass einige schließlich verabredeten, den aus dem Kuckucksei geschlüpften Nestbeschmutzer öffentlich als Betrüger zu diffamieren?
Andererseits: Berger hat auch den katholischen Mainstream nicht geschont, sich auch dort und nicht nur zu seinen Promotionszeiten - Häresievorwürfe eingehandelt und kann schon von daher nicht als katholisches U-Boot in einer evangelischen Fakultät betrachtet werden. Eher schon als loose canon, als unbefestigte Kanone auf dem Deck des Kirchenschiffs, von der man immer fürchten musste, dass der Schuss auch die eigene Mannschaft treffen könnte. Und wohl meistens zu recht.
Die eigene? Klaus Berger mag sich selbst katholisch fühlen und bekennen kirchenbürokratisch oder glaubensideologisch zu vereinnahmen ist er nicht. Er blieb stets Grenzgänger, der sich mutig zwischen alle Stühle setzte, und zwar nicht aus Querulanz oder Laune, sondern aus kompromissloser Treue zum Evangelium und aus einer Gewissensnot, in die ihn katholische Verwalter der (damals) reinen Lehre gebracht hatten wie einst Martin Luther. Berger hat sich äußerlich leidlich arrangiert im Land der gnadenlosen Glaubenskämpfe, in dem die Kirchen noch bis vor wenigen Jahrzehnten um die gemeinsame Benutzung von Friedhöfen oder die Einweihung von Brücken stritten. Doch er hat sich durch das Arrangement innerlich nie verbiegen lassen.
Er lehrte christliche Theologie und war sich auch für die vernachlässigte Volkskatechese und streitbare Zeitungsartikel nicht zu fein verkündete authentisch, komme es gelegen oder ungelegen. Konfliktvermeider und Konsensverwalter des deutsch-kirchlichen Juste milieu, die Liebhaber lauer Badetemperaturen mussten diese knorrig eigensinnige, schon von der Physiognomie her prophetisch anmutende Gestalt als Störenfried empfinden. Sie bliesen jetzt zur Rache auf ihrem Niveau: in den Kategorien von Kirchensteuer, Versorgungsansprüchen und Rechtstiteln.
Für die evangelische Kirche, die doch stets die Toleranz und das Kriterium der Schriftgemäßheit hoch hält, droht die ganze Affäre zu einem Bumerang zu geraten, jedenfalls eher zur eigenen Blamage als für den neben Joseph Ratzinger meistgelesenen deutschen Theologen der Gegenwart.
Nicht eine einzige unevangelische Aussage konnte sie Berger bisher nachweisen. Dessen Anhänglichkeit an die Konfession seiner Ursprünge wurde durch das Skandalgeschrei protestantischer Glaubenswächter erst richtig bekannt gemacht und könnte dem einen oder anderen von Bergers evangelischen Bewunderern womöglich zum Vorbild für die Justierung seiner eigenen konfessionellen Identität werden.
Manch anderer wird sich fragen, ob die evangelische Kirche sich nicht besser mit Atheisten und Agnostikern in ihren Fakultäten auseinandersetzen sollte als mit einem wirklichen Professor des biblischen Glaubens, der von Heimat, Herz und Geist schließlich doch römisch-katholisch geblieben ist.
Klaus Berger hat Gott auf den krummen Zeilen seiner konfessionellen Doppel-Existenz gerade schreiben lassen. Er hat unzählige Menschen im Glauben und im Verständnis der Heiligen Schrift gestärkt und ihnen jene Antworten auf bedrängende Lebensfragen vermittelt (Wie kann Gott Leid und Katastrophen zulassen?; Ist mit dem Tod alles aus?), die ihre Religionslehrer und Pfarrer vor Ort ihnen bisweilen schuldig blieben. Wer selbst so kenntnisreich, leidenschaftlich, unermüdlich, bibelfest und massenwirksam Gottes Wort verkündet hat wie Klaus Berger, der werfe den ersten Stein.
Autoren:
Dr. Johannes Krug (36) ist evangelischer Theologe und Pfarrer in Berlin. Dr. Andreas Püttmann (41) aus Bonn ist Politikwissenschaftler und katholischer Publizist.
als atheist bleibt mir nur: oh gott...
Das ist es was den Skandal Berger so ekelhaft werden läßt. Seine Anhänger verlieren beim eigenen Idol jedes Augenmaß und kommen ins beliebige Gefasel, so wie es in Berlin im Parlament auch getan wird. Die geistig-moralischen Ansprüche sind hoch, dummerweise immer nur bei den anderen. Die wirkliche Frechheit zu besitzen , wer gegen
diese permanente Lügerei etwas sage, der habe etwas gegen die Ökumene, das ist obszön.
Robert Leicht schätze ich als evangelischen Christen wie als Journalisten - und dies wird auch so bleiben, auch wenn er jetzt, sichtlich nicht wissend, was er tut, die öffentliche Hinrichtung von Klaus Berger inszenieren will. Wie ist das möglich? Leicht geht jedes Gespür für die persönliche Tragik ab, die hinter dem Fall Berger steckt, der längst schon ein Fall war, als Klaus Berger sich in offensichtlich großer Not entschlossen hat, einen Weg außerhalb der katholischen Theologie zu suchen, der ihm menschlich, wirtschaftlich, wissenschaftlich das Überleben ermöglichte. Weiß Robert Leicht davon nichts? Was es heißt als junger, verheißungsvoller Wissenschaftler von einem selbst wiederum tragischen Fall - dem hochdepressiven Otto Kuss, der an den Widersprüchen seiner theologischen Existenz zu zerbrechen drohte - "abgeschossen" zu werden, einschließlich - so weit ich weiß - der Denunziation im Freiburger Priesterseminar? Berger ist dadurch in eine prekäre Situation geraten, eine Situation, die möglicherweise einfach auch ungelöste Konflikte in seiner Existenz widerspiegelt, eine Situation, die in dieser Form nicht "vorgesehen" ist, die in der Tat Widersprüche und Brüche aufweist. Die Heidelberger Fakultät hat davon gewußt und damit umzugehen gesucht (G. Besier in "Die Welt"). Ohne Zweifel: Berger ist ein schwieriger Mensch, ein notorischer Querdenker, der lustvoll provoziert. Dabei greift er gar nicht selten daneben. Wie oft habe ich mich über den Exegeten und Theologen geärgert! Aber darin, in produktiver Querköpfigkeit, liegt auch der wissenschaftliche Rang Bergers, der - bei aller Querköpfigkeit, aber oft gerade deshalb - hohes Ansehen genießt. Ja, ein schwieriger Mensch - aber sprechen Sie über den Menschen Klaus Berger auch einmal mit Mitgliedern aus seinem großen und auch in den theologischen Positionen sehr vielfältigen Schülerkreis. Ich habe Berger nur einmal öffentlich erlebt. Aus seiner prekären Situation hat er keinen Hehl gemacht, schon gar nicht hat er gelogen, aber überall waren die Verletzungen zu spüren - und die Tragik dahinter. Lieber Robert Leicht, auch ich habe mich über Klaus Berger nicht nur einmal geärgert, aber würde eine solche Geschichte nicht ein wenig mehr auch den Blick der Barmherzigkeit verdienen?
Martin Brüske, Fribourg, Schweiz
Mensch, ist das lustig! Zeigt was für'n Pippifax das ganze Religionszeug ist. Dem lieben Gott scheint es jedenfalls nicht weiter zu vergrämen...
"Engültige Verurteilungen auszusprechen ist nach seinem Selbstverständnis die Aufgabe des katholischen Lehramtes. Das brauchen wir in der evangelischen Kirche nicht" meint badman. Nun, dann kann Berger aus seiner katholischen Lebenseinstellung heraus ja nur die endgültige Verurteilung durch Robert Leicht als ein Stück Ökumene begrüßen.
Wie dichtete doch weiland von Goethe im "Cophtischen Lied"?
"Lasset Gelehrte sich zanken und streiten,
Streng und bedaechtig die Lehrer auch sein!
Alle die Weisesten alle der Zeiten
Laecheln und winken und stimmen mit ein:
Toericht, auf Bessrung der Toren zu harren!
Kinder der Klugheit, o habet die Narren
Eben zum Narren auch, wie sichs gehoert! ... ."
In diesem Sinne ist Herr Berger doch wohl ein wahrhaft echter Goetheianer
Leichtfällig spricht Herr Leicht von einem Fall,
der eher ein Fall von konfessionellem Schützengrabendenken ist. Ein Fall von Ärger über Berger - dabei aber mehr über Leichthuberei sagend als über den Heidelberger Professor. Übrigens der zweite seiner Art, der in diesem Jahr im Auftrage politischer Machtabsicherung des Establishments geschlachtet zu werden droht.
Lieber Herr Leicht, die von Ihnen hier präsentierten Dokumente ergeben in der Tat, daß nicht alles einfach aufgeht. Auf keinen Fall geht die Sache so leicht auf, wie Sie das schlußfolgern.
Können Sie mir erklären, wo Ihre eigenen Befindlichkeiten in diesem Fall stecken? Zu spüren sind sie ja, aber Sie machen sie leider nicht kenntlich!
Das Konfessionelle glaube ich Ihnen so nicht. Denn in der Tat konnte und kann man als Lutheraner von Berger mehr lernen, als von manch anderem "evangelischen" Professor. Sicher können auch Katholiken und Calvinisten von Berger lernen. Er ist nun einmal einer der geistig anregendsten Exegeten der Gegenwart. Und wer "evangelisch" oder "katholisch" sein will, ist klug beraten, sich bibelwissenschaftlich gut abzusichern. Allerdings sind allzu spitze Nachfragen von Exegeten bei den Dogmatikern aller Fraktionen nie gern gesehen gewesen. Das Einfachste war es in solchen Fällen immer, den eigenständigen Exegeten als "häretisch" abzustempeln.
Wollten Sie nun eine Art norddeutsche Kongregation für Glaubensfragen gründen und den Anti-Ratzinger geben? Lebt die Heilige Inquisition in Hamburg spiegelbildlich fort?
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