New Orleans Der Blues nach der Flut

Was Jazzmusiker über die Katastrophe denken und wie Musikfreunde helfen können. Ein Bericht samt Audio-Interview mit Charlie Haden und Herbie Hancock

Louis Armstrong

Louis Armstrong

Wenn man amerikanische Jazzmusiker heute fragt, was sie am meisten an den Fernsehbildern aus New Orleans schockiert hat, ist die Antwort einhellig: die Kombination aus Armut und Rassismus. Das sei symptomatisch für das amerikanische System, klagen sie, und das habe sich seit den Anfängen des Jazz nicht wesentlich geändert.

Louis Armstrongs Mutter war 16, als er in New Orleans geboren wurde, und die Gegend, in der er zur Welt kam, galt als so gefährlich, dass man sie auch „das Schlachtfeld“ nannte. In „Back O´Town“ stank es nach Müll und Pisse. Im Jugendgefängnis, sagte Louis Armstrong später, sei es dann besser gewesen.

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Trotzdem blieb ihm The Big Easy zeitlebens die Seele, das Herz des Jazz. Daran erinnert heute der Leiter von Jazz at Lincoln Center, der Trompeter Wynton Marsalis, wenn es darum geht, den in Not geratenen Menschen zu helfen. Unermüdlich hat er in den letzten Wochen an Benefizkonzerten für seine Heimatstadt teilgenommen. Zwei Millionen Dollar erbrachte das von ihm organisierte Higher Ground Hurricane Relief Benefit Concert am 17. September in New York. Eine CD gleichen Namens , die in Kürze bei Blue Note erscheint, enthält Ausschnitte mit Norah Jones, Bette Midler und Cassandra Wilson – der Erlös soll denjenigen zugute kommen, die aus dem Großraum New Orleans evakuiert worden sind.

„Please, please, please“, sagt Marsalis, na klar brauche New Orleans auch internationale Hilfe, Bush sei einfach nicht in tune mit dem, was die Menschen erlitten. Auch wenn der amerikanische Präsident inzwischen bemerkte, dass die sichtbar gewordene Armut in einer „Geschichte der Rassendiskriminierung“ wurzele, „die ganze Generationen von den Entwicklungsmöglichkeiten Amerikas ausgeschlossen hat“.

Marsalis sagt, es gehe bei dem Wiederaufbau seiner Heimatstadt um die „Seele Amerikas“. Schwarze Menschen, die wie Geister über die Fernsehbildschirme flimmern, ihre Hilferufe und Fragen nach dem Verbleib der Väter, Mütter, Schwestern und Brüder hätten die Probleme verdeutlicht, die seit der Sklaverei den Alltag prägen. In dem Moment, da die Fernsehkameras aus New Orleans abgezogen werden, drohe die Gleichgültigkeit des Systems zurückzukehren. Das befürchten viele.

Marsalis sagt, seine Familie sei zum Glück unversehrt, aber obdachlos. 2000 professionelle Musiker hätten ihre Existenzgrundlage verloren, unersetzbare Dokumente des Jazz seien vernichtet worden. Doch die New Orleanser seien Blues-Menschen, unverwüstlich, und deshalb ist er auch überzeugt von der Zukunft der Stadt.

Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Schöner Artikel! Mir hat die Audio-Datei besonders gut gefallen. WEITER SO! *BRÜLL*

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  • Quelle (c) ZEIT online 14.11.2005
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