integration Intifada in Eurabia?

Ob Multikulturalismus oder Assimilierung, vor allem für muslimische Einwanderer sind bislang alle Integrationsmodelle in Europa gescheitert. Dennoch wäre es fatal, sich auf mehr muslimische Selbstverwaltung und rechtsfreie Räume einzulassen. Ein Kommentar von Jürgen Krönig

Es ist nicht ratsam, die Vorzüge des eigenen politischen oder ökonomischen Modells allzu laut anzupreisen. Frankreich macht gerade diese Erfahrung durch. Entbehrt es doch angesichts des Aufruhrs in den tristen Vorstädten des Landes nicht der Ironie, dass noch vor ein paar Monaten Chirac und andere kontinentaleuropäische Politiker selbstbewusst die Überlegenheit des europäischen Sozialmodells betonten und, nicht ohne einen Schuss Selbstgerechtigkeit, den angeblich herzlosen, neoliberalen Weg der Angelsachsen verdammten.

Von einem Gutteil der europäischen Medien wird derzeit als Erklärung für die französischen Unruhen das Mantra von Arbeitslosigkeit, Armut und Diskriminierung bemüht. Was zunächst einmal den Schluss nahe legt, dass es soweit nicht her sein kann mit den Vorzügen des kontinentaleuropäischen Modells. Schließlich mangelt es in den meisten Volkswirtschaften des Kontinents vor allem an Jobs. Was die Integration von Einwanderern gewiss nicht erleichtert. Doch die gebetsmühlenartig dargebotene Formel von Armut und Diskriminierung als Ursache für den Aufstand in den Immigrantenghettos verdeckt das Ausmaß eines gesamteuropäischen Dilemmas: Nirgendwo ist Integration wirklich gelungen, für welchen Weg man sich auch entschieden hat - ob für säkulare, farbenblinde Assimilierung wie in Frankreich, wo keine Zugeständnisse an kulturelle Eigenheiten der Einwanderer gemacht wurden, oder ob man, wie in Holland, Großbritannien und Deutschland, lange Zeit auf multikulturellem Pfad wandelte und es vor lauter Sensibilität versäumte, den Neuankömmlingen eine Anpassung an das Wertesystem ihrer neuen Heimat abzuverlangen.

Anzeige

In Frankreich fackelt die zweite Einwanderergeneration aus dem Maghreb und Afrika in großem Stil Autos ab, in Großbritannien verbrannten Selbstmordattentäter, die aus scheinbar gut integrierten, in einigen Fällen sogar recht wohlhabenden Familien stammten, ihre Opfer, während in Holland der Filmemacher van Gogh in einem Ritualmord umgebracht wurde und Parlamentarier unter Polizeischutz im Versteck leben müssen. Anstatt "Staat" oder "Gesellschaft" die Schuld zuzuschieben und Täter zu Opfern zu machen, sollte man eine ehrliche Bilanz ziehen. Europa hat hinreichend Erfahrung gesammelt mit Einwanderung.

Nach 50 Jahren lassen sich einige bittere Erkenntnisse nicht länger leugnen: Massenhafte Immigration, die aus demografischen wie ökonomischen Gründen bewusst gefördert wurde, bringt nicht nur Vorteile; sie zieht unweigerlich Probleme nach sich sowohl für Einwanderer wie für die heimische Bevölkerung. Kosten und Nutzen sind nicht gleichmäßig verteilt. Die Mehrheitsgesellschaft darf nicht überfordert werden, sonst erntet man Rassismus und Rechtsextremismus. Genauso wichtig ist die Einsicht, dass wachsende Vielfalt in europäischen Ländern auf Dauer das Mindestmaß an gemeinsamer Kultur unterminiert, dessen es bedarf, um einen großzügigen Sozialstaat zu erhalten.

Des Weiteren: Manche ethnischen Gruppen vermögen sich ganz offenkundig besser an demokratische Industriegesellschaften anzupassen als andere. Die multikulturelle Ideologie ist in Europas Medien in einer Art dominant geworden, dass nur selten die Frage gestellt wird, ob es nicht interne Gründe innerhalb ethnischer und religiöser Minderheiten gibt, die ihre sozioökonomische Stellung erklären könnten. Dabei enthalten die Statistiken in Europa hierzu eine unmissverständliche Botschaft. Muslimische Einwanderer und ihr Nachwuchs sind in aller Regel ärmer, eher arbeitslos und schlechter ausgebildet als etwa Immigranten aus Indien oder Südostasien. Sowohl in Frankreich wie in Großbritannien leben fast 40 % der muslimischen Bevölkerungsgruppe von Zuwendungen des Staates. Die Arbeitslosigkeit unter asiatischen Einwandern dagegen liegt stets weit unter dem Landesdurchschnitt und deutlich auch unter der Rate für die weiße Bevölkerung.

Die Unterdrückung der Frauen im islamischen Kulturkreis verschärft die sozialen Probleme der muslimischen Minorität, die ihren Frauen fast überall Erziehung und persönliche Entfaltung verweigert. Das ist nicht nur unakzeptabel für den demokratischen Rechtsstaat, in dem die Muslime leben. Es trägt dazu bei, muslimische Armut zu perpetuieren. In den meisten westlichen Gesellschaften hängt wirtschaftliches Wohlergehen, man mag das bedauern oder nicht, von zwei Einkommen pro Familie ab.

Leser-Kommentare
  1. Troll05, Sie haben leider wieder den Punkt verpasst. Wie waer es wenn Sie als Nichtmuslim in einem muslimischen Land in der Zeitung laesen, die einheimischen Christen seien die fuenfte Kolonne Washingtons und Tel Avivs, die jederzeit aktiviert werden koennten, um die Integritaet des Vaterlandes (die Aegypter fassen ihr Land uebrigens weiblich, als Mutter auf) zu zerstoeren? Oder die Loyalitaet der libanesischen Christen gehoere mehr Frankreich und den USA als ihrem eigenen Land - in beiden Faellen verbunden mit Forderungen, die Christen zu disziplinieren und ueber das Risiko, das sie fuer ihr Land darstellen, offen und kritisch zu diskutieren.
    Das ist vergleichbar dem, was Muslime derzeit in Deutschland erleben. Und dann setzt man noch einen drauf, indem man behauptet, die Religion verbiete muslimischen Frauen die Berufstaetigkeit, und erlaesst gleichzeitig Kopftuchverbote. Wer wuerde sich da nicht vergackeiert fuehlen?

    • QUOTE
    • 17.11.2005 um 14:51 Uhr

    "Kosten und Nutzen sind nicht gleichmäßig verteilt. Die Mehrheitsgesellschaft darf nicht überfordert werden, sonst erntet man Rassismus und Rechtsextremismus."

    ENDLICH wagt es mal jemand auszusprechen, woran die Einwanderung von BEGINN AN krankte:

    Der eine, kleine Teil der Bevölkerung, dem Geld, Produktionsmittel und somit auch Politiker gehören hatte und hat allen NUTZEN aus der Einwanderung - billige Arbeitskräfte, zusätzliche Konsumenten - während der Rest der Bevölkerung alle KOSTEN trug und trägt - vermehrte Konkurrenz auf dem Arbeits-, Wohnungs- und Ausbildungsmarkt, sowie die Konfrontation mit in vielen Fällen ABSOLUT fremden Lebensgewohnheiten.

    SEIEN WIR DOCH EHRLICH: Es wurde zumeist ABSOLUTE UNTERSCHICHT INS LAND GEHOLT.

    Und dann wurde der Mittelschicht gesagt: "So, nun integriert die mal schön. Wir sind derweil Golf spielen."

    Klar, daß das nicht funktionieren konnte.

    • liloo
    • 16.11.2005 um 15:02 Uhr

    Ich bin als Französin sehr schokiert über den Titel & Inhalt Ihres Artikels.
    Der Begriff Intifada weist für mich auf viel zu leidenschaften und tödliche Kämpfe zurück, um Legitimität in diesem Zusammenhang zu haben.
    Zwar diese Randalierer in Frankreich Jugenliche,aber sie sind Franzosen, keine Einwanderer und in keinem Fall bezeichnen sie sich selber als Pro-Palästinien oder Muslime!
    Man konnte nähmlich aus Ihrem Artikel verstehen, dass muslimische Einwanderer-Truppen französische Territoires nun besetzen und eine Art erbarmungslosen religiösen Krieg führen !
    Die Realität, die seit einer Woche unsere Linke & Rechte in Form vibrante Mea Culpas anerkennen, ist dass, diese Banlieues am Rand unserer grossen Städten schreckliche Ghettos sind , wo die 'sichtbaren Minderheiten'aus unseren alten Kolonien seit 30 Jahren systematish konzentriert worden sind,-mit dem verdrängten Wunsch die UNSICHTBAR zu machen.
    Diese systematische Diskriminierungspolitik-Apartheid wäre hier zu stark- hat wunderbar funtionniert.
    Als Illustration finden sie heute keine Vertreter der 'sichtbare Franzosen'(10% der nationalen Bevölkerung) in den sichtbaren Bereichen: sei es in den Staatsbereichen wie Parlament, Senat, Staatsfernsehen noch in den Privatbereichen- der Arbeitslosigkeitsrat dieser Bevölkerung liegt bei 40%, d.h. 3 bis 4 mal mehr über dem nationalen Durschnitt.
    Als andere Illustration haben wir natürlich auch noch diese hoch sichtbare Reaktionen in den Banlieues: Autos im Feuer!
    Jacques Chirac in seiner offiziellen und schon historischen Anrede an die Nation übergestern hat diese Situation zum ersten Mal geschildert & offiziel verurteilt !!!
    Vielleicht könnten Sie ein Link zur Übersetzung dieser Rede Ihrer Leser anbieten?

    Ich bin mit Ihnen eiverstanden, wenn Sie die französiche Spefizität der Evenements erwähnen. Ich sehe es aber keinesfalls als Scheitern des Nationsmodells als Gesamtes sondern als Scheitern unserer Nation, sich mit seiner kolonialen Geschichte und Vergangenheit auseinanderzusetzen. Erst nach 30 Jahren konnten wir die Worte Guerre d'Algérie ausprechen, heute darf man die Diskrimination nennen verurteilen und kämpfen.
    Ich habe nur Vertrauen in Frankreich, in seinem republikanischen Modell und in seiner diversen Bevölkerung.
    PS_ Bitte verzeihen Sie mein Deutsch, aber wir Franzosen sind für Sprachen nicht sehr begabt, wie ihr weisst...

    • seyma
    • 15.11.2005 um 20:18 Uhr
    4. \N

    Ich stimme ihnen völlig zu; will man in diesen Laendern wie Frankreich oder Deutschland leben sollte man mindestens die Sprache, Werte und dergleichen kennen. Ich glaube auch, dass Parallelgesellschaften auch keine Lösungen sind aber irgendeine Lösung sollte doch gefunden werden. Und dass kann man nicht durch Abschiebungen und Verbote realisieren. Sie haben es in ihrem Artikel erwaehnt, generell müssen mindestens zwei Personen arbeiten für einen gewissen Wohlstandslevel.Aber die muslimische Frau kann meistens nicht arbeiten weil sie in muslimischen Kreisen unterdrückt werden, wie sie meinen. Aber sollte der Gegenzug des Staates ein Verbot des Kopftuchs sein. Wer wird denn hier bitte bestraft?

  2. Manolo, der Bayer haelt alle Nicht-Bayern fuer Preussen. NA UND? Wer sowieso nicht glaubt, dass das Paradies nur suedlich des Weisswurstaequators liegt, dem kann das doch herzlich egal sein. Als Nichtmuslim kann es Ihnen doch egal sein, ob Moslems Sie als Unglaeubigen bezeichnen oder nicht. Was meinen Sie denn, als was evangelikale Christen alle Anderen bezeichnen? Oder religioese Juden? Sie glauben ja sowieso nicht an unseren Himmel mit den Jungfrauen und anderem reizvollem Zubehoer, oder?

    Es kann Ihnen nur dann nicht egal sein, wenn Sie noch einen drauf setzen und sagen dass alle ZF nichts anderes im Sinne haben als alle Unglaeubigen moeglichst pauschal und schnell vom Angesicht der Erde zu tilgen. Uns gewissermassen samt und sonders als Terroristen bezeichnen, oder zumindest als Terrorsympathisanten. Ist es das, was Sie eigentlich sagen wollten?

    Und wieso ist das mit den Ziegenfickern eine Unterstellung? Hat uns irgendjemand in Schutz genommen, als Theo Van Gogh uns so nannte? Meines Wissens stand er zwar wegen antisemitischer (=judeophober) Umtriebe vor dem Kadi, nicht aber wegen Beleidigung von Muslimen.

  3. Meines Erachtens sind die Aufstaende in Frankreich ein Zeichen des unaufhaltsamen Fortschreitens des Verlustes der Souveraenitaet der einzelnen Nationalstaaten in Europa. Das gesellschaftliche Umfeld ist immer mehr durch eine mukltikulturelle Gesellschaft gepraegt, die es jeder Sozialpoltik schwer macht regulierend einzugreifen.
    Das internationale Umfeld beeinflusst in immer groesserem Ausmmasse die nationalstaatliche Politik. Probleme, die man bis jetzt ignoriert hat (z.B.Integration von Immigranten), finden sich im eigenen Hause wieder. Der einzelne Nationalstaat kann sich nicht mehr von dem internationalen Umfeld und dessen fortschreitendem Beduerfnis an Regulierung
    zurueckziehen. Wenn Probleme geloest werden muessen, dann sind alle europaeischen Staaten dazu aufgerufen auch einen
    Beitrag dazu zu leisten. Heutzutage koennen diese Art von Probleme nur zusammen angegangen und dementsprechend geloest werden. Es lebe die "Globaliserung"!

  4. Nach meiner Ansicht wird in dem ausgewogen formulierten Artikel versucht darauf hinzuweisen, dass zu einem vernünftigen Miteinander die Bereitschaft dazu gepaart mit einer Portion Toleranz von zwei Seiten gehört.
    Der Kommentar mit dem Titel ”Dankbar sein” verdeutlicht die Notwendigkeit darauf hinzuweisen.
    Wer sich als Muslim in Deutschland oder auch Frankreich so verhasst fühlt, dass er dem Autor des Artikels und der Gesellschaft allgemein unterstellt, dass nur die bürgerliche Zurückhaltung sie daran hindere, Muslime als ”Ziegenficker” zu bezeichnen, muss sich fragen lassen, warum er überhaupt hier lebt. Das ist genauso unsinnig wie jeden Muslim als potentiellen Bombenleger zu bezeichnen. Diesen Vorwurf so verallgemeinert zu erheben ist absurd und ist sicher auch keine gute Basis, das Problem zu diskutieren. Diese Haltung gibt sicher nicht die Meinung der Mehrheit der in Europa lebenden Muslime wider.

    • Colon
    • 15.11.2005 um 1:58 Uhr

    Natürlich kann keine zivile Gesellschaft "rechtsfreie Räume"
    dulden und Europa kann sich weder muslimische, noch protestantische, noch katholische Selbstverwaltungen als Staatsersatz leisten. Das europäische "Modell" ist ein säkulares! Die Spielregeln gelten für alle Bürger und für jene, die Gäste sind. - Aber der Kommentator verkennt, dass die Spielregeln auch lauten, jedem britischen, französischen oder deutschen Bürger einigermaßen gleichwertige Chancen anzubieten, egal welcher Religion oder welcher Herkunft er ist. Leider muss man feststellen: Diese Gleichwertigkeit war nicht das primäre Ziel der Politik, die entweder alte koloniales Probleme lösen wollte, oder aber einfach ökonomische Vorteile durch billige Arbeitskräfte im Auge hatte.
    Wegen einiger tausend zerstörter Pkw in Frankreich und einigen abgebrannten öffentlichen Gebäuden, sollten wir nicht kollektiv den Verstand verlieren und den Teufel an die Wand malen, sondern sachlich unsere sozialen Probleme lösen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service