Klangforschung Kauz mit Sittich
Kennen Sie Asmus Tietchens? International gilt der Hamburger Künstler als Wegbereiter elektronischer Klangerkundung. Vor vierzig Jahren hat er seine erste Tonbandmusik angefertigt. Aus diesem Anlass ein Porträt und das Stück, mit dem alles begann
Asmus Tietchens im Scherenschnitt
Versuche junger Hörer ist der Titel einer unvergessenen Sendereihe des Norddeutschen Rundfunks, die – gewiss nach streng pädagogischen Maßstäben – junge Menschen anregen sollte, sich mit dem Medium Tonbandgerät auseinander zu setzen.
Ein ganz normales Jugendzimmer in Hamburg-Eppendorf, ein Wellensittich und ein Tonbandgerät: Um dieses versammeln sich am 16. Oktober 1965 die Schulfreunde Okko Bekker, Hans-Dieter Wohlmann und Asmus Tietchens. Bis dahin hatte es Tietchens nur zur Aufnahme des Jugendblasorchesters oder zur Dokumentation von Verwandtschaftsbesuchen benutzt, aber an jenem Tag sollten die Möglichkeiten der Maschine ausgelotet werden.
Das Gerät ist sehr einfach, jedoch hat es eine so genannte Tricktaste, mit der man zwei Signale auf eine Spur aufnehmen kann. Darüber hinaus verfügt es über sagenhafte drei Abspielgeschwindigkeiten. Aus den Versuchen der drei Freunde geht das Stück A Quarter To Ten hervor. Als erster elektroakustischer Gehversuch Tietchens’ ist es sicherlich kein weltbewegender musikgeschichtlicher Schritt, und Tonbandmusik wird schon seit 1945 gemacht. Weniger trocken betrachtet aber ist es Ausgangspunkt einer der seltenen nichtakademischen Karrieren in der zeitgenössischen Musik.
Asmus Tietchens ist heute 58 Jahre alt, er lebt nach wie vor in Hamburg, und seine Musik ist so sonderbar wie zu Beginn. Anorganisch und menschenfern, tief unter der Oberfläche der Technik und der bearbeiteten Tonquellen, sind meist nicht mehr als zwei klingende Phänomene zur selben Zeit zu hören, die aber akribisch organisiert sind. Es gibt keine Klangtapeten und auch kein Ereignisse, an denen man sich als Hörer orientieren könnte. Nicht ein Hauch von Gefühl breitet sich in Tietchens kristallinen Landschaften aus.
Der Wellensittich aus Jugendtagen lebt längst nicht mehr, aber im Geiste scheint er noch da zu sein, eine graugefiederte Eminenz im kargen, fast leeren Klangraum.
Tietchens Musik wird zumeist der experimentellen Elektroakustik zugeordnet, da er sich natürlichen Klangquellen elektronisch nähert. Auf die ihm immer wieder gestellte Frage, warum er denn eigentlich Musik mache, antwortet er: „Ich bin neugierig auf Dinge, die ich noch nicht gehört habe.“ Das klingt logisch. Im Mikrokosmos seien die Dinge einfach, dort existierten keine komplizierten Strukturen.
Seine Herangehensweise ist also im Grunde asketisch. Anders verhält es sich mit seinem Seitenprojekt Hematic Sunsets. Dort arbeitet Asmus Tietchens an der Demystifizierung des spröden Eindrucks, den seine kauzige Klangarbeit hinterlässt. Hematic Sunsets ist Lounge-Muzak aus dem Vakuum. Tatort und Thema jeder Produktion ist ein fiktiver Ort namens Aroma Club, ein verlottertes Etablissement für „gleichgesinnte“ Paare. Die Musik ähnelt einer verschrumpelten Cocktailkirsche in einem billigen Bananen-Daiquiri. Der überparfümierte Aroma Club erscheint als Parodie auf den Fast-Nichts-Raum, den Tietchens sonst bespielt. Möglicherweise ist er auch nur der Freizeitausgleich eines besessenen Künstlers.
Seinen Hang zur Parodie lebt Tietchens auch bei der Namensgebung seiner Alben aus: Leuchtidioten, Geboren um zu dienen, Daseinsverfehlung, Formen letzter Hausmusik, Aus Freude am Elend . Mit derlei Namen reißt Tietchens seine ernsthaften Arbeiten auf das Bizarrste aus ihrem Kontext. Die Codes des akademischen Kulturbetriebs sind ihm seit jeher fremd.
Nach dem Schulabschluss hatte er Schiffsmakler gelernt, später arbeitete er als Werbetexter. Irgendwann wollte er nur noch Musiker sein. Da man auf seine Art kaum davon leben kann, schlägt er sich etliche Jahre mit Nebentätigkeiten durch, als Aktenkleber, Rückseitenbeschrifter, Blumenbinder. In zehn Folgen taucht er gar – „Pfleger Klaus“ – in der Schwarzwaldklinik auf. Immerhin seit 1989 kann er seine Miete über einen kleinen Lehrauftrag an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung decken.
Spät erlangt Tietchens so etwas wie Ruhm. Die internationale Musikpresse erklärt ihn zu einem Referenzpunkt elektronischer Musik. Das WDR Studio für Akustische Kunst produziert Hörspiele mit ihm. 2003 erhält er die Trophäe der Klangkunst schlechthin, den Karl-Sczuka-Preis. Ausgezeichnet wird sein Hörstück Sechs Heidelberger Studien , in dem er sich ausschließlich mit den rhythmischen Tiegelgeräuschen einer Heidelberger Druckmaschine aus dem Jahr 1932 befasst.
- Datum 17.04.2007 - 14:29 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) ZEIT online 16.11.2005
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









'die Trophäe der Klangkunst schlechthin, den Karl-Sczuka-Preis.' ..
Komisch = wieso hab ich von diesem Preis noch nie gehört? ...nach fast 50 Jahren in der Musikszene, davon 37 Jahre professionell ...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren