frankreich Die Kanzlerin, die aus der Kälte kam
Neugierig betrachtet Paris Angela Merkel, das unbekannte Wesen
Ganz geheuer ist Deutschland den Franzosen wohl noch immer nicht. Schon während der Berliner Koalitionsverhandlungen grübelten die Planungsstäbe im Elysée-Palast, ob der erste Staatsbesuch der neuen Kanzlerin auch wirklich nach Paris führen werde. Die Sorgen der Franzosen, Angela Merkel könne Warschau oder London den Vorzug geben, kursierten derart beharrlich, dass auch Berlin nicht darüber hinweggehen konnte. Ob der Antrittsbesuch bei Präsident Chirac letztendlich wirklich ein freier Herzenswunsch der neuen Kanzlerin war oder auf einem Terminproblem der Warschauer Führung beruhte, spielte jetzt in Paris keine Rolle. Hauptsache, die protokollarische Rangordnung stimmt und Paris ist Favorit – die Feinabstimmung zwischen der Newcomerin und dem dienstältesten Präsidenten der Welt folgt später.
Mit großer rhetorischer Bugwelle schob Jacques Chirac am Mittwoch im Pressesaal des Elysée-Palastes alle Bedenken beiseite und rühmte die Besonderheiten der deutsch-französischen Völkerfreundschaft mit der Wucht einer universalhistorischen Wahrheit, die jeden abweichenden Gedanken ersticken sollte. Auch Angela Merkel lobte mehr als nur artig das „Wunder“ dieser Verständigung, die nicht auf „Ritualen“, sondern auf „tiefer Überzeugung“ gründe.
Noch im vergangenen Juli, als Chirac die Kanzlerkandidatin zu einem ersten Schnupperbesuch nach Paris einlud, hatten die beiden gefremdelt: Er glaube schon, dass er sich mit Madame Merkel gut verstehen könne, räsonierte damals Chirac - „weil ich beschlossen habe, mich gut mit ihr zu verstehen.“ Und die Kandidatin taute damals auf, als sie vom Elysée in die Parteizentrale von UMP-Chef Nicolas Sarkozy fuhr. Der empfing sie mit Küsschen, freundschaftlichem „du“ und strahlender Siegerpose, aus der die Gewissheit sprach, gemeinsam eine neue Politiker-Generation zu verkörpern.
Dass Angela Merkel während der auslaufenden Amtszeiten von Chirac, von Blair, Bush, Berlusconi und Putin antritt, sieht man in Pariser Kreisen mit gemischten Gefühlen. Was wird „die Kanzlerin, die aus der Kälte kam“ ( Le Monde ) für das traditionsbeladene Frankreich bedeuten? Seit alters sehen Franzosen in Deutschland ein nordisches Nebelland, von dem man seit napoleonischen Zeiten weiß, dass dort, jenseits der Elbe, das Unglück haust. Als hätte Frankreich am doppelten Rätsel einer ostdeutschen Protestantin nicht schon genug zu kauen, verkörpert Angela Merkel als Großkoalitionärin sogar das Undenkbare: den temporären Zusammenfall der politischen Gegensätze.
Auf einer ganzen Zeitungsseite versuchte Le Monde gestern noch zu erklären, warum sich die Deutschen aus ihrer politischen Patt-Situation nicht mit einer zünftigen Revolution befreien: „ La démocratie du consensus “ sei keine widernatürliche Zwangsveranstaltung von oben, bei dem die politischen Lager ihre Überzeugungen verraten müssten, sondern gründe auf einer „Kultur der Verhandlungen“. Freilich lässt Le Monde den Verweis auf das französische Pendant der Kohabitationen tunlichst aus, weil dieser Kalte Krieg zwischen Präsident und Regierung zutiefst verhasst ist. Allenfalls vermag der Begriff „union sacrée“, die heilige Union der politischen Lager, dem Verständnis aufhelfen – auch wenn Frankreich diesen Ausnahmezustand bislang nur in Kriegszeiten ausgerufen hat.
Dass es in Deutschland jetzt eine heilige Union ohne Krieg gibt, ist für manche Franzosen schwer nachzuvollziehen. Ebenso schwierig erscheint die Einschätzung, ob auf Deutschland jetzt weiterhin Verlass ist, ob die „Achse“ (Chirac) oder der „Motor“ (Merkel) künftig funktioniert oder andere Zentrifugalkräfte wirken. Nicht ganz vergessen ist das Befremden in Frankreich, als Angela Merkel 2003 sich in Washington in der Frage des Irak-Krieges von der eigenen Bundesregierung distanzierte. Selbst Nicolas Sarkozy, auch in der Kriegsfrage Chiracs schärfster Fundamentalkritiker, entschuldigte sich damals bei den Amerikanern, er könne aus Loyalität zu seinem Präsidenten keine abweichende Position beziehen. Solche Disziplin ist in Frankreich mehr als nur eine Formsache.
Aus Deutschland hört man derweil Hoffnungen, die neue Bundeskanzlerin könne als Vermittlerin auch zwischen Frankreich und Amerika wieder für bessere Beziehungen sorgen und gar den britisch-französischen Streit um den EU-Haushalt schlichten. Geradezu angewiesen sei Frankreich jetzt darauf, heißt es, sich an den starken deutschen Nachbarn zu halten, um nicht ins Abseits zu geraten. In seinen anderthalb letzten Amtsjahren muss Chirac sicherlich noch viele Zugeständnisse und Kompromisse machen, um sein Land einigermaßen zusammenzuhalten. Doch bis zum politischen Generationswechsel 2007 wird der Präsident bei allem Konsensdruck und Verhandlungszwang kaum sein Heil in heiligen Unionen suchen, bei denen er nicht selber ganz vorn marschiert.
- Datum 23.11.2005 - 12:25 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 23.11.2005
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Frau Merkel, Pariser Chique war das gerade nicht. Aber egal, Krawatten-Mann des Jahres kann die Kanzlerin sowieso nicht werden. Nur die internationalen Geschäfte der deutschen Damen-Mode werden in der Zunkunft wohl nicht mehr so florieren (kostet ebenfalls Arbeitsplätze).
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