Berlin Letzte Grüße

Der Palast der Republik galt als Renommierbau der DDR. Am Wochenende war er zum letzten Mal für Besucher geöffnet

Die kleine Frau  mit dem schwarzen Hut ist sich ganz sicher. „Der wird nicht abgerissen“, sagt sie mit Nachdruck. Und als sie den erstaunten Blick ihres Gegenübers bemerkt, wiederholt sie beruhigend lachend, als habe sie ihr Wissen aus ganz besonderen Quellen: „Nein, ganz sicher nicht“. Trotzdem ist sie gekommen, am vorletzten Tag, an dem der Rohbau dessen, was einmal der Palast der Republik war, eines der zentralen Regierungsgebäude in Ost-Berlin, für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Jetzt läuft sie mit ihrem Mann durch den einst vertrauten Bau und hat Mühe, sich zu orientieren. „Weißt Du noch, da unten haben wir getanzt“, sagt er und sie nickt und erinnert sich an Geflügeleber mit Reis. „Das hab ich hier immer gegessen“, sagt sie. „Das gab’s sonst nicht.“

Das Ostberliner Ehepaar gehört zu den Fans des Palastes und vielleicht kann es sich deswegen nicht vorstellen, dass der einstige Prunkbau der DDR, Honeckers Neuschwanstein, wie manch einer spottete, bald nicht mehr da sein soll. Dabei ist es mit sozialistischem Glanz und Gloria schon lange vorbei. Bereits 1990 wurde das Gebäude wegen Asbestverseuchung geschlossen, übrigens, wie heute kaum noch bekannt ist, nicht auf Beschluss siegestrunkener Westpolitiker sondern der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Den Abriss hat dann allerdings, 13 Jahre später, der Bundestag beschlossen. Die Berliner Bausenatorin Ingeborg Junge-Reiher will ihn nun endlich umsetzen. Im Januar sollen die Bagger rollen. 

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Seit der Asbest sehr aufwendig entfernt wurde, wirkt der Komplex von außen grau und heruntergekommen. Die weiße Steinverkleidung ist verschwunden, die einst bronzefarbene Glasfassade, in der sich in leichter Verzerrung der Himmel, der benachbarte Dom oder der Fernsehturm spiegelten, ist seit langem stumpf und blind geworden.   

Im Inneren gibt es nur noch den reinen Raum, Beton, Treppen und das Skelett der rostigen Stahlträger. Es sieht wieder so aus wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1974, das den jungen Erich Honecker mit weißem Helm auf dem Kopf beim Richtfest zeigt. Keine Spur mehr vom einstigen 70er-Jahre-Prunk, den Hunderten Kugelleuchten im Foyer, die dem Haus den Namen Erichs Lampenladen eintrugen, den Glasskulpturen, den Reliefs und Wandgemälden, der aufwendigen Deckenverkleidung. Als das Haus 1976 eingeweiht wurde, zeugte es vom neuen außenpolitischen Selbstbewusstsein der DDR als international anerkanntem Staat und sollte zugleich der eigenen Bevölkerung signalisieren, dass die Zeiten der Entbehrung vorüber waren. Ein Volkspalast im doppelten Sinne sollte es sein, auf der einen Seite ein politischer Ort, an dem die Volkskammer tagte und Parteitage abgehalten wurden, und auf der anderen Seite ein Ort des Vergnügens, des Wohllebens und der Unterhaltung. 

Hier gab es vieles, was im Rest der Republik Mangelware war, und zwar nicht nur Geflügelleber. Einen Saal mit 5.000 Plätzen für kulturelle Großveranstaltungen, in dem im Laufe der Jahre auch zahlreiche westliche Künstler auftraten, ein ambitioniertes Theater, 13 sehr unterschiedlich gestaltete Restaurants, aber auch, wie der Berliner Historiker Stefan Wolle aufzählt, banalere Dinge, die man im DDR-Alltag dennoch schmerzlich vermisste: „Höfliche Kellner, frische Schnittblumen, saubere Toiletten und funktionierende Telefonzellen“. „Sozialistische Wohlstandsgesellschaft mit gedrosseltem Anspruch“, nennt Wolle das. Der Palast wurde als "Palazzo Prozzo" verspottet oder zum "Balast der Republik" erklärt, aber er wurde angenommen. Wohl auch, wie Wolle sagt, weil es kaum etwas anderes gab. 

Wenn viele ehemalige DDR-Bürger nun, an diesem grauen Novemberwochenende, durch die Ruine des einstigen Palastes der Republik streifen, tun sie es auf der Suche  nach den privaten Spuren ihres Lebens, die mit diesen Mauern verbunden sind. Es ist das ewige Missverständnis des Westens, dies als Anhänglichkeit an ein diktatorisches Regime zu verstehen. Mit Wehmut gehe er hier durch, sagt ein 63-jähriger Oranienburger und erklärt auf die Frage, ob er die DDR vermisse, doch zugleich entschieden: „Die Zeiten sind vorbei.“ Auch das Ehepaar Angermann will den Palast noch einmal von innen sehen, bevor die Türen endgültig verschlossen werden. Beide waren nach der Wende arbeitslos geworden, beide haben mittlerweile wieder Arbeit gefunden. „Wir sind nicht die Frustrierten aus dem Osten“, sagt der Mann. Dennoch sei er traurig und wütend darüber, dass der Palast nun abgerissen werde. Hier werde ein Stück Geschichte ausgelöscht. Aber, sagt er resigniert, die Sieger bauen ja immer auf den Trümmern der Besiegten. Stimmt schon, doch auch der Palast wurde auf den Resten des von Walter Ulbricht gesprengten Stadtschlosses der Hohenzollern gebaut. Dass dieses damals nur noch eine Ruine gewesen sei, ist eine DDR-Legende, die sich hartnäckig hält. Das Schloss war schwer beschädigt, aber ein Wiederaufbau wäre durchaus möglich gewesen.

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