Die kleine Frau  mit dem schwarzen Hut ist sich ganz sicher. „Der wird nicht abgerissen“, sagt sie mit Nachdruck. Und als sie den erstaunten Blick ihres Gegenübers bemerkt, wiederholt sie beruhigend lachend, als habe sie ihr Wissen aus ganz besonderen Quellen: „Nein, ganz sicher nicht“. Trotzdem ist sie gekommen, am vorletzten Tag, an dem der Rohbau dessen, was einmal der Palast der Republik war, eines der zentralen Regierungsgebäude in Ost-Berlin, für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Jetzt läuft sie mit ihrem Mann durch den einst vertrauten Bau und hat Mühe, sich zu orientieren. „Weißt Du noch, da unten haben wir getanzt“, sagt er und sie nickt und erinnert sich an Geflügeleber mit Reis. „Das hab ich hier immer gegessen“, sagt sie. „Das gab’s sonst nicht.“ Seit Sonntagabend ist es mit den Führungen vorbei. Der Palast der Republik ist geschlossen.© Steffen Kugler dpa/lbn BILD

Das Ostberliner Ehepaar gehört zu den Fans des Palastes und vielleicht kann es sich deswegen nicht vorstellen, dass der einstige Prunkbau der DDR, Honeckers Neuschwanstein, wie manch einer spottete, bald nicht mehr da sein soll. Dabei ist es mit sozialistischem Glanz und Gloria schon lange vorbei. Bereits 1990 wurde das Gebäude wegen Asbestverseuchung geschlossen, übrigens, wie heute kaum noch bekannt ist, nicht auf Beschluss siegestrunkener Westpolitiker sondern der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Den Abriss hat dann allerdings, 13 Jahre später, der Bundestag beschlossen. Die Berliner Bausenatorin Ingeborg Junge-Reiher will ihn nun endlich umsetzen. Im Januar sollen die Bagger rollen. 

Seit der Asbest sehr aufwendig entfernt wurde, wirkt der Komplex von außen grau und heruntergekommen. Die weiße Steinverkleidung ist verschwunden, die einst bronzefarbene Glasfassade, in der sich in leichter Verzerrung der Himmel, der benachbarte Dom oder der Fernsehturm spiegelten, ist seit langem stumpf und blind geworden.   

Im Inneren gibt es nur noch den reinen Raum, Beton, Treppen und das Skelett der rostigen Stahlträger. Es sieht wieder so aus wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1974, das den jungen Erich Honecker mit weißem Helm auf dem Kopf beim Richtfest zeigt. Keine Spur mehr vom einstigen 70er-Jahre-Prunk, den Hunderten Kugelleuchten im Foyer, die dem Haus den Namen Erichs Lampenladen eintrugen, den Glasskulpturen, den Reliefs und Wandgemälden, der aufwendigen Deckenverkleidung. Als das Haus 1976 eingeweiht wurde, zeugte es vom neuen außenpolitischen Selbstbewusstsein der DDR als international anerkanntem Staat und sollte zugleich der eigenen Bevölkerung signalisieren, dass die Zeiten der Entbehrung vorüber waren. Ein Volkspalast im doppelten Sinne sollte es sein, auf der einen Seite ein politischer Ort, an dem die Volkskammer tagte und Parteitage abgehalten wurden, und auf der anderen Seite ein Ort des Vergnügens, des Wohllebens und der Unterhaltung. 

Hier gab es vieles, was im Rest der Republik Mangelware war, und zwar nicht nur Geflügelleber. Einen Saal mit 5.000 Plätzen für kulturelle Großveranstaltungen, in dem im Laufe der Jahre auch zahlreiche westliche Künstler auftraten, ein ambitioniertes Theater, 13 sehr unterschiedlich gestaltete Restaurants, aber auch, wie der Berliner Historiker Stefan Wolle aufzählt, banalere Dinge, die man im DDR-Alltag dennoch schmerzlich vermisste: „Höfliche Kellner, frische Schnittblumen, saubere Toiletten und funktionierende Telefonzellen“. „Sozialistische Wohlstandsgesellschaft mit gedrosseltem Anspruch“, nennt Wolle das. Der Palast wurde als "Palazzo Prozzo" verspottet oder zum "Balast der Republik" erklärt, aber er wurde angenommen. Wohl auch, wie Wolle sagt, weil es kaum etwas anderes gab. 

Wenn viele ehemalige DDR-Bürger nun, an diesem grauen Novemberwochenende, durch die Ruine des einstigen Palastes der Republik streifen, tun sie es auf der Suche  nach den privaten Spuren ihres Lebens, die mit diesen Mauern verbunden sind. Es ist das ewige Missverständnis des Westens, dies als Anhänglichkeit an ein diktatorisches Regime zu verstehen. Mit Wehmut gehe er hier durch, sagt ein 63-jähriger Oranienburger und erklärt auf die Frage, ob er die DDR vermisse, doch zugleich entschieden: „Die Zeiten sind vorbei.“ Auch das Ehepaar Angermann will den Palast noch einmal von innen sehen, bevor die Türen endgültig verschlossen werden. Beide waren nach der Wende arbeitslos geworden, beide haben mittlerweile wieder Arbeit gefunden. „Wir sind nicht die Frustrierten aus dem Osten“, sagt der Mann. Dennoch sei er traurig und wütend darüber, dass der Palast nun abgerissen werde. Hier werde ein Stück Geschichte ausgelöscht. Aber, sagt er resigniert, die Sieger bauen ja immer auf den Trümmern der Besiegten. Stimmt schon, doch auch der Palast wurde auf den Resten des von Walter Ulbricht gesprengten Stadtschlosses der Hohenzollern gebaut. Dass dieses damals nur noch eine Ruine gewesen sei, ist eine DDR-Legende, die sich hartnäckig hält. Das Schloss war schwer beschädigt, aber ein Wiederaufbau wäre durchaus möglich gewesen.

Doch der Palast ist nicht nur Vergangenheit, er ist auch Gegenwart. Die Initiative Volkspalast hat die Ruine in den letzten zwei Sommern in einen Ort der Kreativität verwandelt. Hier wurde Theater gespielt und Party gefeiert und Kunst ausgestellt. In Berlin hat man eine  besondere Vorliebe für den Verfall, das Trostlose und Hässliche, und wenn das Ganze noch geschichtsträchtig ist, umso besser. Zum Abschluss wird im Palast passenderweise moderne Kunst zum Thema Tod gezeigt. Hinter der Glasfassade, die auf den Platz hinausgeht, auf dem einst das Volk an den DDR-Oberen vorbeidefilieren musste, hat man eine Lounge eingerichtet. Die weinroten Samtsessel inmitten des grauen Betons, der vereinzelte, schiefe Kronleuchter, das alles verstärkt den Eindruck des Morbiden. 

An einem der gusseisernen Tischchen sitzt Anna Franziska Schwarzbach. Auch sie ist gekommen, um Abschied zu nehmen. Zu dem Gebäude hat sie eine ganz besondere Beziehung, denn sie hat an ihm mitgebaut. Zwischen 1974 und 1976 war sie als junge Architektin am Bau des großen Saales beteiligt. In den letzten Jahren sei der Palast immer schöner geworden, sagt sie. Der graue leere Bau gefällt ihr viel besser als das sozialistische Geprotze. Die Funktionäre hätten ja leider so einen entsetzlich schlechten Geschmack gehabt, dieser furchtbare Marmor, den sie überall haben wollten, statt Klarheit, Transparenz und Stahl, wie es ihr gefallen hätte. 

Auch ansonsten hatten die Architekten mit Einschränkungen zu kämpfen, die man aus dem Westen nicht kennt. Gebaut wurde unter enormem Zeitdruck, denn 1976 stand der 9. Parteitag ins Haus, bis dahin musste man fertig sein. Deswegen waren auch die Stahlträger bereits produziert, als das Gebäude selbst noch gar nicht vollständig entworfen war, das Konzept hatte sich den geschaffenen Fakten unterzuordnen. Gleitende Projektierung nannte man das. Nach den zwei Jahren hatte Schwarzbach von dem verlangten repräsentativen Stil genug, und arbeitete fortan nur noch als Bildhauerin. Trotzdem kam sie zu Konzerten und ins Theater in den Palast. Auch dieses Wunder hat das Haus damals vollbracht. Es zog die Sekretärin, die zum Bowling kam, ebenso an wie die Oppositionellen, die engagierte Inszenierungen sehen wollten. Dass der Staat zugleich darauf bedacht war, die Kontrolle nicht zu verlieren, versteht sich. Die Stasi saß im ersten Geschoss des nahe gelegenen Marstalls. Die scheinbare Idylle war, wie Wolle schreibt, bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. 

Während drinnen Erinnerungsspuren gesucht werden, kämpft draußen eine Sambagruppe mit heißen Rhythmen gegen die Novemberkälte an. Ein paar hundert Abrissgegner haben sich zu einer Protestveranstaltung versammelt. „Es soll kein Rumms durch Deutschland gehen“, steht auf ihren Transparenten oder auch: „Ihr baut Schlösser für Verarmte“. Es sind vorwiegend junge Menschen und viele von ihnen sind aus dem Westen. So wie der 31-jährige Stadtgeograf David Harkmann. Schön sei das Gebäude vielleicht nicht, aber wichtig findet er es trotzdem. Gerade deswegen sei Berlin doch interessant, weil es so was wie diese Ruine des Palastes der Republik hier gebe. Vor allem aber hat er nichts übrig für die große Freifläche, die durch den Abriss im Zentrum der Stadt entstehen würde. Zwar hat der Bundestag den Wiederaufbau der Schlossfassade beschlossen, doch da dafür in absehbarer Zeit kein Geld da sein wird, will man erst mal Gras über die Abrissfläche wachsen lassen. Da aber auch der Platz rechts und links des Palastes bereits jetzt unbebaut sind, würde zunächst einmal tatsächlich eine große Leere entstehen.

Und wenn von Kitsch die Rede ist, diesen Vorwurf müsste sich die geplante Schlossfassade, wenn sie denn gebaut würde, wohl noch weit eher gefallen lassen als der Palast selbst zu seinen besten Zeiten. Die Abrissgegener können der schönen, glatten Kulisse, hinter der sich ein gewöhnlicher Neubau verbergen würde, jedenfalls nichts abgewinnen. Deswegen verlangen sie ein Moratorium gegen den Abriss und eine Fortsetzung der Diskussion darüber, was mit dem Platz geschehen soll. Einer von den Abrissgegnern zitierten Emnid-Umfrage zufolge sind 60 Prozent der Bundesbürger für ein solches Moratorium.  

Ein paar Schritte vom Palast entfernt ist das Meinungsbild allerdings ein ganz anderes. Bei einer zufälligen Befragung findet sich nicht einer, der für den Bau Partei ergreift. „Das Ding soll endlich weg“, sagt eine Frau empört und es ist keine Westdeutsche. In dem hätten die Funktionäre ihre Partys gefeiert. Als Normalbürger habe man vor den Restaurants Schlange gestanden. Auch das ist eben eine Erinnerung an den Palast. Ein vorbeikommendes westdeutsches Pärchen bekennt: „Wir freuen uns auf das Schloss.“ Andere haben das Gästebuch im Palast genutzt, um Abschiedsgrüße zu formulieren. „Tschöh, du alte Hütte“, steht da, oder: „Ruhe in Frieden“. Ob das das letzte Wort ist? Abwarten.