Ariel Scharon nannte es die „schwierigste Entscheidung“ in seinem Leben. Es ist das erste Mal in der Geschichte Israels, dass ein Premierminister während seiner Amtszeit aus seiner eigenen Partei austritt – dreißig Jahre, nachdem er die Likud-Partei gegründet hat. Jetzt will Scharon an der Spitze einer neuen Partei den Likud als Regierungspartei ablösen. Der israelische Premier Ariel Scharon (l.) trifft den Staatspräsident Moshe Katsav am Montag (21.11.2005). Katsav kündigte an, er werde „in wenigen Tagen“ seine Entscheidung über Scharons Gesuch bekanntgeben, das Parlament aufzulösen© Avi Ohayon/dpa BILD

In der israelischen konservativen Partei stand der Ministerpräsident vor zwei wenig attraktiven Optionen. Entweder entthront zu werden, zugunsten seines Erzrivalen Benjamin Netanjahu, oder einen Pyrrhus-Sieg über eine Minderheitsfraktion zu erringen. Denn längst war klar, dass die internen rechten Widersacher keinen Spielraum für weitere politische Manöver gelassen hätten, wie sie Scharon heute anstrebt. Das muss nicht gleich ein umfassendes Friedensabkommen mit den Palästinensern bedeuten, aber zumindest weitere Schritte wie der Abzug aus dem Gazastreifen vergangenen Sommer. Seinen Vertrauten zufolge will Scharon wenigstens die „künftigen Grenzen Israels“ festlegen. Als Likud-Chef wären ihm aber für weitere Abzüge aus dem Westjordanland die Hände gebunden.

Ob ihm die Flucht nach vorne gelingt, hängt vom Erfolg seiner neuen Partei ab, die sich im Zentrum der Parteienlandschaft ansiedeln soll. Scharon setzt dabei auf die Gefolgschaft prominenter Likud-Mitglieder wie Vizeministerpräsident und Finanzminister Ehud Olmert und die Justizministerin Zipi Livni, aber auch auf Abtrünnige der Arbeitspartei. Auf „wenigstens 30 Sitze, vielleicht mehr“, hoffen seine Berater, die ihm zum Verlassen des Likud geraten haben.

Schafft es Scharon an der Spitze einer neuen Zentrumspartei, erneut an die Macht zu kommen, wäre das einmalig. Denn alle Versuche, eine neue politische Formation im Zentrum zu bilden, stellten sich in der Vergangenheit als Eintagsfliegen heraus oder spielten im Parlament nur eine marginale Rolle. So hatte sogar der einstige Staatsgründer David Ben-Gurion nur zehn Sitze erreicht, als er 1965 die Mapai, den historischen Vorläufer der heutigen Arbeitspartei, verließ und seine eigene Zentrumspartei Rafi gründete.

Die jüngsten Umfragen zeigen, dass eine neue Zentrumspartei unter Scharons Führung beim Volk durchaus populär ist. Der Abzug aus Gaza hat mit der alten Likud-Ideologie gebrochen, die bei weiten Kreisen der Bevölkerung ohnehin als veraltet gilt. Zudem will Scharon mit einer interessanten Riege von Politikern aufwarten, zu denen etwa der ehemalige Innengeheimdienstchef Avi Dichter, aber auch der Präsident der Ben Gurion-Universität Avishai Braverman gehört.

Doch unabhängig von den Erfolgschancen hat Scharons „Big Bang“ in jedem Fall schon jetzt die politische Landkarte ziemlich durcheinander gebracht. Zudem passt sein künftiger Herausforderer im linken Lager, der neugewählte Chef der Arbeitspartei Amir Peretz, ebenfalls nicht mehr ins bisherige Bild. Deren Parteielite war bislang immer europäisch-stämmig, als Israeli orientalischer Abstammung hat Peretz diese Tradition in der Arbeitspartei nun durchbrochen. Der Wahlkampf für den März 2006 verspricht spannend zu werden.