Auslandsstimmen Alles Gute - oder nicht?

Auch in der ausländischen Presse wurde Merkels Wahl zur Kanzlerin genau verfolgt. Die Reaktionen sind teils verhalten, teils fordernd. Doch in einem Punkt sind sich fast alle einig: Sie wird es nicht leicht haben

Le Figaro, Frankreich:  „So wie die große Mehrheit ihrer Landsleute ist Angela Merkel von dem entscheidenden Gewicht der deutsch-französischen Beziehungen für die europäische Integration überzeugt. Und auch Frankreich kann nur gewinnen, wenn sich dabei herausstellt, dass Washington Berlin wieder zuhört und die öffentliche Meinung in Deutschland weit davon entfernt ist, so ‚atlantisch’ zu denken wie in den Zeiten des Kalten Krieges. Angela Merkel kommt zu einem Zeitpunkt an die Macht, zu dem ihre wesentlichen Partner - Bush, Chirac, Blair, Berlusconi, Putin - sich dem Ende ihrer Amtzeit nähern. In den großen Fragen dürften die wichtigen Entscheidungen auf sich warten lassen. Das gibt ihr Zeit.“ 

Il Messaggero, Italien: „In Zeiten, die vom Fernsehen beherrscht sind, ist der Stil alles. Die Wesensart von Angela Merkel, die seit gestern Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist, ist die eigentliche Neuheit einer Regierung, die - ihrer Komposition nach - mit der rot-grünen Vergangenheit bricht, aber die deren Politik mit einigen Verbesserungen fortsetzt. Manche definierten den Ex-Kanzler Gerhard Schröder als letzten Kampf-Macho - wegen seiner verführerischen Art und seiner Aggressivität in den Medien. Das Adjektiv, das am besten zu Merkel passt, ist vielleicht ‚leise’. Aber das Wort klingt (zufälligerweise) so ähnlich wie ‚Eisen’. Angela Merkel hatte ein Ziel und hat es erreicht. Sie ist die erste Frau, die das wichtigste Land Europas führt.“

Daily Telegraph, Großbritannien: „Sie mag nicht so medienwirksam sein wie ihr Vorgänger, aber sie hat zweifellos eine klare Vorstellung davon, was gebraucht wird, um Deutschlands Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Allerdings können die Zwänge einer Großen Koalition sie daran hindern, viel zu erreichen. Ja, es ist sogar möglich, dass Streitigkeiten sie davon abhalten, volle vier Jahre im Amt zu bleiben.“

Neue Züricher Zeitung, Schweiz:  „Die Wahl Angela Merkels vom Dienstag (ist) eher eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte als der Ausdruck politischer Kontinuität. Mag sein, dass viele in Angela Merkel bloss die Vertreterin einer jüngeren Generation von Parteifunktionären sehen. Aber die Wahl dieser Kanzlerin versinnbildlicht doch auch den erfolgreichen Vollzug der deutschen Wiedervereinigung. Endlich ist am Dienstag auf der politischen Ebene zusammengewachsen, was längst hätte zusammenwachsen sollen. Daran darf erinnert werden, denn das ist neu.“ 

Der Standard, Österreich: „Der mühsame Wahlkampf, der knappe Wahlsieg, die schwierigen Koalitionsverhandlungen, jetzt das durchschnittliche Wahlergebnis - über dem Beginn von Merkels Kanzlerschaft schwebt vor allem ein Begriff: Mittelmaß.“

Nesawissimaja Gaseta, Russland: „Der Vertrag sei nur ein Papier, der gemeinsame Ausgangspunkt, sagte Merkel dieser Tage. Die Probleme, vor denen ihre Regierung steht, sind sehr groß: die Massenarbeitslosigkeit, die schwächelnde Wirtschaft, das riesige Haushaltsdefizit. Deshalb wird Streit im Kabinett unvermeidlich sein. Kann die Bundeskanzlerin verhindern, dass er sich zu ernsthaften Konflikten auswächst?“

The Guardian, Großbritannien: „Die Außenpolitik ist in der Hand der SPD, wobei Merkels erste Auslandsreisen keine radikalen Änderungen vermuten lassen. Sie folgt der Tradition, indem sie zuerst nach Paris geht - eine Erinnerung daran, dass mit Frankreich und Deutschland zu rechnen ist, wenn beide Länder gemeinsam agieren, obwohl sie nicht länger der Motor der europäischen Integration sind. Nach einem ähnlichen Pflichtbesuch in Brüssel kommt London, jedoch nur, weil Tony Blair gerade die EU führt und sie seine Aufmerksamkeit haben will für die Botschaft, dass die Lösung der EU-Haushaltskrise dringend erforderlich ist. Die wichtigste Auslandsreise der Kanzlerin wird sie jedoch nach Washington führen, wo sie für Versöhnung eintreten wird nach Gerhard Schröders Attacken auf George Bushs Irak- Abenteuer.“ 

Berner Zeitung, Österreich: „Deutschland hat erstmals eine Kanzlerin, eine aus dem Osten noch dazu. Aber merkwürdig: Wäre Angela Merkel am Wahltag vor zwei Monaten noch eine doppelte Sensation gewesen, wirkt sie jetzt wie eine doppelte Notlösung.“

 
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