Jazz Das A-Wort mag er nicht mehr

Avantgarde ist gar nicht so einfach: Wie man als Free-Jazz-Musiker alt wird. Ein Porträt zum 70. Geburtstag des amerikanischen Posaunisten Roswell Rudd

Im Safari-Anzug, mit Stiefeln und passendem Hut, steigt er auf die Bühne zu den schwarzen Musikern aus Mali. Er inszeniert das Klischee des romantisch verklärten Afrika-Reisenden, des kultivierten Menschen unter »Wilden«, das macht ihm Spaß. Der weiße Außerirdische, der Freak mit der Posaune, wie eine Skulptur über sein Instrument gebeugt. Die Töne atmen, singen, vollführen einen Tanz, durch das Instrument hindurch. Ein grollendes Gurgeln, ein Seufzen, Sichwehren, Hingeben. Expressiv, sensibel, lyrisch. Das ist Roswell Rudd .

»Du bläst in das eine Ende der Posaune«, sagt er, »und aus dem anderen Ende kommt ein Klang, der den Kosmos erschüttert« – Musik als universelles Erlebnis. »The Artist Formerly Known As Avantgarde« – so nennt sich der Jazz-Posaunist, der am 17. November Siebzig wird. Das A-Wort mag er nicht mehr, sei es doch ein Stigma für einen Musiker, der auf Auftritte bei Festivals und in Clubs angewiesen ist, »ein Kuss des Todes«. Auch sei er streng genommen nie ein Avantgardist gewesen. Der Begriff beziehe sich ursprünglich auf Künstler im Frankreich des 19. Jahrhunderts, die mit allem brachen, was vor ihnen existierte. Er empfindet seine Musik als in der Tradition stehend, im Dixieland wurzelnd. Er habe mit den hergebrachten ästhetischen Konzepten nie brechen, sondern sie immer nur erweitern wollen. Seine Improvisationen und Kompositionen seien Teil der amerikanischen klassischen Musik: Jazz.

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Rudd wurde am 17. November 1935 in Cincinatti geboren. Er brachte sich das Posaunespielen bei, indem er sich Aufnahmen von Dixieland-Bands anhörte, die seine Eltern zu Hause hatten. »Ich beschäftigte mich der Rolle der Posaune im Dixieland. Und was ich herausfand, übernahm ich in die Musik der sechziger Jahre mit Archie Shepp und Albert Ayler. Das harmonische Timbre und der energetische Zusammenhang waren anders, aber ich hatte genug Raum, um zu spielen«, erinnert sich Rudd.

Er studierte Musikgeschichte in Yale, einer amerikanischen Universität, die den Jazz ausklammerte. Deshalb begann er 1964, gemeinsam mit dem Ethnologen Alan Lomax, die Weltmusik zu erforschen. Später etablierte er am Bard College einen Lehrgang für Weltmusik, Improvisation und Jazz. Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Zu seinen Schülern gehörten der Saxophonist John Lurie von den Lounge Lizards und der Gitarrist Elliott Sharp, die Rudd heute als prägenden Einfluss nennen.

»Roswell Rudd erzählte uns«, erinnert sich Elliot Sharp, »er habe in seinem New Yorker Loft in einem Zelt geschlafen, weil er kein Geld hatte, um im Winter zu heizen.« Das muß zu der Zeit gewesen sein, als er mit Cecil Taylor spielte, sein New York Art Quartet gründete und mit Bill Dixon 1964 die New Yorker Oktober-Revolution organisierte, das erste Festival für frei improvisierte Musik, das in einem kleinen Café stattfand. Sie schrieben damals ein Manifest für die Selbstorganisation der Musiker, die von den Plattenfirmen ignoriert wurden und sich mit Gelegenheitsjobs in Küchen und auf Baustellen durchschlagen mussten. Roswell Rudd schuftete im Straßenbau, um nachts auftreten zu können. »Das Zusammenspielen gab uns Stärke«, sagt Rudd. »Wir waren Teil einer Bewegung, und dieses Gefühl ist immer noch da. Wir wollten den gesellschaftlichen Traum verwirklichen, wir hatten eine Vision von der Gesellschaft und der Musik.«

Anfang der Sechziger Jahre gründete Rudd gemeinsam mit dem Sxophonisten Steve Lacy die Band Schooldays, die sich ausschließlich der Musik von Thelonious Monk widmete – seine Ideen, übertragen auf Posaune und Sopransaxofon. Sie riefen damals sogar bei Monk an, der ihnen dann am Telefon vorspielte, wie sie es machen sollten. Rudd schrieb in dieser Zeit einige Jazzopern, die bis heute nie aufgeführt wurden.

Ende der Siebziger Jahre wurde es dann still um ihn. Er zog sich zurück und spielte außerhalb von New York in einer Hotelkapelle. Erst Mitte der Neunziger kehrte er zurück, um den 35. Geburtstag des New York Art Quartet mit einer Reunion zu begehen: der Saxophonist John Tchicai, der Bassist Reggie Workman und der Schlagzeuger Milford Graves waren auch dabei. Danach veröffentlichte Rudd zwei Alben mit der Musik des Pianisten Herbie Nichols, in dessen Band er zu Beginn der Sechziger spielte und den er als seinen musikalischen Mentor ansieht.

Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören Live in New York mit Archie Shepp und Amiri Baraka (2001), Roswell Rudd´s Malicool, mit den eingangs erwähnten Musikern aus Mali (2002) und Blue Mongol mit traditionellen mongolischen Musikern (2005). Seinen 70. Geburtstag will er auf jazztypische Weise feiern: mit einem Konzert. Am 20. November im Museum of Art, 150 West 17th Street, New York.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte aus dem Schaffen von Roswell Rudd:

(Zum Anhören benötigen Sie Quicktime )

Roswell Rudd: What Are You Doing The Rest Of Your Life? , geschrieben von Michel LeGrand, von dem Album: Roswell Rudd »Flexible Flyer«, erschienen 1975 bei Black Lion, Reissue 1995 über DA MUSIC .

Roswell Rudd: All Through The Night , ein Traditional von dem Album: »Roswell Rudd´s Malicool«, 2002/ Soundscape

Hier noch zwei ganze Songs von Roswell Rudd:

God Had A Girlfriend , in dem der Herr seiner Freundin den Auftrag erteilt, ihm einen Jazzclub zu bauen. Und sie tut's! Von »Broad Strokes«, erschienen bei Knitting Factory .

Vom gleichen Album: The Light , eine sanfte Ballade.

 
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