Skandal Krieg im Stadion
Erschreckende Szenen im Sükrü-Saracoglu-Stadion von Istanbul haben den Schweizer Jubel über die erste WM-Teilnahme seit 1994 getrübt und den türkischen Fußball erneut in Misskredit gebracht. Die FIFA denkt nun über die Konsequenzen nach
Unmittelbar nach ihrem letztlich wertlosen 4:2-Sieg über die Eidgenossen fielen die frustrierten Türken über die gegnerischen Spieler her und traktierten sie mit Füßen und Fäusten. »Jeder musste um sein eigenes Leben rennen. Ordner und türkische Spieler sind auf uns losgegangen«, schilderte der Stuttgarter Bundesliga-Profi Marco Streller, der seiner wankenden Mannschaft mit dem 2:3 sechs Minuten vor Schluss sportlich die größten Sorgen genommen hatte, die schlimmen Jagdszenen. Am ärgsten erwischte es Ersatzspieler Stephane Grichting, der nach einem Tritt in den Unterleib ins Krankenhaus musste. Özalan Alpay vom 1. FC Köln trat Augenzeugenberichten zufolge den Frankfurter Benjamin Huggel nieder.
»Bereits vor dem Spiel war ersichtlich, auf welche Art die Türken noch zur WM gelangen wollten. Die Fans vor dem Stadion begegneten allen, die aus der Schweiz kamen, mit Verachtung«, beschrieb die Berner Zeitung Der Bund die aufgeheizte Stimmung, die sich nach Spielende in Brutalität entlud. Trainer Jakob »Köbi« Kuhn konnte sich angesichts der Prügelszenen gar nicht richtig über den Erfolg freuen. »Es darf nicht sein, dass sich die Spieler wie Diebe vom Feld stehlen müssen. Das Fairplay wurde in Istanbul mit Füßen getreten«, erklärte Blatter.
»Es ist schlimm, wenn man von der Bank aufsteht und Angst haben muss, dass man von Gegenständen getroffen wird oder Schläge kassiert«, sagte Kuhn sichtlich gezeichnet, während sein türkischer Kollege Fatih Terim wutschnaubend den Schiedsrichtern die Schuld für das Scheitern des WM-Dritten von 2002 gab: »Sowohl Michel in Bern als auch De Bleeckere hier in Istanbul waren Schweizer.« Türkische Medien machten derweil die Gäste für die Krawalle verantwortlich. Sie hätten die türkischen Spieler provoziert. Sie behaupteten, der Schweizer Benjamin Huggel habe den Streit vom Zaun gebrochen. Fotos zeigen den Mann mit der Nummer 14, wie er vor dem Tunneleingang dem türkischen Trainer-Assistenten Mehmet Özdilek von hinten einen Tritt gegen das Bein versetzt. Özdilek habe es Huggel daraufhin mit gleicher Münze heimgezahlt. »Unsere Spieler sind in die Falle gegangen«, schrieb die Sportzeitung Fanatik . Kameraleute, die die Tumult-Szenen vor der Garderobe hatten filmen wollen, wurden ebenfalls attackiert. In diesem Zusammenhang nannte die Zeitung Milliyet den türkischen Spieler Emre.
Der FIFA-Präsident Joseph Blatter reagierte am Donnerstag empört auf die Auswüchse im Anschluss an das WM-Qualifikationsspiel. »Das macht mich rasend«, sagte er am Donnerstag in einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk DRS und kündigte nach einer umfassenden Untersuchung der Vorfälle Konsequenzen für die Türkei bis zu einem möglichen Ausschluss von der WM-Ausscheidung für 2010 an. »Was passiert ist, ist des Fußballs unwürdig. Das habe ich noch nie erlebt. Wir werden die Verantwortlichen bestrafen und hart durchgreifen«, sagte der Chef des Weltverbandes. Bis zur WM-Gruppenauslosung am 9. Dezember in Leipzig will die FIFA-Disziplinarkommission ein Urteil gefällt haben.
Der Skandal am Bosporus stellte das übrige Geschehen in der Relegation in den Schatten, in der sich am Mittwochabend neben den Schweizern auch Tschechien, Spanien, Australien sowie Trinidad und Tobago die letzten von 32 Startplätzen für die Endrunde der Weltmeisterschaft vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 in Deutschland erkämpften.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, dpa, 17.11.2005
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