h5n1 China unter Verdacht

Die Regierung in Peking soll Tausende von Vogelgrippefällen bei Menschen verheimlicht haben. ZEIT online sprach mit dem Grippe-Koordinator der Weltgesundheitsorganisation, Klaus Stöhr

Ein beängstigendes Gerücht zieht seine Kreise: Das derzeit schwer von der Vogelgrippe geplagte China lügt. Einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Montag zufolge verheimlicht die Regierung in Peking Tausende von Infektionen und Hunderte von Todesopfern durch H5N1 beim Menschen. Laut FAZ behauptet das jedenfalls ein japanischer Wissenschaftler, der kürzlich im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) China bereist hat und am Wochenende auf einer Veranstaltung in Marburg öffentlich über seine Erkenntnisse sprach.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat noch nicht offiziell zu diesem Vorgang Stellung genommen. Den Medien gegenüber äußerte sich ein Sprecher der WHO aber positiv über die chinesische Informationspolitik. Was steckt nun wirklich dahinter? ZEIT online hat mit Klaus Stöhr, dem Koordinator des WHO-Influenzaprogramms, gesprochen.

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ZEIT online : Herr Stöhr, sind Sie mit den Äußerungen ihres japanischen Mitarbeiters einverstanden?

Klaus Stöhr : Zunächst einmal: Herr Masato Tashiro leitet ein sehr wichtiges WHO Kollaborationszentrum, aber er hat nichts mit offiziellen Verlautbarungen der WHO zu tun. Die Äußerungen, die er nun in Marburg getan hat, sind offensichtlich falsch zitiert worden. Es geht bei dem, was er dort sagte, um Daten, die auf einer Website im Internet kursieren. Solche Daten gibt es massenweise, das ganze Netz ist voll davon, wir werden damit immer wieder bombardiert. Das bedeutet aber nicht immer, dass etwas dahintersteckt.

ZEIT online : Soll heißen, die Sache war ein reines Missverständnis?

Stöhr : Sehen Sie, die WHO scannt das WWW rund um die Uhr nach bestimmten Stichwörtern ab, um solche Informationen auffangen und bewerten zu können. Wir haben dafür eine sehr gute Software, die filtert uns am Tag um die 200 bis 250 solcher Seiten heraus. Unsere Experten gehen das durch und gewichten, ob etwas dabei ist, was wir ernst nehmen müssen. Wenn ja, prüft die WHO-Vertretung des betreffenden Landes, ob da etwas dran ist. Bis zu zehn Leute bei uns beschäftigen sich mit nichts anderem. Diese Seite, von der die besagten Ziffern zu den Todesfällen in China stammen, ist sehr wahrscheinlich „hoax“, also Quatsch. Warum Tashiro sie in Marburg erwähnt hat, weiß ich nicht. Vielleicht als Beispiel. Es gab auch schon Seiten, auf denen von ausradierten Dörfern und ähnlichem die Rede war. Bisher hat das nie gestimmt.

ZEIT online : Als vor zwei Jahren die SARS-Epidemie ausbrach, hat China aber de facto Informationen zurückgehalten und zu spät zugegeben, dass die Seuche im Land ausgebrochen war. Warum glauben Sie, dass es diesmal anders ist?

Stöhr : Es gibt einen ganz einfachen Grund: Weil wir jetzt unsere Leute in China hatten. Das war damals, als SARS ausbrach, nicht der Fall, und wir kamen zunächst auch nicht ins Land hinein. Aber jetzt sind unsere Leute vor Ort und werden auch zu Inspektionen eingeladen. Ein Ausbruch des genannten Ausmaßes, mit Tausenden Infizierten, der wäre schwerlich zu verbergen.

ZEIT online : Chinas Hühner sind von der Vogelgrippe sehr schwer betroffen, das Land hat aber erst in der vergangenen Woche die ersten Infektionen beim Menschen gemeldet. In Vietnam sind 42 Menschen an dem Virus gestorben. Warum soll ausgerechnet China erst so wenige Fälle gehabt haben?

Stöhr : Das fragen sich natürlich viele, aber es liegt unter anderem an den Impfungen. China hat in seinen Geflügelbeständen in den vergangenen zwei Jahren milliardenfach gegen H5N1 geimpft. Im vergangenen Jahr waren zwar trotzdem 16 Provinzen von der Epidemie betroffen, aber in den Provinzen selbst waren es immer nur einige wenige Betriebe.

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