wetter »Wie aus einem Film über Sibirien«

Ein Rekord-Schneesturm hat Teile Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens am ersten Adventswochenende in ein beispielloses Winterchaos gestürzt - Laut Wetterdienst Meteomedia gab es solche Schneemassen in der Region zuletzt vor mehr als 100 Jahren

Menschen in Luftschutzbunkern, Schneewehen auf der Autobahn, Hunderttausende ohne Licht und Heizung: Ein Rekord-Schneesturm hat Teile Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens am ersten Adventswochenende in ein beispielloses Winterchaos gestürzt. Rund 2000 Unfälle, etwa 140 Verletzte, Millionenschäden und 250 000 Menschen, deren Haushalte viele Stunden lang ohne Strom waren - so lautete am Sonntag die Bilanz in Düsseldorf. Betroffen war vor allem das Münsterland. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Menschen in einigen der 25 betroffenen Orte noch tagelang ohne Strom auskommen müssen, sagte NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) am Sonntag.

Laut Wetterdienst Meteomedia gab es solche Schneemassen zuletzt vor mehr als 100 Jahren. Auch über weite Teile Europas fegten Schneestürme und Eisregen, bei klirrender Kälte starben mindestens neun Menschen in Frankreich, Großbritannien und Tschechien.

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In den Münsterländer Kreisen Borken und Steinfurt wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Hier wie auch in anderen Regionen fielen binnen 24 Stunden etwa 30 bis 50 Zentimeter Schnee. Der Verkehr brach streckenweise völlig zusammen. Der Flughafen Düsseldorf musste stundenlang gesperrt werden. Züge kamen wegen umgestürzter Bäume nicht mehr voran.

Größte Herausforderung war am Sonntag die Reparatur des Stromnetzes. Dem Energiekonzern RWE war es zunächst gelungen, mehr als 100 000 Menschen wieder mit Strom zu versorgen. Die Stromleitungen hatten der Belastung durch die sturmgepeitschten »oberarmdicken Eispanzer« nicht standgehalten.

50 Hochspannungsmasten im Münsterland waren eingeknickt oder nicht mehr funktionstüchtig. RWE trat Spekulationen entgegen, wonach Masten und Leitungen im Münsterland überaltert gewesen sein könnten. »Hier stehen die selben Masten wie in Bayern oder in Österreich«, sagte ein Sprecher.

Meteomedia sprach von einem »historischen« Wintereinbruch. In Münster bestehe seit 1888 eine lückenlose meteorologische Beobachtungsreihe. Danach lag der bisherige Schneehöhenrekord für November bei 30 Zentimeter - und zwar im Jahr 1925. Dieser wurde durch die aktuelle Schneehöhe von 32 Zentimetern gebrochen, teilte der Meteorologe Lars Dahlstrom am Sonntag mit. Die höchste überhaupt gemessene Schneemenge dort stammt vom 28. Januar 1897 und betrug 38 Zentimeter.

»So etwas kennt man sonst nur aus Filmen über Sibirien«, sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei Wuppertal angesichts der bis zu einem Meter hohen Schneewehen auf der A 1. Die A 31 bei Gronau war 46 Stunden lang gesperrt. Dort wie an vielen anderen Orten waren Starkstromkabel der Überlandleitungen von den Masten gerissen und hingen gefährlich nahe über der Fahrbahn.

Tausende Autofahrer mussten die Nacht zum Samstag in ihren Wagen verbringen. Lastwagenfahrer luden Frierende in ihre geheizten Führerhäuser ein. Der Winterdienst war mit seinen fast 700 Fahrzeugen rund um die Uhr im Einsatz und streute 1500 Tonnen Salz.

Bei der Bahn ging vielfach nichts mehr. 216 Züge verspäteten sich um insgesamt knapp 117 Stunden, viele Strecken waren unpassierbar. Am Hauptbahnhof Münster nächtigten rund 50 Menschen in einem Luftschutzbunker, weil weder Züge noch Taxis verkehrten und umliegende Hotels ausgebucht waren.

Auch das Ruhrgebiet war von den Schneefällen stark betroffen. Die Verkehrsbetriebe in Essen stellten zeitweise den Betrieb ein. »Wir haben hier fast den idealen Verkehrszustand erreicht - nämlich den Stillstand«, sagte ein Polizeisprecher. Der Handel konnte hier den ersten Adventssamstag als Einnahmequelle praktisch streichen.

Für die katastrophalen Staus machten die Behörden nicht zuletzt Lastwagen verantwortlich, die mit Sommerreifen unterwegs waren, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Wegen der quer stehenden Transporter seien die Räumfahrzeuge kaum durchgekommen.

Auch in Europa waren die Folgen der Polarkälte zu spüren: In Frankreich kam der Verkehr streckenweise völlig zum Erliegen, in Großbritannien verbrachten viele Autofahrer die Nacht zum Samstag in Notunterkünften, in den Niederlanden mussten Zehntausende frierend ohne Elektrizität auskommen. Der Pariser Eiffelturm wurde wegen Schneetreibens zeitweise für Besucher geschlossen.

 
Leser-Kommentare
  1. Seit wann gibt es Lastwagen mit Sommerreifen? Ich habe jedenfalls noch nie einen solchen gesehen. Die Probleme liegen wohl darin, dass einige Fahrer zu bequem sind, um bei derartigen Witterungsverhältnissen Schneeketten anzulegen.

  2. Wo ist denn Herr Latif, der uns das ganze Chaos mit der vergrößerten Klimavariabiliät aufgrund der durch Menschen verursachten Globalen Erwärmung erklärt?

    "An einem einzelnen Ereignis kann man das natürlich nicht festmachen. Aber auf mehrere solcher Ereignisse müssen wir uns in der Zukunft einstellen !"

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  • Quelle (c) ZEIT online, dpa, 27.11.2005
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