Nicht das Geschlechtsteil der deutschen Boulevardzeitungen ist BILD , wie angesichts der schlüpfrig dummen Bauwagen-Witze neben den vollbusigen Nackedeis auf der ersten Seite des Blattes vermutet wurde; auch ein Vorwurf kontinuierlicher Prostitutionsförderung und ordinärer Zuhälterei ("Junge Polin eingetroffen, Anruf genügt") in den lukrativen Kontaktanzeigen von BILD könnte auf die Besitzerin des Schmutzblattes, Friede Springer, keineswegs zutreffen. Im Gegenteil, ihre Rolle als Grande Dame der neuen Berliner Großkoalitions-Prominenz ist so unbestritten wie der Intelligenzquotient von Sabine Christiansen, ihrer guten Freundin.

Auch dass ihr Großwesir Matthias Döpfner, der eigentliche Herrscher über das BILD -Imperium, der Überzeugung ist,  ihm gebühre die Aufgabe, am Ende des Abstiegs Deutschlands in das historische Nichts "das Licht auszumachen" (weshalb er seine jährliche Honorierung als Lichtschalter der Nation in zweistelliger Millionenhöhe patriotisch ertragen wird bis zum Einbruch der Dunkelheit), auch solche geschichtsphilosophisch unübertreffbare Arroganz reicht zur Charakterisierung eines Konzerns und seiner Profitmaschine BILD nicht aus.

Da bedarf es doch einer Extra-Ausgabe der Morallosigkeit dieses Zentralorgans des moralischen Analphabetismus: "Deutsche Geisel. Wird sie geköpft?" fragt BILD einen Tag, nachdem die Geiselnahme der Archäologin Susanne Osthoff im Irak bekannt wurde. Wird sie geköpft? Und wann? Hoffentlich noch vor Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe, mag sich der Chefredakteur gedacht haben, dessen Name hier nicht genannt werden soll, da Gefährdungen seiner Person, sofern sie in ihrer Nichtigkeit allen möglichen Terroristen nicht schon entfallen sein sollte, ausgeschlossen werden müssen. Mehr noch, hätte er eine Spur von Anstand, würde er seinen Namen ändern und eine neue Karriere versuchen, irgendwo, anderswo, nur nicht hierzulande, wo es genug der alltäglichen Schrecknisse schon gibt.

"Die bürgerliche Presse kann die Ereignisse nicht abwarten," pflegte ein sowjetischer Regierungssprecher professionell neugierige Anfragen westlicher Korrespondenten zu beantworten. Aber sie kann sie schon einmal vorweg nehmen - in einer Art appellativen Schweinephantasie: Wie es ist, wenn das Schwert fliegt, wie der öffentliche Mord im Internet wohl wirken wird auf die Eltern ( BILD : "Frau Osthoff, wie fühlen Sie sich?"), und wie die Geköpfte überhaupt in den Irak gekommen ist. Auch der Trost für alle Christenheit ist nicht ausgeschlossen: "Geköpfte glaubte an Allah" - nein, Schluss, der Irrsinn dieses Blattes und seine millionenfache Ruchlosigkeit sind ansteckend wie Aids und haben in Wirklichkeit schon längst die Abdankung von Takt und Mitleid im weiten Kreis seiner Leser zur Folge gehabt. Warum sonst würden sie sich täglich gemein machen mit solcher abgründigen journalistischen Gemeinheit?

Es sei, so heißt es in Berliner politischen Kreisen, BILD das neue Leitmedium der Republik. Das wollen wir gerne glauben. Das traf einst auch auf das Schafott am Place de la Concorde zu, im revolutionären Paris: Die häkelnden Demoiselles am Fuß des Blutgerüsts sind nicht ausgestorben, sie sitzen jetzt in der Redaktion von BILD und können es nicht abwarten, bis die nächsten Köpfe rollen.