HOCHSCHULMEDIZIN Berliner Ärzte streiken

Seit Montagmorgen streikt ein Großteil der 2200 Mediziner des Krankenhauses Charité in Berlin. Die Ärzte fordern eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und einen eigenständigen Tarifvertrag

Rund 750 Berliner Klinikärzte demonstrierten am Montagmorgen bei Minusgraden gegen Gehaltseinbußen, unbezahlte Überstunden und drohende Stellen- Kürzungen. Seit Jahrzehnten hat es in Deutschland keinen Streik mehr von Ärzten gegeben. Als Europas größtes Universitätsklinikum sieht sich die Charité bei ihren Problemen als Präzedenzfall für die deutsche Hochschulmedizin. Die Demonstranten hoffen, dass sich auch andere kommunale Kliniken ein Vorbild nehmen werden.

Trotz der Streiks fahren an der Charité auch am Montag die Ambulanzen vor. In der Streik-Woche ist die Notfallversorgung durch einen ärztlichen Notdienst garantiert. Die Ärzteinitiative der Charité weist jedoch darauf hin, dass es während der Arbeitskampfmaßnahmen zu erheblichen Beeinträchtigungen in Lehre, Forschung und Patientenversorgung, soweit sie ohne Schaden für Patienten aufschiebbare Behandlungen betrifft, kommen wird. Ein Fünftel der Ärzte sind Beamte und dürfen per Gesetz nicht streiken.

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Zuvor hatte die Gewerkschaft der Klinikärzte, der Marburger Bund, zu den Streiks aufgerufen. Eine Woche lang sollen die Mediziner vom 28. November bis zum 2. Dezember ihre Arbeit niederlegen. Für die Woche sind Kundgebungen und Demonstrationszüge geplant. Zusätzlich sollen mehrere Protestaktionen in Berlin-Mitte stattfinden, bei denen die Ärzte Passanten über ihre Arbeit informieren und Erste-Hilfe-Kurse anbieten wollen. Der Marburger Bund will den Streik auf kommunale Kliniken ausdehnen. Bis zum 9. Dezember läuft die Urabstimmung, kündigte der Verband am Montag an.

Hauptsächlich junge Ärzte protestierten gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen. Sie fordern unter anderem eine gerechte Vergütung ihrer Mehrarbeit. Nach eigenen Angaben leisteten die Mediziner monatlich insgesamt mehr als 85000 Überstunden, die oft nicht bezahlt würden. Außerdem seien die Einkommen junger Ärzte von 1993 bis 2002 um 7,5 Prozent gesunken. Das seien die niedrigsten im westeuropäischen Vergleich. Die Ärzte befürchten, dass sie mit weiteren Gehaltseinbußen und der Streichung von 300 Ärzte-Stellen in den kommenden fünf Jahren rechnen müssen.

Mit rund 13000 Mitarbeitern, darunter mehr als 2300 Ärzten, ist die hoch verschuldete Berliner Charité das größte Klinikum Europas. Rund 3240 Betten in 128 Kliniken versorgen die Charité- Ärzte normalerweise mit mehr als 10.000 weiteren Mitarbeitern. Zudem betreuen sie 8000 Studenten. Die einzelnen Universitätskliniken sollen bis zum Jahre 2010 in 17 Charité-Einheiten zusammengefasst werden. Diese Zentrenbildung ist Teil einer umfassenden Neustrukturierung, mit der rund 266 Millionen Euro eingespart werden sollen.

Die Gründe für die desolate Finanzsituation der Klinik sind vielfältig: Vor allem ist sie historisch bedingt, denn das Land Berlin hat unter dem Dach der Charité 2003 sämtliche Institutionen der vormals geteilten Berliner Universitätsmedizin vereint, so dass in der Hauptstadt praktisch eine doppelte Ausstattung vorhanden war. Andererseits will die Charité Spitzenmedizin für die rund sechs Millionen Einwohner von Berlin und Brandenburg bieten - unter diesem Aspekt ist sie nach Einschätzung der Klinikleitung nicht überdimensioniert.

Seit 2003 gibt es an der Charité keinen Tarifvertrag mehr, weil die Tarifpartner sich nicht einigen konnten. Der Charité-Vorstand und die Klinikärzte sprechen sich grundsätzlich für einen eigenständigen Haustarifvertrag aus. Allerdings klafften die Vorstellungen der beiden Parteien zu den Bedingungen des Tarifvertrages weit auseinander. Während der Vorstand ab 2006 eine Lohnerhöhung im Wert von 21 Millionen Euro pro Jahr vorschlägt, fordert der Marburger Bund eine Gehaltserhöhung für alle Ärzte von 30 Prozent. „Der Streik ist unsere Antwort auf die Absenkung der Ärztegehälter um bis zu 15 Prozent. Wir werden keinesfalls hinnehmen, dass die Charité auf dem Rücken der Ärzte saniert wird“, sagt Dr. Matthias Albrecht, Landesvorsitzender des Marburger Bundes. Vielen der angestellten Mediziner wären jedoch bereits mit der Vergütung aller Ärzteleistungen und sichereren Verträgen einverstanden.

In einem Interview sagte der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery der tagesschau , mit der Erhöhung der Ärztegehälter seien auch höhere Ausgaben für die Kassen verbunden. Für eine gute Gesundheitsversorgung sei es unerlässlich die Politik von der Lebenslüge zu trennen, „dass man immer mehr Leistungen mit immer weniger Ärzten für immer weniger Geld haben kann“.

 
Leser-Kommentare
    • Mawald
    • 28.11.2005 um 19:19 Uhr

    Auf einem der Plakate ist zu lesen: Achtung müder Arzt!
    Das erinnert mich an eine Situation letzte Woche, in der eine Assistensärztin uns - wir hatten Kurs in der Charite, der eineinhalb Stunden gehen sollte, wovon allerdings nur eine Stunde ein Dozent anwesend war - darum bat, sich dem Streik anzuschließen. Letztendlich beträfe dieser Streik auch die Studenten, was wir ja gerade gemerkt hatten, da wir schließlich eine halbe Stunde auf den Lehrenden warten mußten.
    Man kann einem abgekämpften Assistenzarzt gegenüber nur schlecht seinen Unmut darüber äußern, dass der Kurs doch schon längst begonnen habe.
    Dies ist an der Charite bei weitem kein Einzelfall. Die Lehre ist vorallem in den drei Haupthäusern so schlecht - was kein Vorwurf an die Ärzte sein soll, die den Studentenunterricht mit unbezahlten Überstunden am Nachmittag ausgleichen müssen - ,dass wir glücklich sind, wenn wir z. B. nach Buch fahren dürfen, da sich dort der Ärztemangel noch nicht ganz so drastisch auszuwirken scheint.
    Die Ärztin meinte auch, sie habe ja kein Problem mit der vielen Arbeit, im Gegenteil, fast jeder Arzt sei gerne
    Arzt, doch sollte es einen wenigstens einigermaßen angemessenen Ausgleich dafür geben, dass man seine Freizeit in der Klinik verbringe. Sie sei täglich mindestens 12 Stunden dort, wobei 8 bezahlt werden.
    Außerdem ist eine Politik der Kurzzeitarbeitsverträge nicht unbedingt förderlich, um über manche Missstände hinwegzusehen.

    Das ist nicht unbedingt die beste Werbung für einen Studiengang, bei dem mehr als die Hälfte abbrechen.

    Ein frustrierter Medizinstudent

    • Garud
    • 29.11.2005 um 17:44 Uhr

    Die Ärzte von Heute sind eher mit den Todesengeln vergleichbar.
    Denn sie handeln nicht in deren Sinne.Weniger Zeit für Kranke.
    Schneller Tod für Gesunde !
    Geld ist dieses Gift das Hippokartes Vesuchte zu Umschreiben.
    Auch Ärzte sind Krank!Krank im denken nur an sich.Und Reich an
    Ausreden mit genügend Bildung im Hintergrund.
    Das sind wahrliche Thesaurrier,vor dennen ich mich als schwer
    Kranker einmal Retten konnte.Und Gesund wurde.
    Hat zwar lange gedauert und sich dafür gelohnt.Das geht nur wenn ein Kranker Selbstständig werden will!
    Also Kranke rennt weg vor solch falschen Göttern in weiss.

    k.Stanelle

  1. Man muss die Sache auch mal aus Patientensicht betrachten. Uebermuedete und frustrierte Aerzte sind nicht geeignet, fuer das umfassende Wohl der Patienten zu sorgen. Ich moechte nicht von einem Arzt operiert werden, der mit 14 Euro brutto schlechter beahlt wird als meine Putzfrau, die 15 Euro brutto bekommt. Ausserdem wuensche ich mir einen freundlichen, ruhigne, ausgeschlafenen und nicht uebernaechtigten Arzt.
    Es ist die Pflicht der Arbeitgeber, also der Krankenhaeuser, dafuer zu sorgen, oder aber dicht zu machen und mitzuteilen, dass es zu den Preisen, die die Kassen zahlen, nicht geht. Aber lieber als den eigenen Arbeitsplatz aufzugeben quetschen die Verwaltungsdirektoren Aerzte aus wie Zitronen.

  2. Das hätte man von den deutschen Ärzten nie gedacht-die streiken ja tatsächlich!
    Unglücklicherweise werden unsere Forderungen immer nur unter den "30% mehr Gehalt" subsummiert-eine Tatsache, die uns immer wieder polemische Kritik beschert. Es wäre enorm wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, wie diese Forderung zustandekommt-eben nicht als einfacher "Inflationsausgleich" wie in anderen Tarifstreitigkeiten.
    Den Herren in der Vorstandsetage des kommunalen Arbeitgeberverbandes, die zur Zeit damit drohen, gegen striekende Ärzte mit einstweiligen Verfügungen vorgehen zu wollen sei klar gesagt:
    allein unseren Dienst nach Vorschrift und nach den für jeden einzelenen Bereich bestehenden Qualitätskriterien konsequent durchzuführen würde schon eine erhebliche Einbuße für die Krankenhäuser nach sich ziehen-ohne jede rechtliche Handhabe auf Seiten der Arbeitgeber! Niemandem ist mit einer Eskalation der Situation gedient-aber die Zeiten, in denen wir alles irgendwie ertragen haben, sind endgültig vorbei.
    Leider bleibt ein bitterer Nachgeschmack: alle möglichen positiven Veränderungen,die unsere Berufsausübung wieder besser gestalten könnten, resultieren nicht aus der Einsicht, daß es einfach nur anständig ist, diese Verbesserungen umzusetzen. Ohne den Druck, der durch den Mangel an Ärzten entsteht, wäre kein Arbeitgeber auch nur im entferntesten daran interessiert, unser Lage zu verbessern.
    Die späten 80er Jahre waren ein gutes (schlechtes) Beispiel dafür, wieviel Willkür wir ertragen mussten-ohne daß ver.di (damals DAG) Dinge wie den "Art im Praktikum" verhindert hätten.

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