GlosseKreatives Grenzland

Die Kampagne "Du bist Deutschland" hat einen historischen Vorläufer von 

© Stadtarchiv Ludwigshafen

Was läge weiter von einander entfernt als die bunte Welt der Werber und die staubige Welt der Archive? Hier das Übermorgen, dort das Vorgestern, hier die Kreativdirektoren, dort die Karteikartenreiter, hier Photoshop-Triumphe, dort bröselnde Graumassen. Und doch - wie seltsam berühren sie sich manchmal, diese Welten!

"Du bist Deutschland" heißt eine brillante Imagekampagne für unser armes kleines, rat- und ruckloses Land, die diverse Medienunternehmen und andere echte Patrioten ins Leben gerufen haben. Entworfen hat den glänzenden Spruch Oliver Voss, Kreativdirektor der fabelhaften Werbeagentur Jung von Matt. Ein glänzender Slogan, furios im Zuschnitt, perfekt im Setting, im Fixing und Spinning, und man kann sich vorstellen wie ein ganzes Kompetenz- und Kreativteam wochenlang daran geschnitzt hat – bis es so frisch und knackig auf dem Punkt saß: "Du bist Deutschland". Ein Slogan zum Anbeißen, zum Awardsabräumen!

Anzeige

Doch dann tauchte plötzlich aus dem Stadtarchiv Ludwigshafen ein Foto auf (siehe oben), das die Archivare dort in ihrer total abturnenden, voll kreativfreien Sprache wie folgt beschreiben: "Das Foto entstand vermutlich 1933/34 und wurde 1999 in dem Band 'Ludwigshafen – ein Jahrhundert in Bildern' veröffentlicht. Anlass der abgebildeten Kundgebung war wahrscheinlich ein Besuch des bayerischen Reichsstatthalters Epp bzw. des bayerischen Innenministers Wagner in Ludwigshafen: deren Bilder wurden (mit denen von Goebbels, Göring und Wessel) dem Hitler-Transparent gegenüber aufgestellt. Ort war der zentrale Platz der Stadt, der Ludwigsplatz (benannt nach dem "Märchenkönig" Ludwig II., der ja auch Herrscher der Pfalz war. Die Pfalz war von 1816-1945 bayerisch). Im Hintergrund ist der damalige Hauptbahnhof zu sehen, von dem aus noch 1933 zahlreiche Ostjuden abgeschoben wurden."

Tja, so sind sie, die Archivare. Fantasielose Graufinken. Öde Spielverderber.

Andererseits: Was soll's! Eben Pech gehabt. Kann passieren. Vielleicht doch irgendwie keine so gute Headline. Vielleicht doch irgendwie nicht so richtig kreativmäßig und Awardsscharf. Vielleicht doch irgendwie, für x Mille, ein Hut von vorgestern. Aber trösten Sie sich, sehr geehrter Herr Direktor Voss, lieber Oliver: Auch Du bist nur Deutschland.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Einer hat es machen lassen wie einen Gottesdienst: ExorziSSmus nach innen und Kreuzzüge nach auSSen, und heute wird Europa neu geordnet mit "so wahr mir Gott helfe" und nettenmatten Jungs aus der 68er-Retorte.
    Die Jungs sind aber der Entwicklung weit hinterher: mit dem Spruch konnten sie bei den ewig Gestrigen noch gut landen und befanden sich damit nicht überraschend in der kongenialen Nachbarschaft zu einer 33er Parole, die sie dem Fortschritt verpflichtet doch zumindest auf "DU bist DEUROPA" hätten erweitern müssen um dann das zu toppen: mit "und morgen die ganze Welt", wiel wir doch längst GlobalPlayer sind und sein müssen. Und wie gehts weiter: Ariadne auf Tauris - is was für Wohnzimmerkuschelträume im Penthouse auf arte oder 3sat - in realzeit ist es mit Ariadne zum Mars.

    Das wars.

    im zeitalter ratzikaler Geburtenkontrolle und obligatorischem 3.Strophengesang der Nationalhymne im Kindergarten und dem flächendeckenden Leidkulturgebet unterm GrundschulKruzifix - kruzitürken!
    Grüß Gott miteinand.

    Hartmut Barth-Engelbart

  2. Der Satz stimmt immer noch. Ihr seid schlimmer als die Mullahs, ehrlich. Koennt Ihr nicht endlich mal nach vorne schauen und mitwirken bei dem Aufbau unseres schoenen Landes? Herr H. hat auch Autos bauen lassen. Wollte ihr deswegen VW und Mercedes durch den Kakao ziehen? Ein bisschen mehr positives Denken, bitte.

    • somlu
    • 25. November 2005 16:56 Uhr
    3. \N

    Nicht zu vergessen, dass die Diskussion hier www.spreeblick.com/2005/1...

    one-more-time-du-bist-deutschland/

    #comments seit Dienstag geführt wird.

  3. als ich den werbespot im tv, ard wars wohl, das erste mal gesehen habe, war ich anfangs beinah beeindruckt, irgendwo eine "tolle-sache"-stimmung.

    hat zwar - es war eine extreme longplay-version - nur wenige augenblicke angehalten, und als ich gerade "aber jetzt nicht auch noch der Harald Schimdt" denken wollte, ist der schon über den bildschirm geflimmert.

    die vielen verisse in den vielen weblogs die tage und wochen darauf haben mich dann jedenfalls in der meinung gefestigt, es IST eine tolle sache.

    so. und jetzt der beinah unvermeidliche "hats im reich schon gegeben" hinweis. nicht, dass der mich stören würde, ganz im gegenteil; darüber bin ich froh. über den sachverhalt zu informieren, ist jedenfalls sache (gute sache) der zeit. und notwendige.

    nur der ton, dieser gehässige, jetzt-kann-ichs-ihnen-aber-geben-ton, der hat mich - im moment zumindest - etwas nein nicht geärgert, er hat mir den abend ein bisschen weniger lieb gemacht.

    ich denke - als in der (steirischen provinz-)werbung tätiger, man könnte seinen (wahrscheinlich mehr als gerechten) schleim über coole werbefuzzis andernorts gelungener absondern.

    diese keule haben sie nicht verdient.

  4. Der Text scheint gut recherchiert (woher ihr dieses Foto wohl habt!; es tauchte einfach so auf!) und liest sich randnotizhaft schön. Placet! Der Mini-Seitenhieb auf die Alleweil-Kreativen ist anti-zeitgeistig verortet, vielleicht: nötig. Nur eins, und damit wieder ein Redigierversuch bei ZEIT online (schade, dass es möglich ist): 'awardsscharf' ist, wenn es schon sein muss, ein Adjektiv; man schreibt's halt nun mal klein. Hat es die ZEIT auch schon so eilig, wie man es den Jungforschschöpferischen nachsagen könnte?

    Frdl. grüßend

  5. Was wäre der Herr H geworden ohne die Harzburger Front, die deutsche Schwerindustrie, die Dresdner (SS)Bank .... ohne die Kübelwagen und die Unimogvorläufer, ohne die ADLER-Schützenpanzer, ohne CyclonB von Degussa ohne Volkswagen und Merzedes-Benz ? Vielleicht wäre er von Obergefreiten zum Uffz aufgestiegen. Was wäre er ohne Standard-Oil und Ford, ohne Coca-Cola geworden - er hätte seine Wehrmacht nicht mal zum stillen Don hetzen können, aber jetzt stehen wir vor Baku, liegen vor Madagaskar und sitzen im Sudan auf dem Posten und im Krale der Ovambo singt uns bettelnd deutsche Lieder - schon wieder. Selbst
    in China, in der Mongolei ist DEURO-Land ganz vorn dabei.
    Der Herr H. gerät im Jenseits noch ins Träumen. Das hätte er nun doch noch gerne ganz real miterlebt.

    • Runan
    • 25. November 2005 17:44 Uhr

    sondern jede Menge von der hübschen neuen Werbe-, Kreativ- und Beratungswelt kommt aus dem dritten Reich. Viel von dem was ich in Managementkursen gelernt habe von Gruppenverhalten, Motivationstraining und Strategien - und was als brandneuer Trend verkauft wird - findet sich wieder in den Ablaufprozessen des dritten Reiches. So mancher Spruch den man da heute hört klingt auch genau so. Nur der Kontext ist so anders - sonst wäre es uns bestimmt schon früher aufgefallen.

    Gruß Runan

  6. Es ist immer wieder das Gleiche: die journalistische Randszenerie darf sich gerne die Finger verbrennen, die Schädel einschlagen lassen und ihre Recherchen zwischen den medienmonopolen quasi unbeachtet vertrocknen lassen und dann kommen bei den Pultzerpreisverdächtigen Highlight wie die Story von Schmidt-Eenbom und den Diensten oder eben gerade bei diesem Fund gut im Futter stehende KollegINNen und veröffentlichen (sind wir sooooo dankbar, in echt!!!) aber kräftig ohne Quellenverweis ....

    Das Leben ist eben sehr hart.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Mentalität
Service