Kommentar Das Feindbild der Dschihadisten
Mit der Entführung von Susanne Osthoff greifen die Terroristen abermals ausgerechnet jene an, die sich aus Leidenschaft der arabischen Welt widmen
Bis zum Freitag war Deutschland verschont geblieben. Doch nun muss sich unser Land damit auseinandersetzen, dass eine Mitbürgerin im Irak entführt worden ist. Die Geiselnehmer verlangen von der Bundesregierung, dass sie die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einstellt; sonst wollen sie Susanne Osthoff töten.
Fast hätte man vergessen, dass der Irak den größten Geiselmarkt der Welt beherbergt; gerade in Zeiten, in denen immer mehr Staaten aus der Reihe der Alliierten erwägen, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen. Brutal ist die irakische Realität nun ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgekehrt und erinnert uns daran, dass weder Staatsangehörigkeit noch Religion irgendjemanden dagegen schützt, im Irak verschleppt zu werden. Im Juli erst hatte der Al-Qaida-Führer im Irak, Sarqawi, zwei algerische Diplomaten ermorden lassen. Die goldene Regel der Terroristen lautet, alle Länder zu entmutigen, die die neue irakische Regierung auf irgendeine Weise unterstützen. Das gilt für Deutschland genauso wie für Algerien, für nicht-muslimische ebenso wie für muslimische Staaten. Das Feindbild der Dschihadisten kennt keine Unterschiede.
Die Geiselnehmer von Susanne Osthoff haben sich noch nicht zu ihrer Tat bekannt. Einiges deutet darauf hin, dass es eine Terrorzelle der Sarqawi-Bewegung sein könnte:
Die Deutsche war schon in der Vergangenheit von Sarqawi-Anhängern bedroht worden.
Auch die politische Forderung folgt der Rhetorik der sunnitischen Extremisten. Zudem wurde Osthoff wenige Tage nach dem Amtsantritt der Bundeskanzlerin entführt. Dass Merkel gleich nach ihrer Amtsübernahme betonte, Deutschland werde keine Soldaten in den Irak schicken, hat keinerlei Bedeutung. Die Bundesrepublik unterstützt den Wiederaufbau des Landes wirtschaftlich und bildet irakische Polizisten und Sicherheitskräfte in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Das genügt den Terroristen, um ihr Feindbild zu zeichnen.
Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass die Geiselnehmer eine Persönlichkeit wie Susanne Osthoff auswählten. Die Archäologin spricht fließend arabisch und bekehrte sich zum Islam. Seit Jahren organisierte sie Hilfstransporte in das zerstörte Land. Osthoff sprach in mehreren Interviews von ihrer Liebe für Land und Leute, von ihrer Faszination für Babylon und die alten Zivilisationen Mesopotamiens - die von den Irakern so verehrt und von den Islamisten so gehasst werden. Auch das ist eine der ideologischen Säulen der Fanatiker: Dass sie stets Menschen opfern, die sich aus Leidenschaft der arabischen Welt widmen. Niemand kann sich vorstellen, dass die Geiselnehmer nicht wussten, wer die Deutsche war, die sie entführten; sie konnten ihren Einsatz für die Bevölkerung nicht ignorieren. Alles erinnert an den Fall von Margaret Hassan, der englischen Länderdirektorin der Hilfsorganisation Care International. Sie wurde von Sarkawis Terrortruppe ermordet. Seitdem hat Care seine Aktionen im Irak eingestellt.
Welche Folgen hat die Entführung für die deutsche Außenpolitik? Auf politische Forderungen von Terroristen wird die Bundesregierung sich nicht einlassen. Das hat Außenminister Steinmeier während seiner Amerikareise unmissverständlich klar gemacht: "Die Republik ist nicht erpressbar". Es bleibt zu hoffen, dass die Entführer sich auf einem ideologisch-kriminellen Terrain bewegen, auf dem finanzielle Interessen stärker sind als politische. Dies ist bei Entführungen im Irak fast immer der Fall, wenn es auch stets von allen Seiten geleugnet wird. Oft nutzen Terroristen den politischen Vorwand lediglich, um an Geld zu kommen, wie im Fall der beiden französischen Journalisten Malbrunot und Chesnot. Deren Entführer forderten die Abschaffung des "Kopftuch-Gesetzes" in Frankreich und stellten der Regierung in Paris ein Ultimatum. Beendet wurde die Geiselnahme mit der Zahlung eines Lösegeldes. Nötig waren dazu aber auch die vielen Demonstrationen und Zeichen der Solidarität mit den Entführten.
Denn bei jeder neuen Entführung gilt wieder die Arbeitsteilung, die alle ehemaligen Geiseln fordern: Die Behörden müssen im Geheimen handeln, die Geiseln brauchen die Aufmerksamkeit der Welt. Sie herzustellen liegt nicht zuletzt in der Verantwortung der Medien.
- Datum 30.11.2005 - 12:25 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 30.11.2005
- Kommentare 12
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Die Sprecher muslimischer Vereinigungen weltweit verurteilen die Entführung und angedrohte Entführung Susanne Osthoffs als nicht nur sinnlos, sondern aus muslimischer Sicht auch verachtenswert und verboten. Ein englissprachiger Artikel zur Reaktion der deutschen Muslime findet sich bei Islamonline:
http://www.islamonline.ne...
Selbstverständlich verurteile ich zutiefst diese Entführung so wie auch jede andere.
Dennoch stellt sie eindeutig einen weiteren Fingerzeig auf das eigentliche Problem dar: Die Agression der USA aus reiner Macht- und Profitgier in der Region hat dort noch mehr zur Destabilisierung beigetragen, was letztlich auf der einen Seite zur weiteren Kriminalisierung weniger Radikaler beigetragen hat. Auf der anderen Seite steht die Mehrheit der Muslime und verurteilt ihrerseits die Entführungen entschieden. Den Hass gegen den Westen (USA) empfinden viele, doch ihre hohen moralischen Werte verbieten ihnen, es den USA und ihren Schärgen sowie den Entführern gleichzutun.
Susanne Osthoff ist entführt. Nahezu gleichzeitig erfahren wir, wie aus ganz Europa Muslime entführt und verschleppt werden. Mir kommt die Welt vor wie in einem alten 007-Film.
Dass es den meisten anderen nicht besser geht, merkt man an den Kommentaren. Ich habe wirklich überlegt, ob ich mich einmische, aber wer, wenn nicht ich!
So hat sicher Susanne Osthoff auch gedacht, jedes mal, wenn sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hat und in einer Kriegsregion versucht hat, den Menschen zu helfen.
Ich bewundere diese Person und ich denke, viele sollten sich ein Beispiel an ihrer Zivilcourage nehmen. Ich habe, als ich von den Entführungen gehört habe, mich auch gefragt, ob nicht die Amerikaner Osthoff entführt haben, um aus ihr auch Informationen zu kriegen??
Wie ich merke reagieren hier einige sehr barsch auf solche Kritiken und wünschen einem gleich eine Entführung herbei. Ich kenne diese Kritiken nur zu gut aus der Zeit, als ich jeden Tag mit einigen Freunden gegen den Irakkrieg demonstriert habe. Uns wurde zugerufen, dass man uns auch dorthin schicken und in die Luft jagen sollte.
Ich möchte, dass Amerika zu Verantwortung gezogen wird, als es einen Krieg angezetttelt hat, dessen vorgeschobene Gründe schlichtweg gelogen waren.
Nur zur Erinnerung: Der Krieg hatte angefangen, weil die USA nicht glauben wollte und "Indizien" dafür hatte, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Die Wissenschaftskommission vor Ort, konnte dies nie bestätigen, doch die USA hatten andere Beweise angeblich.
Es wurden nie Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden! Dann hat man schnell den Krieg erklärt als Demokratisierungskrieg. Als sei die USA daran interessiert, den IRAK oder andere Länder zu demokratisieren. Siehe dazu Lateinamerika! Für Amerika geht es in erster Linie um die Erweiterung des Absatzmarktes, um die Erweiterung der Einflussgrenzen und die Erweiterung der abhängigen Nationen. Denn Amerikas Reichtum, was nicht auf alle Amerikaner zutrifft, basiert auf Ausbeutung und auf Kriegen.
Die einfachste Regel für einen Krieg: Mache Krieg, benutze einheimische Waffen, bezahle diese mit Steuergeldern, befriedige die Waffenindustrie, somit hast du neue alte Wähler und am Ende kannst du alles aufbauen. Das gibt neue Arbeitsplätze und neue Investoren!
Dieses ausbeuterische System wird um so mehr benutzt, um so unkreativer eine Regierung ist. Wenn einem keine Ideen mehr einfallen, grieft man zu der alten Waffe Krieg, denn es gibt ja immer noch genug (dumme), die selbst Erklärungen und Ursachen dafür finden, um diesen Krieg zu erklären.
So wie einst für Naturkatastrophen mystischen Erklärungen her halten mussten, tun es jetzt angebliche demokratisierungspläne.
Doch es muss jetzt einfach mal genauer hingeschaut werden. Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Irak und das deutsche Reich waren nicht das gleiche und nur weil Amerika jetzt dabei ist, heißt es nicht, dass sie wieder die Guten sind. Es ist wichtig historische Ereignisse anzuführen, aber eben so wichtig die aktuellen Ereignisse genau zu betrachten.
Es liegt an den USA Susanne Osthoff zu retten vielleicht auch freizulassen. Jemand sagte, es sollen die helfen, denen OSthoff geholfen hat. Wie denn, diese Menschen leben(hoffentlich) immer noch in einer Kriegsregion und hoffen, dass dieser Spuk endlich ein Ende nimmt. Jetzt ist Susanne Osthoff weg, wer wird ihnen jetzt helfen?
Sakine Subasi
Iceman könnte man durchaus zustimmen wenn er schreibt: "Die Entführer sind dreckige Banditen, die in einer verarmten Region die einmalige Chance sehen, märchenhaft viel Geld zu verdienen." Nur worin unterscheiden sich ihre Handlungen gegenüber denen der USA und ihrer Komplizen? Beides ist absolut zu verurteilen. Doch wo sind die relevanten Kläger??
Mit dem Hinweis auf Margaret Hassan, und darauf, dass alles im Falle Susanne Osthoffs an eben diese erinnert, klingt der folgende Satz etwas merkwuerdig:
"Auch sie wurde von Sarkawis Terrortruppe ermordet"
"Auch" - meinen Sie "auch" im Sinne von "genauso, wie es wahrscheinlich im Falle Osthoffs auch passieren wird"?
Ich denke, das ist von Ihnen nicht so gemeint und hoffe natuerlich auch, dass dies nicht passieren wird.
Nur im Kausalzusammenhang laesst dieses "auch' mich ersteinmal schlucken.
om mani padme hum
Danke für Ihren richtigen Hinweis. Ich habe den Satz entsprechend geändert.
Alain-Xavier Wurst
om mani padme hum
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