Irak Eine angekündigte Entführung
Die im Irak verschleppte Archäologin Susanne Osthoff ist offenbar schon im Oktober von irakischen Terrorgruppen bedroht worden. CDU-Nahostexperte Polenz vermutet eine gezielte Warnung an die Bundesrepublik
Für die Archäologin Susanne Osthoff kam ihre Entführung möglicherweise nicht überraschend. Zumindest dass sie bedroht ist, hat sie wohl gewusst. Schon im Oktober war Osthoff bedroht worden, berichten verschiedene Medien. Damals sei sie von US-Soldaten in Sicherheit gebracht worden. Doch die engagierte Frau, die sich im Irak seit langer Zeit humanitär einsetzt und fließend arabisch spricht, ließ sich davon nicht abschrecken. Seit Samstag wird sie nun im Irak vermisst.
Zu möglichen Tätern und Hintergründen schweigt das Auswärtige Amt bislang. Wegen der Vorgeschichte sei es jedoch unwahrscheinlich, dass die Entführung gewissermaßen zufällig geschehen sei, sagte der CDU-Nahostexperte Rupert Polenz
Zeit online.
Er glaube nicht, dass die Entführer einfach nur eine westliche Ausländerin als Geisel nehmen wollten, ohne genau zu wissen, mit wem sie es zu tun haben. Vielmehr handele es sich vermutlich um eine gezielte Warnung an die Bundesrepublik.
Als Täter kämen sowohl die Anhänger von Saddam Husseins ehemaliger Baath-Partei in Frage, die für etwa 90 Prozent des terroristischen Widerstands im Irak verantwortlich seien, als auch von außen in das Land eingedrungene Dschihad Kämpfer, so Polenz. Bei den Baath-Aktivisten sei Geldgier als Motiv der Entführung eher unwahrscheinlich, da diese Gruppen immer noch über beträchtliche finanzielle Mittel verfügten. Die Dschihad-Kämpfer machten etwa zehn Prozent des terroristischen Potenzials im Irak aus.
Mit Osthoff haben die Terroristen im Irak erneut einen Menschen getroffen, der sich äußerst engagiert für eine Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung eingesetzt hat. Während des Irak-Krieges habe Osthoff beispielsweise unter gefährlichen Bedingungen, lebenswichtige Medikamente in das Saddam-City-Hospital und Al-Kindi-Hospital in Bagdad geschleust, teilte das Deutsche Medikamenten-Hilfswerk Action Medeor mit, für das Osthoff gearbeitet hatte.
Die Entführung von Helfern wie Osthoff zeige, dass das Ziel der Terroristen die Destabilisierung des Landes sei, sagte Polenz. Im Zuge ihrer Arbeiten habe Osthoff Kontakt zur deutschen Botschaft in Bagdad gehabt, aber auch zu kurdischen Organisationen. Dies habe möglicherweise ebenfalls die Aufmerksamkeit der Entführer auf Osthoff gelenkt. Leider sei es vollkommen unmöglich, allen westlichen Ausländern dieselben Sicherheitsstandards zukommen zu lassen, wie sie UN-Mitarbeiter hätten. Das Auswärtige Amt erneuerte am Dienstag seine Warnung vor Reisen nach Irak und rief alle Deutschen dazu auf, das Land zu verlassen.
Dass es am bisherigen Engagement im Irak keinerlei Abstriche geben könnte, darüber zeigten sich die Koalitionspartner in Berlin einig. „Die diesbezüglichen Forderungen der Entführer sind absolut inakzeptabel“, sagte der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose. Und Polenz ergänzt: „Die im Amt befindliche irakische Regierung hat die größte demokratische Legitimation aller bisherigen irakischen Regierungen“. Die Bundesrepublik habe ein großes Interesse daran, dass es dieser Regierung gelinge, die Macht auch wirklich zu übernehmen und das Gewaltmonopol zu realisieren. Beide betonten aber auch, dass es bei der Zusage Angela Merkels bleibe, auch in Zukunft keine Soldaten in den Irak zu entsenden.
Bei den Verhandlungen komme es nun darauf, Zeit zur Rettung der Frau zu gewinnen, sagt Polenz. Mit Sicherheit werde auch über Lösegeldforderungen gesprochen werden. „Zur Rettung eines Menschen dürfen keine Mittel von vornherein ausgeschlossen werden“, sagt Polenz. Der einzige Weg, solchen Vorfällen vorzubeugen, sei die intensive Zusammenarbeit mit den anderen in der Region engagierten Staaten, mit den USA genauso wie mit den irakischen Nachbarstaaten. Auch diese hätten schließlich ein elementares Interesse an der Stabilisierung des Irak.
- Datum 30.11.2005 - 12:25 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 29.11.2005
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Das Verhalten der Medien ist in mehrfacher Hinsicht schädlich:
1. Die Entführer erhalten die mediale Präsenz, die sie sich erhofft haben. Deutchlandweite Werbung zur besten Sendezeit
2. Der Vorgang wird in seiner Bedeutung überbetont. Seit Monaten sterben im Irak jeden Tag ungezählte Menschen bei Anschlägen. Den armen Menschen des Landes wird unsere Berichterstattung kaum verständlich sein.
3. Die Entführte hat sich grobfahrlässig der Gefahr ausgesetzt. Der Leichtsinn ist kaum zu begreifen. Der deutsche Staat darf sich nicht für den Leichtsinn Einzelner haftbar machen lassen.
4. Ein unbedeutender Einzelfall wird mit politischer Symbolik ausgestattet, deren Konsequenzen - auch für das Opfer - kaum absehbar sind.
5. Im Münsterland sitzen mehrere tausend Menschen seit Tagen ohne Strom, ohne in den Genuß der medialen Aufmerksamkeit zu kommen.
6. Um jedes Mißverständnis zu vermeiden: Der Entführten soll geholfen werden. Keine Frage. Aber die Verhandlungen werden durch das Scheinwerferlicht der Paparazzi sicher nicht erleichtert. Die Medien sollten zu einer Form der Selbstbeschränkung in solchen und ähnlichen Fällen finden.
korfstroem
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