rock Jacketts aus, Krawatten ab

Die Achtziger sind das Beste von heute: Die britische Pop-Band Maximo Park vergisst unter dem Jubel des deutschen Publikums sogar ihre Kunststudenten-Attitüde

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Immer, wenn die Begeisterung überhand zu nehmen droht, greifen die großen Kritiker tief in die Rhetorikkiste und rufen das Publikum zur Ordnung: Denn es kann doch nicht sein, dass alle paar Wochen eine neue Gruppe des Jahres daherkommt, erst recht nicht, wenn diese zu der unüberschaubaren Zahl der Britpop-Bands gehört.

Bei Maximo Parks erstem Album A Certain Trigger , das Mitte Mai erschien, flogen also die Gedankenfetzen: Reminiszenzen in jedem Takt! Alles gestohlen! Alles schon mal da gewesen! Konkret wusste man zwar kaum etwas zu nennen, das die jungen Briten da kopiert haben sollen, aber egal. Der Stachel war gesetzt, die naive Lobhudelei entlarvt. Von nun an würden die Fans genauer hinhören.

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Haben wir versucht, als Maximo Park jetzt nach Hamburg kamen. Es ist uns nicht ganz leicht gefallen, denn der Sound in der Großen Freiheit 36 war so schlecht, dass selbst der Sänger Paul Smith sich immer wieder die Ohren zuhalten musste und später sagte, man werde wohl taub nach Hause gehen. Gleichwohl waren die fünf, die da auf die Bühne sprangen, unverkennbar Maximo Park, und der erste Song war unverkennbar Signal and Sign, der Einstieg ihres Albums.

Wir stiegen also ein – und sofort kam uns ganz viel bekannt vor. Die hackenden Gesten von Smith, seine musikalische Pantomime mit weit aufgerissenen Augen, dazu der irre Gesichtsausdruck des Keyboarders Lukas Wooller – das hatten wir Ende Juni auch in Los Angeles gesehen, als Maximo Park im Troubadour auftraten, einem winzigen Laden, der viermal in den Hamburger Club gepasst hätte.

Damals hatte der Bandleader jeden Song mit „unser nächstes Lied handelt von Menschen, die...(dieses und jenes fühlen)“ angekündigt, und die Band war so versiert und cool, dass sie nur die Beine einiger anwesender Briten – und unsere – in Bewegung brachte. Die Amerikaner standen herum, tranken Bier und wollten sich partout nicht mitreißen lassen.

In Hamburg kam es anders. Nach drei Songs hatte sich das Publikum vom Schock erholt, dass die Band tatsächlich um Punkt neun angefangen war. Danach konnte sich kaum noch jemand der Energie widersetzen, die dem Sänger aus jeder Pore strömte. Und das nicht nur während seiner aberwitzigen akrobatischen Sprungeinlagen, sondern auch, als er jeden Song aufs Neue so schön und klar und lyrisch sang, wie es der fabelhafte Jarvis Cocker, mit dem Smith oft verglichen wird, nur selten vermocht hat.

An dieser Stelle muss deshalb noch einmal gefragt werden: Warum wird alles, was seine Wurzeln im Vertrauten hat, so heruntergemacht? Wir mögen es, wenn Bands nach den Achtzigern klingen – so sie sich, wie Maximo Park, besser anhören, als alles, an das wir uns aus den Achtzigern erinnern können. (Und übrigens auch besser klingen als Bloc Party, mit denen sie immer in einem Atemzug genannt werden.) Wir mögen es, wenn Bands nicht gelangweilt über ihre Mikrofone in die Menge glotzen. Wir mögen es, wenn schlaksige Briten ihre Jacketts ausziehen, die Krawatten ablegen und sich nach jedem Applaus brav bedanken.

Die Menge in Hamburg tobte schon, als Smith sie in den Tonrausch von Limassol stürzte. Die Leute kannten, was sie da hörten, und sie kannten es eben nicht aus den Achtzigern. Harter Rhythmus, klare Melodie, mitreißender Gesang und dann diese Texte. Selbst wenn die Band genau weiß, warum sie so fabelhaft ist, und diese Attitüde in dem kleinen Club in L.A. noch ausgestellt hatte: Vor großem Publikum scheinen Maximo Park noch Neues über sich zu erfahren.

Die Bandmitglieder begannen im Verlauf der neunzig Minuten verlegen zu lächeln, sie schienen überrascht, welche Leidenschaft sie auf so viele Menschen übertragen können, vielleicht haben sie zu oft in Amerika gespielt. Und irgendwann muss es dann wohl vorbei gewesen sein mit dem Kunststudentengehabe. Keyboarder Wooller ersparte uns die oscarreife Darstellung eines Menschen unter schwerem Drogeneinfluss aus L.A. und bekam in Hamburg sogar rote Bäckchen. Duncan Lloyd an der Gitarre, Archis Tiku am Bass und Tom English am Schlagzeug strahlten, Paul Smith schlug die Hände vors Gesicht und schrie seine gute Laune heraus. Ausgesprochen luvly sei das Publikum, jubelten sie in ihrem Newcastle-Akzent, bevor sie es mit Going Missing nach Hause schickten. Danke, gleichfalls.

 
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    • Quelle (c) ZEIT online 27.11.2005
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    • Schlagworte Rock | Musik | Jarvis Cocker | USA | Hamburg
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