gesundheitspolitik Ausgelaugt und ausgebeutet

Immer mehr Ärzte fordern höhere Gehälter und Ausgleich für Überstunden. Nach dem einwöchigen Protest an der Berliner Charite demonstrierten am Freitag nun Mediziner bundesweit an 20 Universitätskliniken

Sie arbeiten hart, viel, tragen große Verantwortung - und bekommen viel zu wenig Geld dafür: So zumindest lautete die Botschaft der vielen tausend Ärzte, die am Freitag mit bundesweiten Warnstreiks an 20 Universitäts- und Landeskliniken gegen schlechte Bezahlung und Arbeitsüberlastung protestierten. Mit den Streiks versuchen die Mediziner in den laufenden Tarifverhandlungen verstärkt Druck auf die Länder auszuüben. Da die Ärztegemeinschaft wegen dieser Verhandlungen aber einer Friedenspflicht unterworfen ist, nahmen die meisten der Demonstranten außerhalb ihrer Arbeitszeit an den Kundgebungen teil. Allein an den nordrhein-westfälischen Universitätskliniken protestierten nach Angaben der Ärztegewerkschaft Marburger Bund 2000 Mediziner in ihren Pausen oder ihrer Freizeit gegen die unnachgiebige Haltung der Länder, die Gehälter der Ärzte nicht - und erst recht nicht um die geforderten 30 Prozent - zu erhöhen.

Hintergrund der Streiks ist ein seit vielen Jahren wachsender Missmut der gesamten Ärzteschaft gegenüber den schlechten Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Begünstigt wurde die Stagnation der Gehälter in den Neunzigern indes durch die große Zahl an verfügbaren Medizinern auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Trend hat sich inzwischen allerdings umgekehrt: Die Ärzteschwemme ist zum Ärztemangel gediehen, was nicht nur am nachlassenden Interesse für das Medizistudium liegt. Immer mehr Absolventen wandern nach dem dritten Staatsexamen auch ins europäische Ausland ab - dort hin, wo fast ausnahmslos bessere Arbeitsbedingungen herrschen.

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Im Zentrum der Diskussion stehen vor allem die Gehälter der jüngeren Ärzte, die seit 2004 nach dem dritten Staatsexamen direkt als Assistenzärzte in den Beruf eintreten. Pro Monat verdienen sie selten mehr als 1600 Euro netto, wobei es zwischen den Tarifverträgen in öffentlichem Dienst, an länderfinanzierten Kliniken und privaten Krankenhäusern kaum Unterschiede gibt. Der Marburger Bund hält diese Vergütung angesichts des langwierigen Studiums und der hohen Belastung in einer verantwortungsvollen Tätigkeit durchweg für zu gering - zumal Kürzungen von Weihnachts- und Urlaubsgeld im Tarifverband der Länder und im öffentlichen Dienst die Gehälter weiter schrumpfen lassen. Zudem haben die eingeführten Fallpauschalen die Lage an vielen Krankenhäsuern dramatisch verschärft.

Der Vorsitzende der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Hartmut Möllring, kritisierte die 30-prozentige Lohnforderung der Ärzte als »völlig abwegig«. Im Deutschlandradio Kultur warnte er vor steigenden Kassenbeiträgen. Eine rasche Einigung sei nicht zu erwarten. Der Marburger-Bund-Sprecher sagte: »Unsere Forderung 30 Prozent steht. Aber wie man in Tarifverhandlungen hineingeht, so geht man niemals raus.« Von der TdL erwarteten die Ärzte bei der nächsten Verhandlungsrunde am 6. Dezember in Berlin klare Signale, dass sie an einem Abschluss interessiert ist. Wie am Großkrankenhaus Charité in Berlin könnten die Ärzte auch an anderen Kliniken den Regelbetrieb für Tage ruhen lassen.

Der Streik am größten Klinikum Europas war der erste seit der Wiedervereinigung. Er ging am Freitag mit einem Protestmarsch zu Ende, nachdem rund 2000 Mediziner des Universitätskrankenhauses bereits seit Montag für bessere Arbeitsbedingungen und bezahlte Überstunden demonstriert hatten. »Noch können wir zwar nicht von konkreten Erfolgen sprechen, aber erste, sehr vorsichtige Annäherungen sind zu beobachten«, sagte Oliver Peters von der Charité-Ärzteinitiative. Bereits Anfang kommender Woche sei ein erstes Treffen mit der Charité vereinbart.

Unterdessen einigen sich die 24 privaten deutschen Helios Kliniken und die Gewerkschaft ver.di auf einen Haustarifvertrag, der bereits vom 1. Januar 2006 an Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit behandelt. Die Bundesregierung hatte den Krankenhäusern gegen den Widerstand der Ärzte eigentlich eine Übergangsfrist bis zum 1. Januar 2007 eingeräumt, um dieser zentralen Forderung der Klinikärzte nachzukommen.

 
Leser-Kommentare
    • Jens99
    • 05.12.2005 um 18:23 Uhr

    Ist schon richtig, Ärzte verdienen nicht sonderlich gut nach ihrem Abschluss.
    Fakt ist allerdings auch, dass viele Ärzte sich jegliche Einmischung in "Ihren" Job verbieten. Im Tenor: "Was wünschen Sie denn noch? Eine goldenes Beathmungszelt?", wobei es im konkreten Fall nur um die Bitte einer Bekannten ging, deren Vater im Sterben lag und die gerne verschiedene Antibiotika ausprobiert hätte, als klar wurde, dass das erste nicht anschlägt.
    Kurz: Wer ein höheres Gehalt will, muss mehr auf Kundenwünsche eingehen (Erklärung dessen was geschieht ggü. dem Laien etc).
    Sonst klingen die Rufe nach mehr Marktwirtschaft seitens der Ärzteschaft merkwürdig hohl.

    • DocH
    • 05.12.2005 um 23:15 Uhr

    Lieber Jens99,

    ja, es stimmt,die Art vieler Ärzte läßt absolut zu wünschen übrig, das habe ich in meinem eigenen Medizinstudium erlebt und das trifft auch auf viele Studenten, gerade der höheren Semester zu. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite muß man aber auch sehen, dass gerade diese extreme Arbeitsbelastung genau dazu führt, dass Assistenzärzte und Oberärzte an Ihre Grenzen geraten und komisch reagieren. Wer einmal über 24 Stunden auf den Beinen war und dies regelmäßig alle 5-7 Tage ist, maximal ein ganzes Wochenende pro Monat frei hat und zusätzlich 160 unbezahlte Überstunden pro Monat leistet, von dem militärisch-hierarchischen System gegängelt wird, verhält sich leider manchmal nicht so, wie es sein sollte. Und ehrlich gesagt: In welchem anderen Beruf gibt es diesen Mißstand? In welchem anderen Beruf ist jemand so sehr für das Wohl anderer Menschen verantwortlich und dieser Mensch und dessen Angehöriger so stark abhängig? Wäre es nicht denkbar, dass hier ein ausgeruhter Arzt anders reagiert hätte?
    Auf der anderen Seite müßten die Ärzte der unteren Hierarchien auch rechtlich gestärkt werden, so dass sie von den Chefs (Ober- und Chefärzten, der Verwaltung) nicht so schickaniert werden könnten und ständig mit Abmahnung und Rausschmiss bedroht würden, wie das in der Realität nur allzu oft der Fall ist. Dazu wird im Studium die menschliche Seite des Arztseins überhaupt nicht erwähnt, erst recht nicht das richtige Verhalten beigebracht. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist die leider (meiner Meinung nach durch eine Intrige) in die Negativpresse geratene Universität in Witten-Herdecke, die das Ideal eines ethisch-moralisch und medizinisch hohen Niveaus eine Arztes hochhält und Vorreiter für viele Ideen ist, die wir seit über zwei Jahrzehnten kopieren. Bessere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung und eine ausgeglichenere Ausbildung der Ärzte sind die Möglichkeiten, den von Ihnen angesprochenen Mißstand zu beheben und Ärzte auszubilden, die den Patienten mehr zu hören wollen und von der Kraft her auch können, weil sie nicht ständig engergiemäßig auf Reserve laufen.

    Christian Haffner

    • DocH
    • 05.12.2005 um 16:54 Uhr

    Es ist in der Tat eine komplexe Situation in Deutschland mit einem nicht funktionierenden Krankenkassensystem, das sich bereits von der Stunden Null an über kontinuierliche Beitragssteigerungen finanzieren mußte und auch jetzt noch nicht in der Lage ist Patienten und Ärzte angemessen zu bedienen.
    Bei ständig wachsenden Verwaltungsaufgaben der Ärzte und einer Wochenarbeitszeit von 80 Stunden errechnet sich ein Stundenlohn von 9-11 Euro. Erbärmlich, wenn man sich überlegt, dass das Medizinstudium etwa sieben Jahre dauert und die vielen Prüfungen kein Spaziergang sind, mal ganz abgesehen von der hohen Qualifikation, die für den Beruf notwendig ist und von der Belastung, die er mit sich bringt.
    Es müßte meiner Meinung vor allem ein neues Krankenkassensystem her, dass eine Basisversorgung sicherstellt, soziale Härtefälle abfedert und bei dann niedrigen Krankenkassenbeiträgen von vielleicht 5% eine private Finanzierung (auch über Zusatzkassen)vorsieht. Ärzte müssten, wie im europäischen Ausland weitgehend üblich, besser bezahlt, für Überstunden entlohnt werden, Fortbildungen sollten vor allem vom Arbeitgeber bezahlt während ihrer Arbeitszeit besuchen werden können und nicht, wie bisher, in der Freizeit und selbstfinanziert. Die Forderungen der Ärzte nach besseren Arbeitsbedingungen sind überfällig und konnten sich erst durch das Abwandern vieler deutscher Ärzte in das Ausland Bahn brechen, da hierdurch die Arbeitgeber immens geschwächt wurden. Sowohl die Umstellung vom Bundesangestellten-Tarif (BAT) auf das neue TVöD)als auch die notwendige und jetzt aus vorgeschobenen Gründen doch wieder verschobene Abschaffung der Mammutdienste bringen eine weitere Verschlechterung der Ärztebezahlung mit sich. Es wird von Werten um die 30% ausgegangen. In sofern ist die vom Marburger Bund gestellte Forderung einer Gehaltserhöhung um 30% auch im internationalen Vergleich durchaus als milde zu werten. Eine Aufbesserung von 200-300% bei besseren Arbeitsbedingungen und vor allem kürzeren Arbeitszeiten brächte uns auf das Niveau von Frankreich, den Niederlanden oder auch zum Teil in Schweden. Hier hat die Öffentlich immer noch ein Zerrbild der Ärztewirklichkeit und -bezahlung, dass dringend revidiert werden muss.

    Christian Haffner, Frankfurt am Main

    • Linne
    • 02.12.2005 um 23:32 Uhr

    Mit einem deutschen Assistenzarztgehalt wäre die finanzielle Lage für meine sechsköpfige Familie eng. Wenn ich das offen ausspreche, ernte ich ungläubiges Staunen. Es waren zwar andere Gründe, weshalb wir 1998 nach Schweden ausgewandert sind, aber die Entscheidung war goldrichtig!

    Dr med André Lagrange

    Anästhesie/Uppsala/Schweden

    • cvdl
    • 04.12.2005 um 20:35 Uhr

    Die Schwierigkeiten, in denen die Kliniken Deutschlands stecken, und mit ihnen ihre Angestellten, Ärzte, Pflegepersonal, versorgung und Verwaltung, sind unmittelbares Resultat eines Spar-Dirigismus. Nicht dass es unnötig wäre über Möglichkeiten nachzudenken, wie mit den vorhandenen Mittel auszukommen ist.

    Aber hier haben wir eine ganz andere Situation. Im Gesundheitswesen herrscht seit Jahren seitens des Staates zweierlei Einflußnahme auf die Kosten, die mit ihren Richtungen einander entgegenlaufen.

    Zum einen tritt die öffentliche Hand als Verkäufer der Ware "Krankenhausbehandlung" auf und hat es bisher geschafft, recht ordentliche Qualität anzubieten, die auch nachgefragt wird. Qualitätsbewußtsein beim Konsumenten führt dazu, dass Kliniken seitens Technik und Service auf der Höhe der Zeit bleiben müßen, wenn sie ihr Produkt an den Mann bringen wollen. Aus Personal-, Medikamenten- und Materialkosten, Abgaben und Rückstellungen errechnet sich relativ leicht der Mindestverkaufspreis für einen Krankenhaustag. Tendenz der Kosten steigend. Tarifverträge, globaler Markt, man kennt das alles.
    So weit, so gut!

    Zum anderen kommt nun aber das Gesundheitsministerium daher und legt Preise fest. Tendenz fallend.
    Auf vielerlei Art: Fallpauschalen, Tagespauschalen, Budgetierung etc. etc. Gleichzeitig wird das Qualitätsniveau auf wünschenswert hohen Standard gesetzt. Gesetzlich gesetzt! Das wiederum hat seinen Preis. Den ist man jedoch nicht gewillt zu zahlen.

    Das ist ungefähr so, als dürfe ein Käufer dem Einzelhandel den Kaufpreis bindend festsetzen. Und zwar nach seiner persönlichen Vermögenssituation und nicht nach dem tatsächlichen Wert der angebotenen Güter.

    Absurd! Absolut absurd!

    Dilemma im Gesundheitswesen.
    Schöner konnten man uns von Blühm bis Schmidt nicht beweisen, dass Palnwirtschaft nicht funktioniert.

    Constantin von der Lühe, niedergelassener Kinderarzt

  1. Auf die Gefahr hin, dass ich mich zwischen alle Stühle setze:

    Patienten, die völlig unrealistische übertriebene Ansprüche an das Gesundheitswesen (Ärzte) haben:

    - zum Vergleich: im reichen Norwegen wird bei jeder Konsultation 240 Kronen – ca 30 – Euro Eigenanteil bezahlt

    - Wartezeit beim Hausarzt zu einer routinemässigen Konsultation ca 1 Woche

    - Zugang zum Facharzt nur nach Überweisung ( alternativ Bezahlung aus eigener Tasche )

    - bei akuten Erkrankungen gibt es nur die Möglichkeit, die kommunalen Polikliniken aufzusuchen
    - Wartezeit auf eine banale Ultraschalluntersuchung oder Magenspiegelung ca 3-4 Wochen

    - Vorsicht, Skandinavien ist kein Vorbild !

    Patienten, die keinerlei Bereitschaft zu eigenverantwortlicher Kooperation zeigen:

    - Rauchen trotz beits durchgeführter Bypassoperation, trotz chronischer Bronchitis, trotz Astma
    - Ungebremste Kalorienaufnahme trotz Übergewicht, Diabetes mellitus, Diabetikerschulung

    Politik, die ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Bedeutung der ärztlichen Tätigkeit ( Ausbildung, Verantwortung ) diese auf populistische Weise herabwürdigen ( ”Ich kann Sie nicht alle zu Millionären machen” – Zitat Sonderschullehrerin Ulla Schnidt” - basta)

    - Medien, die weiterhin ein völlig unrealistisches Zerrbild des Millionärs in Weiss zeichnen, um Auflagen zu steigern

    - Krankenkassen, die zunächst am eigenen Profit und der Sicherstellung der eigenen Gehälter der Vorstände und Angestellten auf Kosten der Beitragszahler orientiert sind, das Gemeinwohl aber ausser Acht lassen

    - Ärztliche Standesorganisationen, die völlig unfähig sind, ärztliche Interessen in der Gesellschaft zu vertreten

    Fazit: es gibt keinen alleinigen Schuldigen für die Misere ( es ist eine Misere !), alle müssen sich an die eigene Nase fassen – einige jedoch mehr, andere weniger als allgemein in den Medien dargestellt.

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