ZEIT-Forum der Wissenschaft - 24.11.05 "Land der Dichter ohne Denker?"

Eine Diskussion zum Zustand der Geisteswissenschaften: Neue Koalition oder verzweifeltes letztes Gefecht vor dem Untergang?

Philipp-Christian Wachs
Meine sehr verehrten Damen und Herren, im Namen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich Sie alle heute Abend ganz herzlich begrüßen.
Ein Blick zum Volkswagenkonzern nach Wolfsburg ist eine gute Vorbereitung für den heutigen Abend, allerdings etwas anders, als Sie vielleicht denken mögen. Volkswagen baute im Jahr 2003 den Prototyp eines Autos mit tausend PS und zeigte es stolz auf dem Genfer Automobilsalon. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von theoretisch 400 Stundenkilometer war dieses ein Sinnbild für eine Moderne, in der der Homo Faber zeigt, was alles machbar ist. Der Reiz des technisch-elektronisch Neuen, des Machbaren wirkt wie eine Droge auf den Menschen, geradezu erotisch, voller Reize. Nur eine Kleinigkeit ist technisch noch nicht ganz gelöst: wie sich dieses Auto bei 400 Stundenkilometern am Boden halten soll.
Eigentlich muss man dankbar sein für diesen Fall von intelligenter Ratlosigkeit einer zur Karikatur gewordenen Denkform. Was am Anfang der Geschichte des Automobils sinnvoll war - Steigerung in jeder Hinsicht -, ist nach hundert Jahren äußerst fragwürdig. Das Prinzip mag gut sein, aber die eindimensionale Fixierung darauf ist historisch überholt.
Heutzutage bekommen viele Menschen nicht die Autos, die sie gerne hätten oder bräuchten, weil die Hersteller gefangen sind im eingespielten Denkmuster eines Höher, Schneller, Weiter. Sie verstehen viel von Beschleunigung und zu wenig von den Menschen, die das Automobil nutzen. Dieses Beispiel des Absurdo-Mobils ließe sich auf viele Branchen und Bereiche unserer Gesellschaft übertragen. Im Land der Tüftler ohne Denker müssen Ingenieure und Naturwissenschaftler zentrale fragen unbeantwortet lassen.
Wie sind Menschen zu verstehen? Wie verändert sich ihr Zusammenleben? Was ist gut? Was ist sinnvoll? Was ist schön? Wie kann man sich verständigen? Wie kann man Erfahrung einbringen? Was lehrt uns die Geschichte und was lehren uns Geschichten? Wie viel über Macht und Machtmissbrauch zum Beispiel lernen wir, nein, nicht durch einen Blick nach Wolfsburg, sondern an einem einzigen Shakespeareschen Historiendrama?
Sobald es um die Bandbreite menschlichen Handelns und das Innenleben eines Einzelnen geht, um soziale Beziehungen und um Deutungsmuster, fallen naturwissenschaftliche Gesetze und Standards reihenweise. Dem steht auch nicht entgegen, wenn immer mehr Wissenschaftler meinen, jeder freie Willensakt sei im Gehirn zu verorten, sei vorhersehbar und eine Kette von mechanischen Reaktionen. Genau hier kommen die Geisteswissenschaften ins Spiel.
Die Kantesche Frage, was ist der Mensch, lässt sich nicht aus Zahlenreihen und Fakten beantworten. Erst die Geisteswissenschaften verorten den modernen Menschen mitten im Leben. Sie beschäftigen sich mit dem, was Jürgen Mittelstraß die kulturelle Form der Welt nennt, und mit der Anstrengung, sich dieser Form zu vergewissern. Sie gehören zu den Rationalitätsstrukturen einer modernen Welt, die eben nicht nur eine allein politische, eine allein wirtschaftliche oder eine allein technische Form hat. Die moderne Welt und ihre Gesellschaften haben als Garanten ihrer Existenz immer zwei Wissensformen - die des Könnens und die des Sollens. Das lebendige Wissen einer Kultur von sich selbst, die Vergewisserung in Wissenschaftsform ist ebenso wichtig wie ein wissenschaftsgestütztes technisches Können. Das Erste hat mit Sollen und das Zweite mit Können zu tun.
Die modern entwickelte Gesellschaft in ihrer Rationalität muss Probleme des Könnens und des Sollens lösen, denn beide Wissensformen gehören zusammen. Ohne ein regulatives und handlungsorientiertes Wissen entstehen Orientierungsdefizite. So wird das Können, das sich im Verfügungswissen zur Geltung bringt, orientierungslos. Die Diskussion in zahlreichen Feldern - von der Gentechnik bis zur Sterbehilfe - führen uns dies plastisch vor Augen. In den Geisteswissenschaften kann die moderne Welt ein Wissen von sich selbst ausbilden, ohne dass sie und ihre Menschen orientierungslos werden. Denn wenn unsere Zukunft von orientierungslosen Menschen abhängt, ist sie arm dran.
Sie mögen sich wundern, wenn manche behaupten, dass die Geisteswissenschaften erst ermöglichen, dass sich der Mensch als Mensch versteht. Die Geisteswissenschaften erhellen, was unsere Existenz in ihrer emotionalen und rationalen, kulturellen und sozialen Dimension überhaupt erst ausmacht. Sie beschreiben nicht nur, sie bekräftigen und kritisieren Werthaltung und Normensysteme. Sie bieten das schon erwähnte Wissen des Sollens, das Orientierungswissen.
Oftmals bringen erst die Geisteswissenschaften natur- und sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse wieder mit unserer Lebenswelt in Verbindung. Die Worte aus Goethes Faust - Wer vom Geist handelt, muss die Natur, und wer von der Natur spricht, muss den Geist voraussetzen - gelten nach wie vor.
Leider sind die Geisteswissenschaften nicht immer begabte Vertreter ihrer Interessen. Es reicht eben nicht, wenn ihre Fürsprecher sie als eine Art Reparaturbetrieb der Moderne bezeichnen, mit dem etwas matten Hinweis, dass Zukunft Herkunft braucht. Man möchte ihnen ein beherztes Kopf hoch, nicht die Hände zurufen, verbunden mit der Bitte, endlich das Jammern über sich selber aufzuhören. Die Geisteswissenschaften müssen ihre Bedeutung stärker herausstellen und müssen endlich aktiv werden.
Hier kommt der zweite Weimaraner ins Spiel. Friedrich Schiller hat es auf den Punkt gebracht: Wo die Tat nicht spricht, da wird das Wort nicht viel helfen. Die Geisteswissenschaften müssen sich der Probleme annehmen, die einer ganzen Gesellschaft unter den Nägeln brennen. Sie haben fast alle einen gemeinsamen ethischen Kern, der den Geisteswissenschaftlern nur allzu vertraut ist. Es ist die Frage nach dem richtigen Leben.
Diese und andere Fragen diskutieren heute Abend Andreas Sentker von der ZEIT und Ulrich Blumenthal vom Deutschlandfunk mit ausgewiesenen Experten aus Politik und Geisteswissenschaften. Sie erörtern, welche Erwartungen das Land der Dichter und Tüftler an seine Denker hat.
Für die ZEIT-Stiftung und den ZEIT-Verlag danke ich den Podiumsteilnehmern und Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihr Kommen und wünsche Ihnen einen angenehmen und erkenntnisreichen Abend.

Moderation
Meine Damen und Herren, am 21. November gründete sich das Netzwerk Geistes- und Naturwissenschaften in NRW. Geisteswissenschaften wirken als Gedächtnis der Kultur, sagt das Netzwerk. Die Volkswagenstiftung hat die Initiative "Pro Geisteswissenschaften" gegründet. Geisteswissenschaften leisten Orientierung für die Gesellschaft, sagt die Stiftung. Morgen wird hier in der Berlin-Brandenburgischen Akademie das Manifest Geisteswissenschaften vorgestellt. Ich darf daraus nicht zitieren, es ist noch geheim. Was ist das? Ist das die neue Koalition der Geisteswissenschaften oder ein verzweifeltes letztes Gefecht vor dem Untergang?
Ich darf Ihnen die Gäste vorstellen, die in den nächsten 80 Minuten darüber diskutieren werden. Thea Dorn hat an der Freien Universität Berlin Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, ist freie Autorin, hat ihre Magisterarbeit zum Thema "Wie täusche ich mich selbst?" geschrieben. Ihr vierter Roman heißt "Die Brut", erzählt die Höllenfahrt einer erfolgreichen TV-Moderatorin und Mutter, vielleicht autobiographisch, Thea Dorn moderiert im SWR eine Sendung "Literatur im Foyer".
Hans Joas , Dekan am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften;
Fritz Kuhn , Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen im Deutschen Bundestag;
Christoph Markschies , Inhaber des Lehrstuhls für ältere Kirchengeschichte und designierter Präsident der Humboldt Universität zu Berlin;
Julian Nida-Rümelin , Lehrstuhl für politische Theorie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, und von 2001 bis 2002 Staatsminister im Bundeskanzleramt und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Herr Nida-Rümelin, gestern ist ihr Nach-Nachfolger bestellt worden, aus Ihrer Erfahrung heraus, wie viel Philosophie passt denn so in die Politik?

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Julian Nida-Rümelin
Die Politik nimmt ja permanent - ob, es ihr bewusst ist oder nicht - Stellung zu philosophischen Fragen, zum Beispiel: Was ist verträglich mit Menschenwürde in den Biotechnologien? Was ist eigentlich gerecht? Wie viel Sozialstaat ist nötig, um eine gerechte Gesellschaft zu schaffen?
Die Frage ist eher: Wie bewusst ist das den Akteuren? Da hat sich in den letzten Jahren, genau besehen, in den letzten Jahrzehnten, einiges geändert. Ich hatte den Eindruck, dass es Sinn macht - jetzt mal als gelernter Philosoph, natürlich zurückhaltend, Politik ist kein philosophisches Oberseminar - gelegentlich auf diese Bezüge hinzuweisen. Ich habe die schöne Erfahrung gemacht, dass auch Politiker, von denen man das nicht unbedingt erwartet, an solchen Verbindungen ein großes Interesse haben.

Moderation
Herr Kuhn, auch Sie sind gelernter Philosoph. Müssten mehr Philosophen in den Bundestag?

Fritz Kuhn
Ich finde, dass mehr Menschen mit einem sozial- oder geisteswissenschaftlichen Hintergrund im Bundestag nicht verkehrt wären. Der Regelberuf ist ja Jurist. Das ist auch ein wichtiger Beruf für die Politik, aber das Parlament sollte ein bisschen breiter aufgestellt sein. Das kann man aber für viele Berufsgruppen sagen. Ich finde, eines ist wichtig: Wir brauchen mehr Bewusstsein im Bundestag und in der Politik überhaupt, dass es im Kern bei allen politischen Entscheidungen um Werteentscheidungen geht. Es gibt keine Entscheidung, die nicht auf eine Wertefrage zurückzuführen ist. Wenn wir bei so etwas wie der Agenda 2010 in einen Konflikt zwischen Verteilungsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit kommen, sind viele hilflos im Umgang mit dem Konflikt, weil beides wird ja akzeptiert. Beides stößt ja auf Zustimmung. Man solle gerecht sein in der Verteilung von Ressourcen heute, aber man muss so verteilen, dass zukünftigen Generationen der Zugang zu Ressourcen stets möglich bleibt.
Was nach meinen Beobachtungen der letzten Jahre in der Politik fehlt, ist der methodisch gesicherte Umgang mit solchen Konflikten. Interessen freizulegen, Perspektiven der anderen Seite einzunehmen und dann irgendwie in einem diskursiv einigermaßen akzeptablen Verfahren einen Wertekonflikt auch mal auszutragen, dazu sind wir in der Regeln nicht geübt. Ich will jetzt nicht die Position des Schlaueren einnehmen, die Politik als Ganzes kann mit so etwas schwer umgehen.

Moderation
Also doch, Herr Nida-Rümelin, mindestens ein philosophisches Pro-Seminar für alle?

Julian Nida-Rümelin

Es ist eine merkwürdige Geschichte gerade da, wo die Politik - nämlich seit den 90ern - ganz neue Handlungsspielräume bekommen hat. Das war ja durch die bipolare Welt blockiert, in der Außenpolitik war es blockiert. Es war unklar, wie neue internationale Ordnungen möglich sein können unter solchen Bedingungen. Das hat sich alles sehr deutlich verändert und die Hochphase der auch theorieorientierten Politik ging aber genau in der Phase zu Ende. Das heißt, wir haben dann hintereinander auch zwei Bundeskanzler gehabt, das sage ich mit großem Respekt vor dem letzten, die von Programmdebatten nicht allzu viel gehalten haben. Das hat der politischen Praxis nicht gut getan.

Moderation
Wenn ich mir ansehe, wer in diesem Wahlkampf die verschiedenen Parteien unterstützt, dann finde ich bei der SPD einen Künstler wie Jörg Immendorf, einen Schriftsteller wie Günter Grass, einen Schlagersänger wie Roland Kaiser. Bei der CDU finde ich Volker Schlöndorff; Leander Haussmann und Berti Vogts, bei den Grünen Peter Eisermann, Hella von Sinnen, Helmut Zerlett, bei der FDP Wiegald Boning und Sky Dumont. Wo sind die Intellektuellen, die sich in den Wahlkampf eingeschaltet haben in einer Situation, wo es tatsächlich um Verteilungsgerechtigkeit geht, wo es um den großen Umbruch der Sozialsysteme geht? Haben die Denker geschwiegen?

Hans Joas
Ich würde Ihnen gerne erzählen, wie ich auf die Formulierung, mit der Sie zu dieser Veranstaltung eingeladen haben und die ja jetzt anklingt, überhaupt reagiert habe: Land der Dichter ohne Denker? Ich habe mir als erstes gedacht, ob das überhaupt stimmt. Wäre es nicht genauso plausibel, Sie würden zu einer Veranstaltung einladen, die heißt: Land der Denker ohne Dichter? Ich sehe schon die begeisterten Teilnehmer, die sagen, es gibt in Deutschland blühende Wissenschaften, auch blühende Geistes- und Sozialwissenschaften, nur leider keine wirkliche literarische Produktivität mehr. Wo ist der große Roman, hat Herr Reich-Ranitzky alle vier Wochen im Fernsehen gesagt, der die Folgen der deutschen Wiedervereinigung wirklich literarisch aufhängt?
Der nächste Gedanke war: Warum haben wir eigentlich nicht eine Veranstaltung, die lautet: Land der Dichter und Denker ohne Dichter und Denker? Also gibt es nicht vielleicht hauptsächlich Manager und Therapeuten und weder Dichter noch Denker?
Aber wenn man diese Varianten durchgeht, merkt man auch, dass die Fragestellung etwas enorm Willkürliches an sich hat und dass es vielleicht weniger darum geht, welche Geisteswissenschaftler welche Appelle unterzeichnet haben und ob das Appelle-Unterzeichnen ein hinreichender Indikator für die Aktivität der Geisteswissenschaften ist, was man ja auch bezweifeln könnte. Sondern man könnte den Ball gewissermaßen an die Diskussionsleiter, insofern sie die Medien repräsentieren, zurückgeben und sagen: Wie sind eigentlich die Aufmerksamkeitsstrukturen der Medien beschaffen, was die Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft?
Da käme ich jetzt in einer Art Gegenoffensive der Geistes- und Sozialwissenschaftler zu ganz problematischen Fragen an Sie. Warum achten die Medien so stark auf die Prominenz und nicht so sehr auf den sachlichen Gehalt dessen, was Geisteswissenschaftler zu sagen haben? Im heutigen Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ist ein Interview mit Jean Baudrillard, also jemand, den ich - offen gestanden - für das Allerletzte unter dem Gesichtspunkt Philosophie und Soziologie halte, der aber trotzdem ständig von The Guardian bis Süddeutsche Zeitung zu jeder Frage der Gegenwart interviewt wird und Antworten gibt, von denen ich persönlich der Meinung bin, dass sie sich in keiner vernünftigen Sprache wiedergeben lassen. Sie kennen wahrscheinlich alle die Geschichte, dass er vor dem ersten Golfkrieg vorhergesagt hat, dass dieser Krieg nicht stattfinden wird. Dann hat der Krieg stattgefunden und die Zeitungen haben sich wieder an ihn gewandt und gefragt: Ziehen Sie jetzt Ihre falsche Prognose zurück? Und er hat gesagt: Nein, der hat nicht stattgefunden, das war alles nur ein Medienspektakel und in Wirklichkeit gab es da gar nichts. Das ist so absurd, dass einem der Atem stockt.
Aber es gibt in den Medien die Neigung, bestimmte Leute, die aus irgendeinem Grund - meistens durch eine völlig übertriebene These - einmal berühmt geworden sind, nun zu allen Fragen zu vernehmen. Und es gibt zweitens die Neigung der Medien, zu solchen übertriebenen Thesen zu verführen, also nur solche Soziologen zu hören, die behaupten, dass ab heute alles ganz anders ist, dass wir bisher in einer Gesellschaftsordnung gelebt haben, die jetzt eigentlich nicht mehr da ist, dass wir also - wie ein berühmter deutscher Soziologe - die Aufmerksamkeit immer nur dadurch erreichen, dass wir sagen: Familie gibt es nicht mehr. Nationalstaat spielt keine Rolle mehr. Alle Probleme der Industriegesellschaft sind verschwunden, das ganz Neue, das ganz Andere. Und wenn man dem entgegenhalten will, ich finde schon, dass es die Familie gibt, ich finde auch, dass der Nationalstaat weiterhin eine beträchtliche Rolle spielt und dass viele Probleme der Industriegesellschaft trotz aller neuen Probleme, weiterhin vorhanden sind, ist das keine Meldung wert.
Es gibt eine Riesenkluft zwischen dem, was die Geistes- und Sozialwissenschaften in sich beschäftigt und dem, worauf die Medien in den Geisteswissenschaften achten. An dieser Kluft, also an der Überbrückung dieser Kluft würde ich eher zu arbeiten vorschlagen.

Moderation
Herr Markschies, wenn wir als Medienvertreter unsere Schoßhündchen pflegen, und teilweise sehr weit von der Realität entfernt sind, die Geisteswissenschaftler für sich in Anspruch nehmen: Warum versuchen sie nicht an uns vorbei in die Öffentlichkeit zu kommen? Es gibt nicht nur die Medien. Wo können sich Geisteswissenschaften, Intellektuelle Gehör verschaffen, wenn dieser Zustand so ist, wie eben beschrieben? Den können Sie konstatieren, aber Sie müssen dann drüber hinwegkommen.

Christoph Markschies
Ich habe furchtbar geschmunzelt, als Herr Joas die Landschaft beschrieben hat. Ich denke, er hat vollkommen Recht und gleichzeitig würde ich ihm in allen Punkten widersprechen. Was meine ich damit? Ich meine damit, auch unsere mediale Landschaft ist so pluralisiert, dass es - ich will das gar nicht nach Zeitungen differenzieren - Tage gibt, da hat Herr Joas völlig Recht, und es gibt Tage, da schlage ich das Feuilleton auf und denke, wunderbarer Aufsatz, kluger Fachkollege, der hat an diesem Punkt genau Recht. Ich würde also immer denken, wir haben eine Krisenrhetorik der Krise der Geisteswissenschaften.
Zu der Krisenrhetorik gehört, dass wir alle mit leicht gebeugtem Haupt und Rücken an der Wand stehen und sagen: Die Medien mögen uns nicht. Der Staat finanziert uns nicht. Die Gesellschaft will uns nicht hören. Das ist alles partiell richtig. Man kann den Medienvertreter finden. Man kann in Berlin den Finanzsenator finden, Sie können also für alles Belege und Beispiele finden. Aber gleichzeitig gilt auch immer, ich finde, wir haben eine eindrückliche Präsenz von bestimmten Forschungsergebnissen.
Um ein Beispiel zu nennen: Jan Asmann Gedächtnisrhetorik ist in einem Maße im Feuilleton präsent, dass Sie sich fragen können, ist das nicht vielleicht sogar zuviel? Insofern würde ich erst mal denken, weil Sie gefragt haben, wie wir denn präsenter werden, nicht immer auf die schlimmen Tage starren, die Herr Joas heute beschrieben hat, sondern auch ein bisschen auf die Tage schauen, wo man den Eindruck hat, das Feuilleton gibt eine wissenschaftliche Bewegung präzise und gut wieder, und nicht ständig in diese Krisenrhetorik verfallen, sondern Krise präzise analysieren und sagen: Welche Dinge sind nicht genügend in den Medien präsent? Welche Medien müssen noch ein bisschen angesprochen werden?
Der Hypochonder geht zum Arzt und fragt, bin ich nicht vielleicht hier krank und dort krank? Das wird kein besonders gutes Gespräch mit dem Arzt. Ich will überhaupt nicht Krisensymptome wegreden, aber meiner Ansicht nach tut vielfach auch mal eine nüchterne Historisierung gut. Kleines Beispiel: Wir regen uns manchmal darüber auf, dass Naturwissenschaften die Geisteswissenschaftler nicht ernst nehmen. Ich würde als Historiker immer sagen: Gut, da tragen wir als die Jüngeren den Preis für die Verachtung der Geisteswissenschaftler im 19. Jahrhundert. Damals haben die gesagt, Chemie, oh Gott, das ist irgendwo neben der Apotheke. Da wird man nicht verweigern können, dass heute ein Chemiker sagt, Kirchengeschichte ist irgendwo neben den Pyramiden.

Moderation
Thea Dorn, wenn wir die Überlegungen von Hans Joas noch mal aufgreifen: Land der Dichter und Denker oder Land ohne Dichter und Denker? Sie haben Ihre Magisterarbeit geschrieben, Thema: "Wie täusche ich mich selbst?" Was trifft aus Ihrer Sicht eher zu?

Thea Dorn
Mir ging dasselbe durch den Kopf wie Herrn Joas, dass ich auch dachte, die Frage könnte man genauso gut umgekehrt oder mit beiden Teilen besetzen. Ich weiß auch nicht, ob das für die Debatte jetzt so hilfreich ist. Ich finde die Frage relativ amüsant, wenn die Geisteswissenschaften fragen, wie sehr kommen wir im Feuilleton vor. Ich finde die Frage viel interessanter: Wie sehr kommt das Feuilleton in den relevanten Bereichen der Gesellschaft vor? Ich glaube nicht, dass darüber etwas gewonnen ist, sondern man muss doch insgesamt fragen, also die Zeiten, wo mal ein philosophisch-soziologisch-politischer Essay tatsächlich in Diskussion und fast wirklich in bestimmte Bereiche meinetwegen auch von Stammtischdiskussionen gedrungen ist, sind doch wirklich lange vorbei. Ich komme ja aus der Philosophie und habe fünf Jahre unterrichtet und bin genau an dem Punkt aus der Philosophie ausgestiegen, wo ich dachte, ich führe hier so häufig Diskussionen, wo Studenten, die zu Hause erzählen wollten, was sie für ein Seminar hatten, frustriert kommen und sagen: Ich kann das gar nicht mehr vermitteln. Das war für mich der erste Entschluss zu sagen, ich konzentriere mich sehr auf die praktische Philosophie, also Moralphilosophie, politische Philosophie, Ethik, wo der Anspruch an jeden Einzelnen, der das philosophisch macht, natürlich sein muss, dass im Grunde - da halte ich es mit meinem alten Lehrer Ernst Tugendhat - ein Neunjähriger verstehen muss, was hier die Grundkonflikte sind, die verhandelt werden. Da kann ich mich nicht mit einer Fachsprache, mit einem akademischen Jargon rausreden.
Ich glaube, was wir von den Geisteswissenschaften lernen können, sind eben keine Antworten. Ich glaube, das ist ein Riesenmissverständnis. Ganz viele rufen immer, ja, wo sagt uns denn endlich - meinetwegen in Bioethikdebatten - der Philosoph, was richtig und was falsch ist? Wenn ich aus der Philosophie etwas gelernt habe, dann nur das, dass man lernt, wirre, emotional geführte Debatten zu entzerren und die richtigen Fragen zu stellen, also z.B. Leuten in Debatten klar zu machen, ihr vertretet hier völlig inkonsistente Positionen. Eines der Themen, das ich immer am liebsten unterrichtet habe, war ein Seminar zu Abtreibung und zu Sterbehilfe, wo es ganz häufig war, dass Leute, die aus einem bestimmten politischen Hintergrund kamen, natürlich für eine liberale Abtreibungsregelung sind, es aber aus dem ideologischen Bauchgefühl heraus zunächst einmal genauso undiskutabel fanden, über Sterbehilfe zu diskutieren. Mit solchen Leuten herzugehen und zu sagen, passt mal auf, jetzt gehen wir mal eine Ebene tiefer. Welches Menschenbild steckt dahinter? Was macht den Wert des menschlichen Lebens aus? Wieso soll Abtreibung möglicherweise kein so großes moralisches Problem sein, Sterbehilfe hingegen sehr? Plötzlich hat man die nach drei, vier Sitzungen so weit, dass die merken, huch, wenn ich die Ebenen tiefer gehe, zitiere ich einmal das Menschenbild und einmal das. Es ist natürlich ganz schwer und vielleicht auch blauäugig, in der Politik zu fordern, die Diskussionen auf die wahren Fragen zu reduzieren, um die es geht, um zu sagen, da können wir wirklich und legen auch echte Dissense frei, und nicht so hysterisch geführte tagespolitische, wo die FDP das sagt, was die FDP sagen muss, und die Grünen das, was die Grünen sagen müssen, sondern sagen, was wirklich unser Menschenbild ist, was wir für ein Konzept von Freiheit haben. Solche Debatten müssen wieder stärker eine Rolle spielen, weil ich glaube, da liegen die wahren Dissense, die in unserer harmoniesüchtigen Kultur viel zu häufig zugekleistert werden.

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