leserdebatte Handzahme Bürger

Unternehmen verzeichnen Rekordgewinne, gleichzeitig gibt es immer weniger Jobs. ZEIT online fragte die Leser, wie viel Anstand in der Wirtschaft möglich ist. Die Antworten zeigen vor allem Ratlosigkeit

„Wie wollen Sie unanständig und unmoralisch handelnden Managern Anstand beibringen?“ fragt gleich der erste Kommentar. Wie er beklagt das Gros der Leser, dass in den oberen Etagen die einfache Arbeit nicht viel Wert sei und die Moral fehle. „Gewinnmaximierung“ sei das einzige Leitbild, dem viele Manager folgten, die ohnehin zu hohe Gehälter bekämen. Leser vergleichen sie mit „Raubtieren, die fressen, was sie zu fassen bekommen“. Eine „elende Bande“ seien sie, schreibt ein ehemaliger Manager und wundert sich „wie handzahm die Bevölkerung geworden“ ist. Der Groll gegen den typisierten Manager als ungerechte Führungsfigur schwingt in nahezu jedem Leserbeitrag mit.

Auch darin sind sich fast alle Kommentatoren einig: es muss sich etwas ändern. Nur was und wie, dass weiß kaum jemand zu sagen. Auf der Suche nach den Ursachen für die Missstände teilen sich die Meinungen. Während die einen die deutsche Wirtschaft als „pervertiert“ bezeichnen und den Kapitalismus anprangern, verlangt eine andere Leserfraktion, die Politik möge endlich einschreiten. Sie solle den Ökonomen „Fesseln der Gesetze“ anlegen, den „Marsch blasen“ oder „auf die Finger klopfen“. Manche halten eine Lösung der Moralfrage für utopisch. Einer immerhin weiß einen Weg anzubieten: Unmoralische Manager gäbe es, "weil wir, die Konsumenten, ihnen ihre Dienstleistungen und Produkte abkaufen.“ Daher solle man nur noch solche Produkte kaufen, „deren Produzenten ihre Mitarbeiter korrekt entlohnen.“

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Laut dem Leserdiskurs ist im Kapitalismus einfach kein Platz für Moral. Ein Autor schreibt es so: „Unternehmen sind weder moralisch noch unmoralisch – sie sind schlichtweg amoralisch. Wirtschaftliches Handeln verstößt nicht gegen Moral und Ethik, sondern es kennt diese Kategorien gar nicht.“ Und ein anderer: das einzige Ziel der Unternehmen sei das Kapital zu vermehren und deshalb gebe es auch keine Moral. Der Autor schlägt deshalb eine angemessene Besteuerung vor.

Darauf stützend beruft sich ein Schreiber auf die „Ur-Triebe“ eines jeden Menschen und behauptet, dass grundsätzlich jeder nach dem Prinzip „Nimm was du kriegen kannst“ handle. Dafür wird er später vehement zurecht gewiesen: Dieser Spruch sei eine Erfindung „eben jener Panik-Grabscher, die sich momentan gerne als Manager bezeichnen lassen.“ Man solle sich doch lieber fragen, ob die eigenen „Wünsche noch legitim oder bereits ein Ausdruck übermäßiger Gier sind“.

Wie in fast jeder Online-Debatte äußern sich am Ende auch noch diejenigen, denen es eigentlich um eine ganz andere Sache geht. Sie wollen den Markt erklären oder geben Managern ökonomische Tipps zur Firmenführung. Dabei werfen sie ihnen vor, zu oft kurzsichtig zu handeln. „Zuerst geht die Unternehmenskultur kaputt und dann gerät das Unternehmen selbst ins Schleudern“.

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Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Warum mus der Besitz von viel Geld noch mehr Geld bringen? Ist das ein Naturgesetz? Können wir uns davon befreien?

    • iceman
    • 13.05.2007 um 21:08 Uhr

    om mani padme hum

    • majoky
    • 01.12.2005 um 14:09 Uhr

    „Wie wollen Sie unanständig und unmoralisch handelnden Managern Anstand beibringen?“ fragt gleich der erste Kommentar. - Dabei ist das gar nicht das Problem. Das Problem ist, wie bringe ich einer Gesellschaft, die solche Manager hervorbringt, Anstand und Moral bei ....
    Es ist nicht damit getan, eine Handvoll Führungspersonal zu beäugen und zu kritisieren und dabei die grosse Masse der Unanständigen und Unmoralischen aus den Augen zu verlieren. Anstand fängt zu Hause, im Kleinen, im Alltäglichen an und moralisch und anständig verhalten kann sich auch der Ärmste und (scheinbar) Einflussloseste.

  2. Wenn jemand einem anderen Geld gibt, ohne mildtätige Zwecke zu verfolgen oder Verwandte und Bekannte zu beschenken, so ist es normal, dass er mindestens sein Geld zurückbekommen möchte.

    Zudem geht derjenige noch ein Risiko ein, dass sein Geld verloren geht. Noch dazu vergibt er sein Geld und muss einige Zeit darauf verzichten.

    Für all dieses ist es nur zu normal, eine Rendite zu verlangen. Wenn es keine Geldgeber für Firmen gäbe, wären viele dieser Pleite. Man kann sich nicht gleichzeitig darüber aufregen, dass junge und ältere Firmen von Banken und Anlegern kein Geld bekommen und andererseits, dass diejenigen, die den Firmen ihr Geld geben auch noch eine Rendite verlangen.

  3. 5. \N

    1) Die Gewinne steigen primär im Ausland, nicht in Dtld.
    2) In allen entwickelten Ländern verschwinden Industriejobs, in Dtld, F und Italien entstehen jedoch weniger neue Jobs als alte wegfallen
    3) Nicht nur in UK + USA ist dies anders, sondern auch in Skandinavien
    4) Skandinavien hat schneller und konsequenter Privatisiert als Dtld und den Arbeitsmarkt liberalisiert
    5) In Dtld werden eher Hürden diskutiert, Arbeitsplätze, die irgendwann sowieso wegfallen, zu schützen, als Lösungen, die zu neuen Arbeitsplätzen führen.
    6) Das Problem, das Dtld hat, ist dass linke SPDler und Gerwerkschaften einen strukturkonservativen Block bieten, der eine liberalisierung des Arbeitsrechts unmöglich macht
    7) Niemand in Dtld will die USA kopieren, aber eine Annäherung an das in den letzten Jahren erfolgreiche skandinavische Modell, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

  4. "Überlege nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern überlege, was Du für Dein Land tun kannst" - dieses Zitat ist in diesen Tagen wieder brandaktuell und gilt auch für unsere Topmanager und die sonstige Wirtschaftselitein unserem Land besonders dann, wenn es wegen noch höherer Profite mal wieder um Arbeitsplatzabbau geht. Denn auch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft und profitieren von den Annehmlichkeiten, die ihnen unser Land zur Verfügung stellt. Das Problem ist, dass diesen ehrenwerten Herren (Wennemer, Ackermann, Schrempp usw.) nicht die negativen Auswirkungen ihres verantwortungslosen Handelns vor Augen geführt wird (z.B. Armut, Verelendung, Gewalt usw.). Einen Weg sehe ich z. B. darin, diesen Herren das Leben in unserer Gesellschaft und in unserem Land so peinlich und unangenehm wie nur möglich zu gestalten, so dass diese an keinen Ort mehr gehen können, ohne dass auf sie massiv mit dem Finger gezeigt wird. Ein weiterer Weg wäre es, die Produkte der Firmen, die trotz hoher Gewinne Arbeitsplätze abbauen, zu boykottieren. Bei der Lösung des Problems wird auch die Politik wieder mehr Verantwortung übernehmen müssen, um unsere Demokratie zu erhalten. D.h., dass auch die politische Kaste diesen Herren sehr bald gehörig auf die Finger klopfen muss, um ein Umdenken in den Vorstandsetagen zu erzwingen. Eine kritiklose und vollständige Übernahme des amerikanischen Modells halte ich für gefährlich, da unsere Gesellschaft hier in Deutschland historisch anders gewachsen ist.Das schliesst jedoch nicht aus, von dort positive Dinge für uns zu übernehmen und die negativen Auswüchse als abschreckendes Beispiel zu betrachten.

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  • Quelle (c) ZEIT online, 01.12.2005
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