MAXIMAL JAZZ Komm Sonntag
Eine herbstliche Wiederbegegnung mit Mahalia Jackson und Duke Ellington
Seit dem letzten Umzug lag sie auf dem Grund eines dunklen Schrankes. In scheinbarer Vergessenheit und geduldiger Erwartung. Die Black, Brown & Beige -Suite von Duke Ellington, aufgenommen im Februar 1958, ein sanfter und doch stolzer Wunsch nach Gleichberechtigung und Anerkennung.
Lord, Dear Lord of Love . Der Aufnahme in der beginnenden Dunkelheit eines späten Novemberabends wiederzubegegnen, hat eine erstaunliche Wirkung. Die langsame Tiefe der Stimme Mahalia Jacksons, der sich weit ausbreitende, das Zimmer allmählich füllende Gesang. Als würde sich um sie ein Ort der Stille ausbreiten. Das Cover zeigt den Duke sitzend, in dunklem Anzug und weißer Krawatte. Neben ihm stehend Mahalia Jackson in schwarzem Kleid mit weißem Kragen, an dessen Mitte ein Rosenstrauß geheftet ist. Sie hat ihre Hand auf seine Schulter gelegt. Beide schauen in die Kamera, Anordnung, Haltung und Blick wie für ein altmodisches Portrait. Ein Familienbild in schwarz, braun und beige, Sinnbild für die Hoffnung auf Assimilierung. Und gleichzeitig dessen Überzeichnung, die das ersehnte bürgerliche Klischee infragestellt, den „Mainstream der Gesellschaft“, wie Ellington es nannte.
Im Januar 1943 trat Duke Ellington das erste Mal in der New Yorker Carnegie Hall auf. Es war die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als schwarze Amerikaner Seite an Seite mit weißen Amerikanern kämpften und das euphorische Gefühl hatten, es könnte so etwas wie Gleichberechtigung geben. Er schrieb eine Suite, ein komplexes kompositorisches Werk über die Geschichte des schwarzen Amerika. Von der Verschiffung aus Afrika und die Zeit der Sklaverei bis zur Gegenwart. Ein dreiteiliges Werk mit dem Titel Black, Brown & Beige . 1863 hatte es die Proklamation der Gleichstellung gegeben, doch im täglichen, segregierten Leben war davon wenig zu spüren. Es war ein sozialkritisches, aber zuversichtliches, zukunftsgewandtes Werk des damals 44-Jährigen Pianisten und Orchesterleiters.
Der Auftritt wurde von der Kritik verrissen, eine Jazzsuite, was sollte das? Und sich mit der jüngsten amerikanischen Geschichte zu befassen, dazu war man noch nicht bereit. Ellington ließ sich nicht entmutigen. Nachdem er im Juni 1943 seine Suite in Frank Sinatras landesweit ausgestrahlter Radiosendung Broadway Bandbox kommentiert hatte, nannte er sein zweites Carnegie Hall-Konzert im Dezember New World A-Coming , nach dem gleichnamigen Buch des afro-amerikanischen Journalisten Roi Ottley. Ellington verkündete, er werde Black, Brown & Beige so lange nicht mehr in ganzer Länge aufführen, bis die Geschichte Afro-Amerikas besser bekannt sei. Er führte sie nie wieder ganz auf.
Fünfzehn Jahre später, im Februar 1958, war Ellington in Hollywood, im Studio der Plattenfirma Columbia, um die Suite ein zweites Mal aufzunehmen, nun mit Gesang. Schon zwei Jahre zuvor hatte Ellington versucht, die Gospel-Sängerin Mahalia Jackson dafür zu gewinnen. Sie mochte nicht. Zu weit schienen ihr Kirche und Jazz auseinander zu liegen. Ellington rief sie aus jeder Stadt, in der er spielte, an und sagte jedes Mal: „Mach´ Dir keine Sorgen.“ Und sie antwortete immer: „Gut, Duke. Wenn Du es sagst.“ So gelang es ihm schließlich, Mahalia Jackson und den Jazz zusammenzu bringen.
Am Nachmittag der Aufnahme ist sie nervös, erkältet, voller Zweifel. Eine Woche lang hat sie mit dem Duke Come Sunday geprobt, den Höhepunkt und das Kernstück der Suite, gründend auf seinem Text Piece de resistence . Ein Spiritual, eine Anrufung Gottes, eine Hymne auf den Glauben. Aber auch ein verzweifeltes, bedrückendes Festklammern an einer Hoffnung, geboren aus Unrecht und Leid. Ein Stück von beklemmender Schönheit, mit jener Kraft, die nur Musik in sich tragen kann.
- Datum 07.12.2005 - 12:25 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online 2.12.2005
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