Entführung Zu fremd für die Landsleute?

„Nun ein Thema, das uns alle betrifft“, kündigt der Moderator des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenjournals am vergangenen Montag abend an: „Susanne Osthoff, die entführte Deutsche im Irak.“ Wer das ist, und wieso man von ihr spricht, das weiß in diesen Tagen in Deutschland wohl jeder

Die Medien machen ihren Job. Der Berliner Tagesspiegel brachte vor gut einer Woche auf der Titelseite ein Bild von einem kleinen Jungen mit einem großen Schild: "Bitte lasst Susanne frei". Handelsblatt.de veröffentlicht einen Text mit dem Titel: "Deutschland kämpft um Susanne Osthoff" und stellt dazu ein Foto von demselben Jungen mit demselben Schild.

Das Bild stammt jedoch keineswegs von einer Massendemonstration in Berlin oder einer anderen Großstadt. Es gehört ins fränkische Offenbach, wo sich vor einer Woche 100 Muslime zu einer Demonstration trafen. Der Ausländerbeirat der Stadt hatte dazu aufgerufen. Tags zuvor kamen im oberbayerischen Glonn rund 60 Freunde und Familienangehörige der Entführten zu einer Mahnwache. Am vergangenen Wochenende trafen sie sich noch einmal, diesmal waren es ein wenig mehr. Der Glonner Bürgermeister Martin Esterl (SPD) bekundete, es gehe ihm um ein "Zeichen der Solidarität". Dort, in Glonn, hat die gebürtige Münchnerin Osthoff vier Jahre lang gelebt.

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Es gibt also Solidarität mit der Entführten in Deutschland: In Glonn und auch in Offenbach. Hier wächst die Angst, hier bangen Freunde und Familie. Doch geht wirklich Sorge um im ganzen Land?

Die Rädchen der Diplomatie drehen sich unter der für Bürger zugänglichen Oberfläche. Die öffentliche Rhetorik besteht aus Appellen an die Entführer. Mutter, Bruder, Schwester und auch ihre zehnjährige Tochter hören, sehen und lesen die Aufrufe der Gewerkschaften, der Kirchen und die der Verbände, unter ihnen Archäologenverbände und auch der muslimische Dachverband. Deren Vorsitzender hat sich sogar zum Austausch für die Geisel angeboten. Eine helfende Hand, die niemand ergreifen wird.

Deutschlandweite Solidarität mit der Geisel, Lichterketten, Mahnwachen in den Städten, das gibt es in diesen Tagen nicht. Vielleicht keine Überraschung. Doch wird es diese öffentlichen Zeichen überhaupt irgendwann geben?

Die Archäologin Osthoff, die sich im Irak dafür einsetzt, dass wertvolle Stätten vor Plünderungen geschützt werden und sich mit hohem persönlichem Einsatz sozial engagiert, sei "das falsche Objekt" für breite Solidarität in Deutschland, sagt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Osthoff habe aus einer Gefahr ganz bewußt ein persönliches Risiko gemacht. Mit so jemandem habe man weniger Mitleid, als mit jemandem, der in eine Sache hineinschlittert, weil er beispielsweise ein naiver Tourist sei.

Die Distanz zu Osthoff macht Bolz auch an ihrer Religionszugehörigkeit fest. Osthoff war mit einem jordanischen Araber verheiratet und konvertierte zum Islam. Weil sie "Muslimin ist", sagt Bolz, "fehlt ihr dieser Charakter, Opfer einer fremden Macht zu sein". Ein solches Argument marschiert in den Trampelpfaden der Einteilung von Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit. Vielleicht ist es genau deswegen zutreffend. Leider.

Tatsächlich scheint die gebürtige Münchnerin nicht so richtig als zugehörig wahrgenommen zu werden. Wahrscheinlich hätte ein entführter Urlauber, ein Journalist oder ein Geschäftsmann auf Reisen uns stärker betroffen. Mit diesen Gruppen identifiziert man sich leichter als mit einer sich aufopfernden Helferin, die ihr Leben riskiert in einem fernen, fremden Land.

 
Leser-Kommentare
  1. Frau Osthoff war sich der Gefahr,die sich aussetze bewusst ,schlug aber alle Warnungen in den Wind und prompt wurde sie entfuehrt.Nun erwartet ihre Familie in Deutschland dass die Regierung alle Hebel in Bewegung setzt um die Frau auszuloesen.
    Nachdem ich alles gelesen habe was ich ueber diesen Fall finden konnte bin ich zu der Meinung gekommen dass Frau Osthoff,wenn man sie ausloesen kann, nicht zaudern wird und zurueck in den Irak geht...Denn alle ihre Aktionen haben etwas fanatisches an sich.Oft hat man bei Konvertierten dass sie ihre neue Religion mit mehr Fervor ausueben als Leute,die in ihre Religion eingeboren sind.

  2. Schon der olle Karl May wusste trefflich zu beschreiben, wie
    wagemutige Reisende, von " Bagdad nach Stambul " " Durch die Wüste " ziehend, in orientalischen Verliesen verloren gehen konnten. Insofern sollte man aus dem Schicksal der Frau Osthoff keine Staatsaffäre machen.
    Wer sich in Gefahr begibt, kann eben darin umkommen.

    • iceman
    • 09.12.2005 um 18:28 Uhr

    Es ist beschämend, wie heutzutage menschliches Mitgefühl nach Kosten-Nutzen-Abwägungen vergeben wird.
    Auf einer Skala von 1-10 liegt Susanne Osthoff im Schnitt nur bei 2 (zu eigensinnig, zu abgehoben, kulturell entfremdet). "Es ist schwer, Mitgefühl zu empfinden mit..."

    Vergessen wird dabei, wie lange und erfolgreich sich diese Frau für andere eingesetzt hat, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.
    Auch wird vergessen, wie sehr die Leidenschaft eines Menschen ihn selbst beherrschen kann (s. Spiegel-Artikel diese Woche).
    Frau Osthoff hat das getan, was sie tun MUSSTE, und dafür bewundere ich sie.

    Aber Leidenschaft und Glauben sind a-materielle Werte, und damit a-existent geworden für eure durchoptimierten Hirne.

    Hätte Charles VII bezüglich Jeanne La Pucelle genauso empfunden wie ihr, würden die Franzosen heute alle englisch sprechen.
    Ohne Leidenschaft hätte Luther die christliche Kirche nicht vom Ablaßhandel befreit, und wäre keine Deklaration der Menschenrechte formuliert worden.

    Menschliche Werte sind an ihrem Wert zu bemessen.

    Susanne Osthoff hat unzählige Menschen mit Medikamenten und Schmerzmitteln versorgt zu einer Zeit, als sich kein anderer in den Irak getraut hat. Anstatt das anzuerkennen spekuliert ihr Krämerseelen über die Höhe des zu zahlenden Lösegeldes.

    "Es gibt Augenblicke im Leben, in denen die Frage, ob man anders denken kann als man denkt, und anders sehen, als man sieht, unerläßlich wird, will man weiter sehen und weiter nachdenken können" (Michel Foucault).

  3. Es fällt tatsächlich schwer für Frau Osthoff das Mitgefühl aufzubringen dass sie als (praktizierender Gut-) Mensch sicher verdient hätte. Anscheinend wurde sie ein Opfer ihres ausgeprägten Helfersyndroms und eines Selbstbetruges der aber nur allzu menschlich ist. Die Devise: "mir wird schon nichts passieren" leitet - wider besseres Wissen - die Menschen schon immer bei allen riskanten Tätigkeiten in tödliche Gefahren. Aber - ähnlich wie dem Schifahrer der bei Lawinengefahr mutwillig und verantwortungslos die gesicherte Piste verlässt - wird auch Susanne Osthoff vom "Normalbürger" nur wenig Mitleid für das selbst grob fahrlässig herausgeforderte Schicksal zuteil werden. Es gibt in der Tat tragischere Schicksale um die sich kaum jemand kümmert. Überall. Täglich.

  4. Ich glaube, die im Text angeführte Begründung, Susanne Osthoff erhalte aufgrund ihrer Religionswahl kaum Mitgefühl ist nicht völlig verkehrt, greift aber etwas zu kurz. Für mich persönlich kann ich sagen das ich durchaus Respekt vor ihrem Handeln im Irak habe, das ich auch ihre Religionswahl, ihre Wahl einer neuen Heimat und des Ehemanns etc. respektiere. Allerdings enthält dieses Handeln auch eine zu deutliche Ablehnung ihres bisherigen Heimatlandes, dieser Gesellschaft und unserer Kultur, als das ich sie noch als Teil dieser Gesellschaft sehen könnte. So bewegt mich ihr Schicksal nicht mehr als das irgendeines Irakers, von denen täglich ja dutzende entführt oder ermordet werden. Zweifellos hätte das Schicksal eines Touristen, auch wenn er kein humanitärer Helfer gewesen wäre mehr Anteilnahme ausgelöst, wenn er deutscher nicht nur der Staatsbürgerschaft nach gewesen wäre. Es ist halt so das uns Menschen, die Teil unseres Gemeinwesens oder gar der Familie sind näher stehen als andere. Das mag man gut oder schlecht finden, es ist aber so.

  5. Seit einigen Jahren arbeite ich als humanitärer Helfer in Krisen- und Kriegsgebieten. Von allen Sicherheitsrisiken in der täglichen Arbeit ist das der Entführung für mich sicherlich eines der belastendsten. Was passiert mit meinen Angehörigen, wenn ich entführt werde? Wer gibt ihnen psychologischen Beistand? Wer schützt sie vor denjenigen Journalisten, die auf Gefühle wenig Rücksicht nehmen (siehe ZEIT-Artikel zur BILD-Berichterstattung im Fall Osthoff) und die Situation verschlimmern?

    Giuliana Sgrena, ZEIT-Autorin und selbst ehemals Geisel im Irak, ist überzeugt, dass die Massendemonstrationen in ihrer Heimat Italien ihre Überlebenschancen verbessert haben. Auch die Journalisten, für die so viele Menschen in Frankreich auf die Straße gingen, kamen wieder frei. Zu sehen, dass in Deutschland eine derartige Solidarität nicht existiert und Demonstrationen vergleichbarer Größe nicht zustande kommen, ist für mich eine Warnung, dass ich mich auf Unterstützung aus der deutschen Bevölkerung nicht unbedingt verlassen kann - im Fall der Fälle.

    • eik
    • 11.12.2005 um 10:43 Uhr

    Zu oft schon, zu viele schon, zu teuer langsam. Irgendwann müssen auch die Westeuropäer wieder lernen für ihre Entscheidungen allein die Verantwortung zu übernehmen. Es ist schon ein Faktor, wenn der Steuerzahler 5 Millionen Mark hinblättern muß um eine 53 jährige Lehrerein, die ja unbedingt in Krisenzeiten in die potentiell gefärdetetn Länder fahren muß, wiederzubekommen. Ihre veröffentlichte Autobiografie bzw. deren Einnahmen dienten sicher nicht zur Rückzahlung der Schulden an die Allgemeinheit.

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  • Serie cvd
  • Quelle (c) ZEIT online, 7.12.2005
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  • Schlagworte Entführung | SPD | Medien | Irak | Solidarität | Offenbach | Berlin
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