Islam Willkommen in der Realität
Die CIA in Europa und die Wahrnehmung Deutschlands in der arabischen Welt. Das aktuelle Meinungsbild

Nochmals diskutieren die Pressekommentare, was die CIA in Europa treibt und was das für die deutsch-amerikanischen Beziehungen bedeutet. Bei der Härte der Vorwürfe (Geheimgefängnisse außerhalb des Völkerrechts, angebliches Foltern von Gefangenen) vermisst nicht nur die Rheinische Post , dass Washington "diesen ungeheuerlichen Verdacht bisher nicht überzeugend widerlegt (hat). Sollte er zutreffen, würde das die Axt an die Wurzeln des transatlantischen Bündnisses legen. Denn das gründet sich auf eine Wertegemeinschaft - und nur so kann es funktionieren. Der freie Westen foltert nicht."
Und die Frankfurter Rundschau sieht in den Geheimflügen nur ein Symptom, das Problem liege tiefer: In der transatlantischen Kluft "zwischen dem politisch-moralischen Ansatz der Neokonservativen in den USA, repräsentiert durch die Bush-Regierung, und dem politischen Grundkonsens in Deutschland". Die ganze Affäre hat aber auch ganz realpolitische Bezüge: "Die deutsche Politik hat zwar stets die Folter offiziell verurteilt, aber inoffiziell nichts dagegen gehabt, wenn man ihre Früchte ernten konnte. Deutschland, so sieht es aus, nimmt teil am american way der Terrorbekämpfung, der rendition genannt wird, ohne sich dabei allerdings, wie dies die Amerikaner tun, die Hände schmutzig machen zu wollen" ( Süddeutsche Zeitung ).
Die Politik der alten Bundesregierung war eben zweischneidig: "Öffentlich hat sie nicht mit Empörung über den Irak-Krieg und die rüden Methoden der Amerikaner im Anti-Terror-Kampf gespart. Im Stillen aber hat sie beherzt weggeschaut, wenn es darum ging, US-Agenten gewähren zu lassen. So etwas nennt man Doppelmoral oder Heuchelei." ( Braunschweiger Zeitung ).
Dem hält der Tagesspiegel entgegen, man dürfe die Affäre nicht aufbauschen: "Trotz der transatlantischen Dissonanzen im Vorfeld des Irakkrieges haben die Geheimdienste stets gut zusammengearbeitet. Hinter den Kulissen wurde der Terror oft wirksamer bekämpft als in Kabul oder Bagdad. Sollte der Streit über die CIA-Flüge eskalieren, könnte diese Zusammenarbeit leiden, zum Nachteil aller. Der Erregungspegel muss gesenkt werden - ohne sich zum Vertuschungskomplizen zu machen."
Die Empörung ist zu Recht groß. Und der Schaden, der mit den Vorwürfen angerichtet wird, auch. Nur, über die Geheimflüge der CIA und die Verschleppung Verdächtiger konnte auch vorher schon in den Medien viel gelesen werden. Bemerkenswert ist immerhin, dass die Politik der alten Bundesregierung in der arabischen Welt offenbar eine Zeit lang gewirkt hat; inzwischen jedoch werden die Deutschen dort kaum noch als Kritiker des von den USA geführten Irakkrieges wahrgenommen, heißt es in Berliner Sicherheitskreisen. In einem Bericht über die Entführung von Susanne Osthoff in der Süddeutschen Zeitung wird zu den CIA-Flügen ein Sicherheitsexperte wie folgt zitiert: "Sollte sich herausstellen, dass die Deutschen hier augenzwinkernd mitgemacht haben, dann haben wir ein Problem." Was soll man dazu sagen? Vielleicht: 'Willkommen in der Realität'.
- Datum 03.09.2009 - 09:57 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 6.12.2005
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Vielleicht fallen ja nun wirklich die letzten aus ihrem Wolkenkuckucksheim, das ihnen weismachen wollte, wir bekämen alles zum Nulltarif. Sechzig Jahre täglich die weiße Weste tragen ohne chemische Reinigung?
Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit wo kommen wir denn hin, wenn Begriffe, deren Deutungsmonopol bei uns liegt, von den anderen gegen uns ins Feld geführt werden? Foltern, terrorisieren, bomben und morden - das sind doch ohnehin nur moralische oder bestenfalls formaljuristische, aber keine poilitischen Begriffe - mussten und müssen wir überall, damit die Welt friedlicher wird. Führung lebt von Furcht und Respekt, und die Macht von Unterwerfung. Herrschaft behauptet sich nur durch die folgenlose Ausübung von Willkür. So sind nun mal die Regeln. Den Weihnachtsmann gibt es nur für Kinder!
Wir nennen es unsere Interessen schützen und unsere Sicherheit verteidigen. Ist das endlich klar? Angriffskriege hat es immer schon gegeben, so Josef Joffe, Mitherausgeber dieses Blattes in einer ZDF-Talkshow 2003, als Erwiderung gegen Kritik an der Bush-Regierung zum Angriff auf den Irak, in Gestus und Habitus von: Also Kinder, nun regt euch mal bloß nicht so auf Recht hatte er! Angesichts der gewonnenen Lufthoheit (the eagle has landed) gibt es zum Glück z.Z. keine nennenswerte äußere Bedrohung, und innere Widerstände werden sich mit der Zeit legen. Dafür haben wir wirksame Infrastrukturen geschaffen, die durch dichte und sehr gut funktionierende Netzwerke sowohl die technische wie auch die ökonomische und soziale Kontrolle sichern. Dagegen ist der Terror, ausgedacht von ein paar unserer früheren Söldner, mehr ein Ergebnis aus dem Versagen der eigenen Dienste. Andererseits mobilisiert er auch eigene Widerstandskräfte und bietet uns ganz nebenbei Präsenzchancen in geostrategisch relevanten und energiesensiblen Regionen. Ein Schuft also, wer Schlechtes dabei denkt.
Unser deutsches (und europäisches) Problem ist vielleicht nicht vorrangig die alte Frage: wer ist eigentlich wir und uns, und wer hat das Sagen in den verschiedenen Clubs, pardon, Bündnissystemen? Weil das ja immer klar war. Unser Problem ist eigentlich, dass überall und öffentlich! so viel Lärm darüber gemacht wird. Wie viele Billionen von Schweigegeldern müssen denn noch auf unsere Sparkonten und Depots überwiesen werden, damit wir endlich Ruhe geben? Jedes halbwegs intakte Gehirn auf dieser Welt weiß doch sowieso, wo der Hase lang läuft. Am Ende geben wir alle noch eine ehrliche Einkommensteuererklärung ab, weil wir ach so ungemein viel Respekt vor Recht und Gesetz haben. Und wir wollen auch nie, nie wieder Schwarzarbeit annehmen oder anbieten. Ehrlich! Sind wir jetzt alle ga-ga oder was ist hier eigentlich los?
Natürlich werden wir zur Kasse gebeten, eines Tages. Vielleicht schon morgen. Unsern Maybach fahren wir abends jetzt immer in die Garage. Es ist alles so unsicher geworden bei uns. Ja, ja, früher aber lassen wir das.
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Etwas ist immer.
Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat: das ist selten.
(das war ein Guter, 1927, hat aber nichts begriffen, leider)
Nur Naive glauben, dass Geheimdienstaktivitäten mit sauberen Händen vonstatten gehen. Dies gab es auch im Kalten Krieg nicht. Moralisiererei passt in die Stimmung der transatlantischen Beziehungen. Aber wie der Artikel richtig ausdrückt, ist es die Angst vor den Anschlägen in Deutschland, die unsere Abgrenzung jedweder Komplizenschaft begründet....
Von moralischer Überheblichkeit befeuert und von zahlreichen Medien im Kampagnenstil gesteuert, werden Einzelaspekte zum Hauptthema und Hauptthemen (nukleare Prolife¬ration und Terrorkriminalität) zur Nebensache. So irrt die bewegte Öffentlichkeit durch das reiche Themenangebot und surft dabei nach den Vorgaben eines Zufallsgenerators so-wie der Meinungsmache. Aus dem Geschenk der Meinungsfreiheit machen viele wenig mehr als ein bloßes Meinen (G.W.F. Hegel). Fühldenken führt Regie. Politisches Meinen präsen-tiert sich mehr als ein intestinaler (prä-rationaler) denn als zerebraler Akt. Allzeit bereiter Alarmismus erfüllt die Herzen und die veröffentlichte Meinung.
Ja, robuste Methoden dürfen nur äußerst gezielt und begrenzt eingesetzt werden, aber verzichtbar werden sie im Ernstfall nicht sein. Und den haben wir, auch wenns mancher nicht glauben mag. Wie verwirrt sind wir, wenn wir den Schutz der Täter höher stellen als den der Opfer, wenn wir mehr Empathie für Kriminelle zeigen als für arglose Mitmenschen, die mal eben locker, grundlos, dutzendweise ins Jenseits gebombt werden, und wenn unser Gewissen lauter protestiert beim Versuch der Prävention von Verbrechen als bei nur halbherzigen Versuchen der Bekämpfung dieser Verbrechen?
Wo bleibt die aufgeregte Empörung insbes. der linken Öffentlichkeit angesichts einer aus-ufernden und ziellosen Terrorpraxis immer neuer Gruppen fanatisierter Menschenfeinde? Wo bleibt ihr festes, handlungsbereites Eintreten (nicht nur Lippenbekenntnisse) für demo-kratische Reformen in den islamischen Ländern? Haben sie dem (nicht mehr steigerbaren) Staatsterror unter Saddam auch nur ein Tausendstel der Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Umstand der Abschaffung dieses Regimes?
Die ZEIT-Presseschau v. Steffen Richter (v. Nikolaustag 2005) darf ich hier durch ein Zitat aus der heutigen FAZ-Leitglosse ergänzen: Die Vorstellung, europäische Regierungen hät-ten keine Ahnung, daß Hunderte CIA-Flugzeuge ihren Luftraum kreuzten oder ihre Flughä-fen nutzten, mutet absurd an. Man darf auch vermuten, daß ihnen der Zweck der Flüge in der Regel bekannt war - so wie Italiens Behörden die Verschleppung eines Islamisten durch Dutzende CIA-Agenten bekannt gewesen sein dürfte.
Für unsere vielen Abonnementskritiker der USA schlage ich ein experimentum mundi vor: Washington stellt alle Aktivitäten für drei Jahre ein. Präsident und Kongress gehen gemein-sam Lachse fangen oder Tretboot fahren. Ergebnis: Wütende Kritik der Linken auch in die-sem Fall: Washington solle endlich was tun! Die Öl-Imperialisten hätten ja schließlich eine Verantwortung wahrzunehmen! Ach ja, unsere Toskana-Linke! Unsere Toskana-Öffentlichkeit!
Das Amerika wieder einmal alles abstreitet ist nicht ungewöhnlich. Allerdings sollte nur ein naiver Leser soetwas glauben.
Ein Land, dass sich ofiziell an die Menschenrechte hält, aber gleichzeitig den tausendsten Toten durch die Todesstrafe zelebriert, kann doch von der rechstlichen Welt - ob nun zivilisiert oder nicht, ob nun westlich oder nicht - nur als scheinheilige Katze, die vorne leckt und hinten krazt angesehen werden.
So Zeit die deutsche Bevölkerung einmal mehr, dass sie sich verschlafen wie der deutsche Michel verhält.
Deutschland ist leider zu oft ein kleines Kind: völlig naiv, alles glauben.
So kann man die schlechte Reputation bei den Nachbarländern noch verschlimmbessern. So kann man und frau nur hoffen, dass unsere Bundesrepublik nicht zum amerikanischen Schoßhündchen in Spe verkommt.
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