Grenzenlos Museum ohne Grenzen
Mit einer permanenten Ausstellung über islamische Kunst öffnet das virtuelle Museum With No Frontiers am 9. Dezember seine Zugänge. Damit markiert die EU einen Aufbruch, über den nur der Schatten der Politik fällt
Es war ein äußerst fader Quasi-Gipfel zwischen Europäischer Union und den Mittelmeer-Anrainern aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Während die 25 EU-Staaten in Barcelona hochrangig vertreten waren, sagten die meisten Regierungschefs der zehn Partnerländer mehr oder minder kurzfristig ab. Unterm Strich blieben beim Euromed-Treffen aus Anlass des zehnten Jubiläums des Barcelona-Prozesses Ende November nur eine vage Anti-Terrorismus-Erklärung, die auf Definitionen verzichtete. Die EU-Strategie, eine Alternative zur bislang vor allem militärisch geprägten Demokratisierungspolitik der USA im Mittleren Osten zu bieten, blieb ergebnislos.
Umso beachtlicher ist da der baldige Start eines wegweisenden Kulturprojekts, das im Windschatten des Barcelona-Prozesses entstanden ist. Um Mitternacht am 9. Dezember öffnet das Museum ohne Grenzen ( Museum With No Frontiers oder kurz: MWNF) erstmals mit der Dauerausstellung "Entdecke islamische Kunst" seine Zugänge . Das grenzübergreifende Museum existiert dabei nur im Cyberspace, die Exponate stehen nur virtuell nebeneinander. Das MWNF setzt den Anfangspunkt für eine wissenschaftliche wie technische Entwicklung, deren Folgen kaum absehbar sind. Abgesehen davon ist das Zustandekommen ein ganz beachtliches Stück Kulturdiplomatie.
Dem unermüdlichen Engagement der MWNF-Gründerin und -Direktorin, der Wienerin Eva Schubert, ist es zu verdanken, dass erstmals 17 Partnermuseen und -institutionen aus 14 Ländern - insgesamt gar 42 teilnehmende Museen - eng zusammenarbeiteten. Auf EU-Seite beteiligen sich Deutschland (genauer: das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum in Berlin), Großbritannien (gleich viermal mit Britischem Museum, Victoria & Albert Museum, dem Schottischen Nationalmuseum in Edinburgh und dem Glasgow Museum vertreten), Schweden, Spanien, Portugal und Italien; von der anderen Mittelmeer-Seite Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, die Palästinensergebiete, Jordanien, Syrien und die Türkei.
1.235 Kunst- und Bauwerke oder archäologische Ausgrabungsstätten werden gezeigt, mit Begleittexten in Englisch, Französisch und Arabisch sowie den Sprachen der Teilnehmerländer, also auch in deutsch. Die Schau folgt dabei den Prinzipien des Museums ohne Grenzen, die Schubert bei der Vorstellung des Projekts in London erläuterte: dass die Ausstellungsstücke jeweils in "lokaler Perspektive" präsentiert werden, und dass ein Zusammenhang zwischen Kunstwerk und Entstehungsort hergestellt wird.
Auf der Website - in der verbindenden Kennfarbe Wüstengelb gehalten - findet man bei jedem Klick auf ein bestimmtes Ausstellungsstück Querverbindungen zu anderen Objekten in der virtuellen Sammlung. Grundsätzlich folgt die Ausstellung der Chronologie von der ersten muslimischen Umayyaden-Dynastie im 7. Jahrhundert bis zum Untergang des Osmanischen Reiches 1922. Aber durch das Klicken von Objekt zu Objekt - ein neues Programm ermöglicht ein nahes Heranzoomen zur Detailbetrachtung und verhindert gleichzeitig unerlaubtes Kopieren - kann jeder Besucher eigene Wege gehen. Die Website verfügt außerdem über eine Datensammlung, die man per Suchmaschine erschließen kann, ein "Atrium" mit weiterführenden Informationen sowie Verweise auf die Partnermuseen und "Ausstellungspfade", die das MWNF im Rahmen des Euromed Heritage -Programms seit 1999 in den Partnerländern organisiert.
Die Kuratoren geben sich voller Vorfreude. So gab es beispielsweise eine so enge Zusammenarbeit zwischen den britischen Museen bislang kaum - die igeln sich gern eifersüchtig ein. Noch seltener gab es eine solche freilich mit den Gegenübern in den Herkunftsländern islamischer Artefakte. "Alle Seiten profitieren", erklärte Sheila Canby, Kuratorin für islamische Kunst und Altertümer am Britischen Museum, die mit syrischen Kollegen zusammenarbeitete. "Früher gab es immer nur eine bestimmte Blickrichtung, nun haben wir ein Museum mit einer Vielzahl von Perspektiven." Sie hoffe, sagt Canby, dass Besucher so angeregt würden, die "Schönheit der Kunstwerke noch mehr zu schätzen und interkulturelle Verbindungen besser zu verstehen".
Gewissermaßen zeige die Schau, sagt Canbys Kollegin Noorah Al Gailani vom Glasgow Museum, "dass die Welt schon immer ein 'globales Dorf' war." Auch Vertreter aus den Mittelmeerländern wie Mohamed Abbas Selim, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Kairo, oder der stellvertretende syrische Kulturminister Abdal-Razzaq Moaz betonten die Möglichkeiten eines transnationalen Museums, die Bedeutung der gemeinsamen Vergangenheit und die Chancen einer verbesserten politischen Zusammenarbeit, die aus dem Projekt erwachsen könnten.
Die Gefahr, dass das Internet den beteiligten Museen die Besucher abspenstig machen könnte, sehen die Kuratoren nicht. Jede Erfahrung mit internetgerechter Aufarbeitung von Museumsinhalten habe gezeigt, sagte Andrew Burnett, Vizedirektor des Britischen Museums, dass man auf diesem Weg eher mehr Leute anlocken könnte - eine Einschätzung, die auch Claus-Peter Haase bestätigt: "Die Aura des Authentischen" ziehe den Betrachter am Ende doch zum wirklichen Objekt. Der Direktor des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum verbindet mit dem Museum ohne Grenzen außerdem die Hoffnung, dass sich in Europe lebende muslimische Einwanderer "jenseits von Ideologie und Moschee" mit islamischem Kulturerbe vertraut machen können.
Bislang ist die Schau allerdings eher etwas für diejenigen, die ein entsprechendes Interesse bereits mitbringen. Die museumspädagogische Aufbereitung sei die große Herausforderung für die nächsten Jahre, kündigte Schubert an. Wobei sie schon dabei ist eine analoge Ausstellung zur Kunst des Barock für 2007 sowie Wechselausstellungen im MWNF vorzubereiten. Welche langfristigen Wirkungen die Existenz eines kunst- und kulturgeschichtlichen Cyber-Museums haben wird, ist schwer vorauszusagen. Der Direktor der Glasgower Museen, Mark O'Neil, erzählte von seinen Nichten, die ihre Fotohandys vor allem dazu benutzten, um ohne Spiegel zu überprüfen, ob ihre Frisur auch richtig sitze. Es wird spannend zu sehen, wie die Besucher mit dem Museum ohne Grenzen umgehen.
- Datum
- Quelle (c) ZEIT online, 9.12.2005
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