Der frühere kroatische General Ante Gotovina befindet sich im Gewahrsam des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Von Spanien aus, wo er am Mittwoch verhaftet worden war, brachte ein Militärflugzeug den 50-Jährigen am Samstag in die Niederlande. Gotovina wurde im UN-Gefängnis in Scheveningen inhaftiert. Am Montag werde er erstmals einem Richter vorgeführt, teilte das Tribunal mit. Das spanische Polizeifoto von Ante Gotovina vom 7. Dezember 2005© EPA/DGP/HANDOUT dpa BILD

Bei dieser ersten Anhörung hat der Angeklagte gemäß den Regeln des Gerichts die Möglichkeit, auf schuldig oder unschuldig zu plädieren. Gotovina muss sich unter anderem für den Tod von 150 Serben während des kroatischen Unabhängigkeitskrieges verantworten. Er befehligte die »Operation Sturm«, mit der das kroatische Militär im Sommer 1995 die von den Serben als unabhängig ausgerufene Region Krajina zurückeroberte.

Das UN-Tribunal hatte 2001 einen Haftbefehl gegen Gotovina ausgestellt. Seitdem war der von kroatischen Nationalisten als Held verehrte frühere Fremdenlegionär untergetaucht. UN-Anklägerin Carla Del Ponte hatte bis vor kurzem der kroatischen Führung vorgeworfen, sie bemühe sich nicht um seine Verhaftung, obwohl er sich in ihrem Einflussbereich befinde. Nach seiner Verhaftung auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa wurde jedoch bekannt, dass er seit vielen Monaten quer durch die Welt gereist ist.

Gotovina ist nun einer von derzeit 48 Häftlingen in dem für die UN reservierten Teil des Gefängnisses in Scheveningen. Bis zum Beginn der Hauptverhandlung gegen ihn dürften erfahrungsgemäß noch viele Monate vergehen. Welche Richter den Prozess übernehmen, ist auch noch nicht bekannt. Eine Kammer der ersten Instanz beim UN-Tribunal besteht aus drei Richtern.

Gotovina war einer der am meisten gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien. Jetzt sind noch sechs Angeklagte flüchtig, unter ihnen der frühere Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein Militärchef Ratko Mladic. Nach Gotovinas Verhaftung hatten die EU, die NATO und die USA die serbische Regierung aufgefordert, diese beiden Hauptfiguren des Bosnienkrieges endlich zu ergreifen und nach Den Haag auszuliefern.

In mehreren kroatischen Städten gab es am Samstag Sympathiekundgebungen für Gotovina. Verbände der Kriegsveteranen und Mitkämpfer des mutmaßlichen Kriegsverbrechers haben für Sonntag eine Großkundgebung im Adriahafen Split angekündigt, zu der Gotovina-Anhänger aus dem ganzen Land erwartet werden.

General, Nationalheld und verurteilter Räuber

Denn für kroatische Nationalisten war und ist der General a.D. Ante Gotovina ein Nationalheld. Er ist noch immer Ehrenbürger der Adriastadt Zadar wegen seiner »Verdienste« bei der Rückeroberung der seit 1991 von aufständischen Serben besetzt gehaltenen südkroatischen Gebiete im Sommer 1995. Gerade in dieser Zeit soll er die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, wegen der er vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt ist.

Der Karriere-Offizier leitete im Sommer 1995 die rücksichtslose Offensive »Gewittersturm« zur Zerschlagung der serbischen Macht in der kroatischen Krajina-Region. Die Anklage macht ihn deshalb verantwortlich für die Tötung von mindestens 150 serbischen Zivilisten, für Vertreibung, Brandstiftung, Zerstörung und Angriffe auf zivile Ziele. In der Heimat aber wurde Gotovina, der ehemalige Fremdenlegionär mit Kampferfahrungen aus Afrika und Lateinamerika, zum Generalinspekteur der Streitkräfte befördert. Nach dem Tod des autoritären und extrem-nationalistischen Präsidenten Franjo Tudjman, dessen höchstes Vertrauen er genoss, wurde Gotovina im Jahr 2000 vom neuen Präsidenten Stjepan Mesic abgesetzt und pensioniert.

Der am 12. Oktober 1955 auf der Adriainsel Pasman geborene Gotovina wurde 2001 vom UN-Tribunal angeklagt und verschwand darauf spurlos von der Bildfläche. Die Chefanklägerin des UN-Tribunals, Carla Del Ponte, beschuldigte in der Zwischenzeit die Regierung in Zagreb, nichts zur Festnahme des Flüchtigen unternommen zu haben. Im vergangenen Sommer warf sie sogar der katholischen Kirche vor, dem untergetauchten Gotovina zu helfen.

Wahrscheinlicher ist, dass ihm seine alten Kameraden aus dem kriminellen Umkreis der Fremdenlegion bei der Flucht geholfen haben. Gotovina war, nach kroatischen Medienberichten, schon drei Mal in Frankreich wegen Raubüberfalls und Erpressung verurteilt worden. Das letzte Mal 1995, als er schon kroatischer General war.