balkanMutmaßlicher Kriegsverbrecher nach Den Haag überführt

Der kroatische Ex-General Gotovina ist im Gewahrsam des UN-Tribunals. Ihm werden Verbrechen gegen serbische Zivilisten im kroatischen Unabhängigkeitskrieg zur Last gelegt von redaktion

Der frühere kroatische General Ante Gotovina befindet sich im Gewahrsam des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Von Spanien aus, wo er am Mittwoch verhaftet worden war, brachte ein Militärflugzeug den 50-Jährigen am Samstag in die Niederlande. Gotovina wurde im UN-Gefängnis in Scheveningen inhaftiert. Am Montag werde er erstmals einem Richter vorgeführt, teilte das Tribunal mit.

Bei dieser ersten Anhörung hat der Angeklagte gemäß den Regeln des Gerichts die Möglichkeit, auf schuldig oder unschuldig zu plädieren. Gotovina muss sich unter anderem für den Tod von 150 Serben während des kroatischen Unabhängigkeitskrieges verantworten. Er befehligte die »Operation Sturm«, mit der das kroatische Militär im Sommer 1995 die von den Serben als unabhängig ausgerufene Region Krajina zurückeroberte.

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Das UN-Tribunal hatte 2001 einen Haftbefehl gegen Gotovina ausgestellt. Seitdem war der von kroatischen Nationalisten als Held verehrte frühere Fremdenlegionär untergetaucht. UN-Anklägerin Carla Del Ponte hatte bis vor kurzem der kroatischen Führung vorgeworfen, sie bemühe sich nicht um seine Verhaftung, obwohl er sich in ihrem Einflussbereich befinde. Nach seiner Verhaftung auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa wurde jedoch bekannt, dass er seit vielen Monaten quer durch die Welt gereist ist.

Gotovina ist nun einer von derzeit 48 Häftlingen in dem für die UN reservierten Teil des Gefängnisses in Scheveningen. Bis zum Beginn der Hauptverhandlung gegen ihn dürften erfahrungsgemäß noch viele Monate vergehen. Welche Richter den Prozess übernehmen, ist auch noch nicht bekannt. Eine Kammer der ersten Instanz beim UN-Tribunal besteht aus drei Richtern.

Gotovina war einer der am meisten gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien. Jetzt sind noch sechs Angeklagte flüchtig, unter ihnen der frühere Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein Militärchef Ratko Mladic. Nach Gotovinas Verhaftung hatten die EU, die NATO und die USA die serbische Regierung aufgefordert, diese beiden Hauptfiguren des Bosnienkrieges endlich zu ergreifen und nach Den Haag auszuliefern.

In mehreren kroatischen Städten gab es am Samstag Sympathiekundgebungen für Gotovina. Verbände der Kriegsveteranen und Mitkämpfer des mutmaßlichen Kriegsverbrechers haben für Sonntag eine Großkundgebung im Adriahafen Split angekündigt, zu der Gotovina-Anhänger aus dem ganzen Land erwartet werden.

General, Nationalheld und verurteilter Räuber

Denn für kroatische Nationalisten war und ist der General a.D. Ante Gotovina ein Nationalheld. Er ist noch immer Ehrenbürger der Adriastadt Zadar wegen seiner »Verdienste« bei der Rückeroberung der seit 1991 von aufständischen Serben besetzt gehaltenen südkroatischen Gebiete im Sommer 1995. Gerade in dieser Zeit soll er die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, wegen der er vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt ist.

Der Karriere-Offizier leitete im Sommer 1995 die rücksichtslose Offensive »Gewittersturm« zur Zerschlagung der serbischen Macht in der kroatischen Krajina-Region. Die Anklage macht ihn deshalb verantwortlich für die Tötung von mindestens 150 serbischen Zivilisten, für Vertreibung, Brandstiftung, Zerstörung und Angriffe auf zivile Ziele. In der Heimat aber wurde Gotovina, der ehemalige Fremdenlegionär mit Kampferfahrungen aus Afrika und Lateinamerika, zum Generalinspekteur der Streitkräfte befördert. Nach dem Tod des autoritären und extrem-nationalistischen Präsidenten Franjo Tudjman, dessen höchstes Vertrauen er genoss, wurde Gotovina im Jahr 2000 vom neuen Präsidenten Stjepan Mesic abgesetzt und pensioniert.

Der am 12. Oktober 1955 auf der Adriainsel Pasman geborene Gotovina wurde 2001 vom UN-Tribunal angeklagt und verschwand darauf spurlos von der Bildfläche. Die Chefanklägerin des UN-Tribunals, Carla Del Ponte, beschuldigte in der Zwischenzeit die Regierung in Zagreb, nichts zur Festnahme des Flüchtigen unternommen zu haben. Im vergangenen Sommer warf sie sogar der katholischen Kirche vor, dem untergetauchten Gotovina zu helfen.

Wahrscheinlicher ist, dass ihm seine alten Kameraden aus dem kriminellen Umkreis der Fremdenlegion bei der Flucht geholfen haben. Gotovina war, nach kroatischen Medienberichten, schon drei Mal in Frankreich wegen Raubüberfalls und Erpressung verurteilt worden. Das letzte Mal 1995, als er schon kroatischer General war.

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Leserkommentare
    • mitos
    • 11. Dezember 2005 21:01 Uhr

    Das ihnen die Kroaten bei der Rückeroberung einen Korridor zur Flucht offen gelassen haben. Von 1990 bis 1991 wurden alle Kroaten aus der Krajna vertrieben, die sich weigerten wurden ermordet. Als die Offensive der Serben dann vor der Hafenstadt Zadar gestoppt wurde, war die Stadt fast 2 Jahre ohne Wasser und Strom. Als Krönung für diese Situation feuerten die Serben dann ein paar mal täglich ein paar Granaten in die Stadt (und legten damit das Leben dort lahm).
    Was ich damit nicht sagen möchte ist das jemand der Kriegsverbrechen begannen hat ungestraft davon kommen soll (das gilt neben Gotovina auch für Bush, Fischer und Co.), nur sollte man nicht vergessen das Gotvina sein Land verteidigt hat und nicht etwa plante bis nach Belgrad zu marschieren. Das ist etwas was man im Hinterkopf behalten sollte wenn man versucht die Reaktion der Kroaten zu verstehen. Die Serben der Krajna wurden von Milosevic und seine Schergen aus Knin aufgestachelt und sind damit Täter aber auch Opfer zu gleich gewesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aus Ihrem Posting geht deutlich hervor, dass Sie die Gräueltaten der Kroaten absolut verharmlosen! Viele Serben wurden auf bestialische Art und Weise von kroatischen Ustascha ermordet. Vor allem mussten ältere Menschen, die keine Möglichkeit hatten zu fliehen, daran glauben! Bei der etnischen Säuberung (Oluja), die vom Westen natürlich ungestraft blieb, ging es nicht so blumig her, wie Sie es schildern! Die geflohenen Serben wurden von kroatischen Passanten mit Steinen beschmissen und teilweise ermordet. Die etnische Säuberung hatte in Kroatien einen vollen Erfolg und bei der Mehrheit der kroatischen Bürger hohe Sympathien. Diese hohe nationalistische Haltung in der Bevölkerung hält bis heute noch an. Deshalb haben vertriebene Serben kaum Möglichkeiten in IHRE Heimat zurückzukehren, wo Ihre Vorfahren seit hunderten von Jahren gelebt haben.

    Gotovina ist nur ein Bauernopfer! Es müssten sich viel mehr Kroaten vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten.

    • Rotant
    • 10. Dezember 2005 11:10 Uhr

    Er ist also gefasst, der vermeintliche kroatische Kriegsverbrecher, Kroatien ist seiner EU-Mitgliedschaft näher gekommen und erstmal sind alle zufrieden. Doch bedeutet diese Festnahme auch einen Fortschritt bei der Jagd nach Karadzic und Mladic? Wenn also die Regierungen mehr kooperieren mit dem Internationalen Gerichtshof, erhalten sie die Chance, ins gelobte Land einzutreten. Dadurch lenken die internationalen Behörden von der Tatsache ab, daß die beiden serbischen Kriegsverbrecher seit 10 Jahren unbehelligt sind, obwohl es in ganz Bosnien immer noch von UN-Soldaten wimmelt. Dadurch lenken sie von ihrer eigenen Unfähigkeit ab, auf ihrer Suche erfolgreich zu sein.

  1. Aus Ihrem Posting geht deutlich hervor, dass Sie die Gräueltaten der Kroaten absolut verharmlosen! Viele Serben wurden auf bestialische Art und Weise von kroatischen Ustascha ermordet. Vor allem mussten ältere Menschen, die keine Möglichkeit hatten zu fliehen, daran glauben! Bei der etnischen Säuberung (Oluja), die vom Westen natürlich ungestraft blieb, ging es nicht so blumig her, wie Sie es schildern! Die geflohenen Serben wurden von kroatischen Passanten mit Steinen beschmissen und teilweise ermordet. Die etnische Säuberung hatte in Kroatien einen vollen Erfolg und bei der Mehrheit der kroatischen Bürger hohe Sympathien. Diese hohe nationalistische Haltung in der Bevölkerung hält bis heute noch an. Deshalb haben vertriebene Serben kaum Möglichkeiten in IHRE Heimat zurückzukehren, wo Ihre Vorfahren seit hunderten von Jahren gelebt haben.

    Gotovina ist nur ein Bauernopfer! Es müssten sich viel mehr Kroaten vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten.

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