In den Redaktionsräumen der „Bild“-Zeitung herrscht ein schwaches Magnetfeld, ungefähr 100 000mal schwächer als in einem Kernspintomographen im Krankenhaus. Das Magnetfeld war schon da, als „Bild“ gegründet wurde, und es wird noch ein paar Jahrtausende bleiben. Solche Konstanz ist manchmal schwer zu ertragen, und so beschwört das Boulevardblatt heute das „Magnet-Chaos“ der Erde und fragt: „Leben wir bald im Dunkeln“? Amerikanische Forscher hätten herausgefunden, dass der magnetische Nordpol von Kanada nach Sibirien verrutscht, „schnell wie nie“. Steht eine Umpolung des Erdmagnetfelds bevor? Werden bald Trafohäuschen durchbrennen und Myriaden von kosmischen Teilchen am Axel-Springer-Platz einschlagen?

Das Szenario ist nicht neu – vor zwei Jahren diente das plötzlich erlöschende Erdmagnetfeld dem Film „The Core“ als Gruselkulisse. Richtig ist: Das Erdmagnetfeld wird von riesigen Walzen flüssigen Gesteins im Innern der Erde erzeugt, dem „Erddynamo“. Alle paar hunderttausend Jahre ändern diese Walzen ihre Richtung, das Erdmagnetfeld polt sich um. Nord- und Südpol tauschen dann innerhalb von einigen tausend Jahren ihre Plätze. Die letzte Umpolung fand vor 780 000 Jahren statt, die nächste ist überfällig, allerdings schwer vorherzusagen. Den Geodynamo auf dem Computer zu simulieren oder im Experiment nachzubilden ist schwierig, denn die turbulente Physik des Erdinnern ist noch komplexer als die des Klimas.

Die jüngste Nachricht der Geoforscher, die in der „Bild“-Redaktion Katastrophenalarm auslöste, fügt den bekannten Tatsachen wenig Neues hinzu. Joseph Stoner von der Oregon State University hat aus Sedimenten von Seen in der Arktis die jüngere Geschichte des Erdmagnetfelds rekonstruiert. Ergebnis: Nach 400 Jahren relativer Ruhe ist der magnetische Nordpol im vergangenen Jahrhundert 1100 Kilometer weit gedriftet. Bleibt es bei diesem Tempo, könnte er in 50 Jahren von Kanada nach Sibirien gewandert sein. Und das ist ganz normal. Der Nordpol pendelt regelmäßig zwischen Kanada und Sibirien hin und her, manchmal im Schlingerkurs, ohne dass eine komplette Umpolung des Erdmagnetfelds damit verbunden ist. Diese Drift kennt jeder Segler, der seinen Kompass jährlich anpassen oder neue Seekarten kaufen muss. Die beobachtete Drift Richtung Sibirien sei denn auch „Teil der normalen Oszillation“, vermutet Stoner, irgendwann werde der Nordpol wieder zurück nach Kanada kommen.

Leben wir also bald im Dunkeln? Die Antwort ist: Nein, wenn wir in Hamburg eine Zeitung machen, Ja, wenn wir in Alaska wohnen. Denn dort sind nachts Polarlichter zu sehen, ausgelöst von geladenen Teilchen, die das Erdmagnetfeld zum Nordpol lenkt. Wandert der Nordpol nach Sibirien, wandert das Polarlicht mit.

Der Autor ist Redakteur des Magazins ZeitWissen