Enzyklopädie Viele Köche
Ein Fälschungsskandal hat die Grenzen der Wikipedia offengelegt. Für die beliebte Internet-Enzyklopädie werden jetzt neue Systeme für die Sicherung der Textqualität gesucht
Vier Jahre lang galt die Wikipedia als Vorzeigeprojekt des "sozialen Internets". Zehntausende von Freiwilligen arbeiten zusammen, um eine umfassende und verlässliche Enzyklopädie zu schaffen: frei, für jeden nachvollziehbar und kostenlos. Ihr Gründer Jimmy Wales wurde als Visionär und als "Diderot aus Alabama" gefeiert, die Wikipedia mit Preisen bedacht, Internetkonzerne buhlten um Partnerschaften mit dem Projekt, dessen Ansehen wuchs und wuchs.
Nun scheint eine Wende einzutreten. Auslöser ist ein Wikipedia-Eintrag über John Seigenthaler Senior, den pensionierten Redakteur und Ex-Assistenten von Robert Kennedy. Leider waren Teile davon erfunden, und nicht gerade unwesentliche. 132 Tage lang konnte man in der Wikipedia nachlesen, dass Seigenthaler in die Ermordung von John. F. Kennedy verwickelt gewesen sei, auch wenn man ihm nichts beweisen könne. Seigenthaler selbst stieß als erster auf diesen Artikel und machte seiner Empörung in der Zeitung USA Today Luft. Viele andere Medien übernahmen die Kritik. Im CNN - Interview geriet der mittlerweile medienerfahrene Wales ungewohnt in die Defensive, das britische Online-Magazin The Register nutzte die Gelegenheit, der Wikipedia-Gemeinde systematische Betriebsblindheit vorzuwerfen, die New York Times berichtete ausführlich.
Warum aber erzeugte gerade dieser eine Artikel - einer von Millionen - dermaßen viel Aufmerksamkeit? Zum einen ist es die Person Seigenthalers. Heftige Kritik ist man bei Wikipedia gewohnt, aber meist kommt sie von Minderheiten, die ihre Positionen nicht angemessen in der Enzyklopädie vertreten fühlen, von enttäuschten Wikipedianern, Querulanten - oder von der kommerziellen Konkurrenz. Der honorige 78jährige passt in keine dieser Schubladen.
Zum anderen aber wurde aus diesem Eintrag eine internationale Affäre, weil der große Knall überfällig war. Im Erfolgstaumel hatten die Wikipedianer das Qualitätsproblem auf die lange Bank geschoben. Sie verließen sich darauf, dass sich schon alles richten werde, wenn nur genug Mitarbeiter an den Artikeln weiterschrieben. "Viel hilft viel" - so könnte man eines der Grundprinzipien der Wikipedia beschreiben. Ihr Erfolg hängt davon ab, dass die Zahl der wohlmeinenden und korrekten Beiträge die der inkorrekten und bösartigen Texte überwiegt, und dass auf diese Weise die Qualität der Artikel immer weiter ansteigt. Solange, bis man eines Tages eine gedruckte Ausgabe der Wikipedia herausgeben könnte, die der Encyclopaedia Britannica und dem Brockhaus Paroli bietet.
Inzwischen stellt sich aber heraus, dass viele Köche den Brei auch verderben können. So verkündete Projektgründer Jimmy Wales im Oktober erschrocken auf einer Mailingliste, dass die Artikel über Jane Fonda und Bill Gates zu "unlesbarem Müll" verkommen waren - trotz oder gerade wegen Hunderter von Überarbeitungen.
Gerade wegen des stürmischen Erfolgs der Enzyklopädie - sie gehört zu den meistbefragten Webseiten des Internets - mussten unablässig neue Server in Betrieb genommen und Kooperationspartner gewonnen werden; die Technik hinter der Webseite durfte ebenfalls nicht stehenbleiben. Eine wachsende Zahl von Lesern verließ sich unbesehen auf Wikipedia-Informationen - ungeachtet der Hinweise, die Artikel kritisch zu lesen und Fehler zu korrigieren. Wikipedia-Artikel landen in Suchmaschinen wie Google und Yahoo sehr oft an erster Stelle.
- Datum 14.12.2005 - 12:26 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 12.12.2005
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Zu erstaunlich, das sich der "Mr.Check" offensichtlich ausschiesslich auf Dienste des Bibliographischen Institut bezieht (Duden, Brackhaus). Das hinterläßt bei dem ganzen Bericht einen faden Beigeschmack.
Das man einen Artikel in der Wikipedie schlecht zementieren kann ist bekannt. Ebenso ist bekannt, das sich Hunderttausende von Artikeln sich nicht von einem kleinen Häuflein engagierter Benutzer unter Kontrolle halten läßt. Zumal jeder einzelne Benutzer seine eigenen Favoriten hat.
Je "schwammiger" das Gebiet ist, um das es geht, desto eher werden Artikel aus diesem Gebiet "verdorben", wie es die "Zeit" so schön ausdrückt.
Als gegenteiliges Beispiel läßt sich der Bereich der Mathematik nennen. Auch hier ist nicht alles "heile Welt", aber man hat die Artikel dieses Bereichs so ziemlich unter Kontrolle.
Hat das das Bibliographische Institut auch? Ich entsinne mich, kürzlich in einem Buch, ich meine es war ein Mathematik-Duden, gelesen zu haben, das Pseudoprimzahlen Carmichael-Zahlen sind. Nun sind Carmichael-Zahlen tatsächlich Pseudoprimzahlen. Aber es sind nicht die einzigen Arten von Pseudoprimzahlen. Es gibt da unzählige andere. Aber das ist dem Bibliographischen Institut wohl nicht relevant genug.
Gruß, Arbol01
Ihr sogenannter Skandal hat sich schon lange aufgelöst! Der Täter hat sich gemeldet und hat sich für seinen "Scherz" entschuldigt.
Natürlich gibt es jede Menge Fehler und Fehlerquellen in Wikipedia (und nicht nur durch die Organisationsform) aber auch in anderen Enzyklopädien. So schreibt Nature am 14.12.2005:
Jimmy Wales' Wikipedia comes close to Britannica in terms of the accuracy of its science entries, a Nature investigation finds.
... eight serious errors, such as misinterpretations of important concepts, were detected in the pairs of articles reviewed, four from each encyclopaedia. But reviewers also found many factual errors, omissions or misleading statements: 162 and 123 in Wikipedia and Britannica, respectively.
Rufen Sie jetzt auch einen Britannica Skandal aus?
Zu Themen von denen ich meine etwas zu verstehen, käme ich nie auf die Idee eine Enzyklopädie als Autorität zu nutzen. Und für Themen die ich nicht verstehe, nutze ich das was dort steht, als Ausgangspunkt ...
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