WM 2006 Mullahs hassen Fußball

Was für ein unsinniger Vorschlag, den Iran von der Weltmeisterschaft auszuschließen! Ein Kommentar

Als die iranische Fußballnationalmannschaft sich am 9. Juni für die Weltmeisterschaft qualifizierte, herrschte Ausnahmezustand im Iran. Hunderttausende strömten in die Straßen von Teheran. In persischer Tradition wurden Süßigkeiten verteilt , bis tief in die Nacht feierte und tanzte das Volk. Und siehe da: Die islamistischen Regeln galten ihm nicht viel. Junge Frauen legten ihre Schleier ab. Damals war Chatami noch Präsident, er feierte mit.

Heute ist alles anders, und die Erinnerungen an die Straßenszenen des 9. Juni sind dem gegenwärtigen  Präsidenten unerträglich. Feiern, tanzen, Freude und Begeisterung, das alles verstößt nicht nur gegen die islamischen Gesetze, wie sie Machmud Achmadinedschad versteht, nein, derlei  gefährdet auch das Regime. Wer weiß schon in einer unterdrückten Gesellschaft, wohin Freiheitsausbrüche führen?

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Wegen seiner wiederholten antisemitischen Ausfälle forderten am Mittwoch einige Politiker den Weltfußballverband FIFA auf, den Iran von der Weltmeisterschaft auszuschließen. "Ein Land mit einem solchen Präsidenten, der das Land in die Isolierung treibt, hat bei der Fußball-Weltmeisterschaft nichts zu suchen", sagte Angelika Beer, EU-Abgeordnete der Grünen, im RBB-Inforadio. Der Co-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, schlug ebenfalls vor, den Ausschluss Irans von der WM zu prüfen: "Das würde eine ernsthafte Debatte im Iran auslösen."

Die Vorstellung, diese Bedrohung könnte eine „Debatte auslösen“ – in welcher Öffentlichkeit? – oder Achmadinedschad beeindrucken, gar beeinflussen, ist naiv, um das Mindeste zu sagen. Jeder Tag bringt einen weiteren Beweis dafür, dass Achmadinedschad sich nicht um die Warnungen des Westens schert, gleich, ob es um Atomrüstung oder Antisemitismus geht. Nichts kann ihn von dem Ziel abbringen, das Erbe des Ajatollah Khomeini anzutreten und die muslimische Welt unter seine Führung zu bringen. Was die muslimischen Massen empfinden, das ist ihm wichtig, und nicht, was Regierungen äußern. Demagogie, nicht Diplomatie, das ist sein politisches Prinzip. Achmadinedschad weiß genau, dass seine Äußerungen zu Israel von einer Mehrheit in den muslimischen Ländern begrüßt werden.

Das ist kein zwingendes Argument gegen Sanktionen, denn Achmadinedschad befindet sich inmitten eines Machtkampfes zwischen unterschiedlichen konservativen Fraktionen des Herrschaftssystems, und es mag sein, dass wirtschaftliche Sanktionen seine inneriranische Stellung schwächen würden.  Aber ein Ausschluss aus der WM? Der würde nicht die Privilegierten treffen, sondern das Volk, dem das Regime ohnehin jede Freude und Lust untersagen will. Ist es denn nicht sonnenklar, dass den iranischen Hardlinern diese WM unheimlich ist?

Vielleicht liegt's an der Jahreszeit. Die nachrichtenarmen Tage beginnen. Da kann man sich mit Abstrusitäten bemerkbar machen; die Grünen sind in dieser Disziplin keineswegs Mittelmaß.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Ausschluss Irans von der WM 2006 kann nur dazu führen, dass die Nachrücker-Nation dann Weltmeister wird, so wie Dänemark, dass für die von der EM 1992 ausgeschlossenen Jugoslawen Europameister wurde.

  2. 2. lustig

    Das Zitat "Die Vorstellung, diese Bedrohung könnte eine 'Debatte auslösen' – in welcher Öffentlichkeit? [...] ist naiv,[...]" finde ich sehr lustig da leider zutreffend.

    Nennt man das jetzt "Winterloch"?

    • wpaul
    • 16.12.2005 um 13:30 Uhr

    ....das wäre blind und grotesk!!!! Fussball ist doch unpolitisch, und wenn, dann eher ein Stück westliche Welt!
    Man würde den Mullahs einen Gefallen tun mit dem Ausschluss!!!
    Es sind, bitte schön, nicht alle Iraner böse, also wer würde bestraft?
    Paul

  3. Ich als Iraner kann das ganze sehr gut beurteilen. Die Menschen unter dem Druck des iranischen Regimes. Ich weiss selber sehr gut, dass die Menschen keinesfalls hinter den Aussagen der Regierung steht, zumindest der größte Teil nicht. Leider wird es in den Medien immer so dargestellt, als würde das ganze Volk hinter diesen Aussagen stehen, eigentlich traurig.
    Kurz gesagt, mit einem Ausschluss würde man dem wahren iranischen Volk wehtun, den weltoffenen und toleranten Menschen des Iran, die nichts mit der Regierung zutun haben und schon keine eigene Meinung äussern dürfen.

  4. Auf der einen Seite möchte man sagen, dass es ungerecht ist, der Bevölkerung ein solch lang erwartetes und wichtiges Ereignis vorzuenthalten, zumal es den Mullahs suspekt ist.
    Auf der anderen Seite ist die Überlegung Daniel Cohn-Bendits in jedem Fall bedenkenswert. In einer Fussballbegeisterten Nation wie dem Iran ist es trotz der starken staatlichen Kontrolle wahrscheinlich, dass es zu einer größeren Diskussion kommt, wenn ein WM-Ausschluss erfolgt. Und man darf die Wirkung solcher Diskussionen nicht unterschätzen.

    Da man aber niemals im Vorhinein sagen kann, wie sich die Wirkung einer solchen Diskussion im Endeffekt bemerkbar macht (muss ja nicht unbedingt positive Folgen haben...), bin ich persönlich gegen eine politische Instrumentalisierung der Fußball-WM. Auch wenn der Iran dies tut.

  5. Also ich finde man müsse sich die situation der menschen sehen und versuchen ein bisschen empati durch zu führen...
    also wenn du hier "nur" eine WM zu verliehen hast und das Paradis zu gewinnen hast....dann würde dass jeder so machen ...... IHR bestimmt auch...
    egal ob man jetzt nicht muslimisch denken kann..... aber respekt vor den glauben....

    • wpaul
    • 16.12.2005 um 20:16 Uhr

    es gibt nun mal verschiene Glauben,
    ich habe Respekt vor Menschen, vor allen Menschen, nicht vor einem Glauben, tut mir schrecklich leid. Das Zauberwort heist Menschenliebe, Toleranz?
    Und Fussball hat weder was mit Politik, noch was mit Glauben zu tun (soviel ich weis), Fussball erfreut Menschen, mehr nicht.
    Gruss
    Paul

  6. Fußball ist für die iranischen Bürger einer der wenigen 'Channels' zum westlichen Kulturkreis.

    Ein Ausschluß des Irans von der WM 2006 steht bei der FIFA in Zürich wohl nicht zur Debatte. Deshalb muß über diese Idee und eine Entscheidung gegen die iranischen Bürger nicht länger diskutiert zu werden.

    Die FIFA hatte schon immer ihre eigenen Grundsätze. Sonst würde diese weltumspannende Organisation nicht funktionieren und es käme z.B. noch auch der Vorschlag auf den Tisch, die USA wegen des völkerrechtswidrigen Krieges gegen die Bürger des Iraks von der Fußball-WM auszuschließen.

    Mein Vorschlag würde deshalb lauten, hohen Repräsentanten der Regierungen des USA und des Irans den Zutritt als Zuschauer zu einem WM-Spiel strikt zu verwehren.

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  • Quelle (c) ZEIT online, 16.12.2005
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