MUSIK 2005 (9) Stiller Alarm, immer nie wieder

Bloc Party aus England und Supersystem aus Amerika: Über stilprägende Bands, ihre Vorgänger und Widersprüche

In einer äußerst nutzlosen Statistik stand kürzlich zu lesen, dass die Band The Strokes insgesamt mehr „Produkte“ verkauft habe als David Beckham „T-Shirts“. Es gibt auch andere Methoden, um den Einfluss des New Yorker Quintetts auf nachwachsende Musiker darzustellen. Eigentlich reichte dafür schon ein Blick auf die erfolgreicheren Independent-Rock-Bands der letzten Jahre, von denen sich viele auf die Klang- und Körperästhetik der Strokes beziehen.

Dabei sind die Strokes selbst ein Phänomen des Rückwärtigen gewesen. Ihre Debütplatte Is This It (2001) war eine dreiste, aber auch reflektierte Annäherung an ein Stilvokabular, das seither wieder aufgeblüht ist: Die Metropolen wimmeln nur so von jungen Menschen mit wirrem Haar und engen Cordjacken, denen die Herkunft all der Referenzen aus Punk und Wave reichlich egal ist, weil sie ihrer aus zweiter Hand habhaft wurden, zum Beispiel durch den Erwerb eines Strokes-„Produkts“.

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Es wäre gewiss ungerecht und sogar falsch, die Londoner Band Bloc Party als Epigonen des New-York-Sounds abzutun, schon weil auf ihrer ersten Platte Silent Alarm der verhallte Inselgeist Britanniens mitschwingt. Bloc Party kochen auch kein transatlantisches Zitatsüppchen. Was sie tun, ist viel einfacher: Sie drücken sich aus, unmittelbar und frei, und bedienen sich aller Mittel, die ihnen dazu geeignet erscheinen. Silent Alarm ist ein hochenergetisches und zugleich feines Werk – das nun einmal gelegentlich nach Gang of Four, Blur oder The Strokes klingt. Als Postskript sei erwähnt, dass die femininen Knabenkörper der Bloc Party-Mitglieder längst selbst zur Projektionsfläche geworden sind, so dass „ihr“ Stil bereits in die nächste Runde der Punkrock-Nachlassverwaltung einsickert. Faites vos jeux.

Auch die Gruppe Supersystem aus Washington D.C. hätte das Zeug zum Vorbild und dass ihr furioser Einstand Always Never Again ein Schattendasein fristet, ist mit der Kleinheit ihrer Plattenfirma nicht hinreichend erklärt. Wären Supersystem schon am Firmament der Großen angekommen, gleich neben den Strokes, dann würden sie ihren Nachahmern als ein reflektierender Fixstern leuchten. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: An jedem Ort, den Supersystem dieses Jahr bespielten, brannte sofort die Hütte, und die eher spärlich Anwesenden waren froh, genug Platz zum Tanzen zu haben. Aber Supersystems rotziger Electropunk kennt seinen Ursprung, und jede durchgeschlagene Bassdrum hat ihren Platz in der Echokammer der Geschichte.

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