USA Keine Folter, nirgends

Senator McCain setzt sich gegen Präsident Bush durch: Das Folterverbot kommt. Ein großer Moment für Amerika und die westliche Welt

Fast sechs Wochen hat der Kampf der Giganten gedauert. Die beiden Größen des amerikanischen Konservatismus im Duell, George Bush gegen John McCain, Präsident gegen Senator - wann kann man so etwas je erleben? Donnerstagnachmittag nun die Entscheidung: McCain setzt sich durch. Zu besichtigen ist die schwerste Niederlage des Präsidenten seit seiner Amtseinführung.

Bush selbst hat es dazu kommen lassen. Er ist sehenden Auges hineingelaufen in sein Verderben. Glaubte, sich gegen McCain und 89 andere Senatoren durchsetzen zu können. Seit Mittwoch auch gegen den erklärten Willen einer großen Mehrheit der Abgeordneten im Repräsentantenhaus. Vor allem gegen eine große Mehrheit in der eigenen Partei. George Bush hat sich überschätzt und nun den Rückzug angetreten.

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Worum geht es?

Um nichts weniger als das Folterverbot. McCain wollte es, Bush wollte Ausnahmen. Die CIA sollte im Ausland dürfen, was niemand sonst darf. Dazu wird es nun nicht kommen. Amerika hat seinen Präsidenten gestoppt. Nicht an irgendeiner Stelle, sondern an einer, die bestimmt, was das Wesen Amerikas ist. Die Ankündigung, dass McCain sich fast vollständig durchgesetzt hat, ist ein wichtiger Moment auch für den Westen und seine Idee von den universellen und unveräußerlichen Menschenrechten. Das ist nach den amerikanischen Verwirrungen und Dramen der vergangenen Monate nicht wenig.

Zu verzeichnen ist ein mächtiger Erfolg der konservativen Opposition. Überall in den Ministerien und Behörden haben Beamte Widerstand geleistet gegen Bushs Politik. So ist die Fülle der Indiskretionen zu erklären, mit denen die Presse gefüttert wurde. Nur so sind die jüngsten Folter-Skandale ans Licht gekommen. Sie sind Produkt der Washingtoner Aufräumarbeiten. Die illoyalen Beamten haben mutig gehandelt und sind ihrem Gewissen gefolgt. Die Presse hat ordentlich gearbeitet. Und endlich hat sich auch der Kongress ermannt, angeführt vom Mann mit der größten moralischen Autorität: John McCain, der einst in Nordvietnam selbst gefoltert wurde. Unter seinem Druck war schon in den vergangenen Wochen zu beobachten, wie das Weiße Haus zur Insel wurde. Prinzipientreue hat am Ende über Parteiloyalität gesiegt. Der Kongress lebt.

Niemand will Amerika als Folter-Staat sehen, am wenigsten die Amerikaner selbst. Viele ertragen es kaum, von der Welt als notorischer Menschenrechtsverletzer gesehen zu werden. Mit Amerikas demokratischem Idealismus ist der dauernde Folterverdacht nicht zu vereinbaren. Wer sich als Sendbote von Demokratie und Freiheit versteht, darf andere nicht quälen. Wer vom extremistischen Islamismus in einen Kampf der Ideen verwickelt wird, kann nur mit Hilfe überlegener Werte gewinnen. Mit der Vorstellung, Amerika sei etwas Besonderes und brauche sich nicht an jene Regeln zu halten, die für alle anderen gelten, lässt sich auf Dauer kein Staat machen.

Präsident Bush hatte angekündigt, gegen das McCain-Gesetz ein Veto einlegen zu wollen. Es wäre das erste seiner Amtszeit gewesen - ausgerechnet in der Folterfrage. Doch zunächst hatte der Senat im Oktober ein machtvolles Zeichen gesetzt: Bei nur neun Gegenstimmen stimmte die Kammer McCains Gesetzesvorschlag zu. Die Abstimmung im Repräsentantenhaus vermied die Führung des Hauses, um dem Präsidenten eine weitere Blamage zu ersparen. Doch als wochenlange Verhandlungen McCains mit dem Weißen Haus nicht zu einer Einigung führten, griff das Repräsentantenhaus am Mittwoch zu seinem wirkungsvollsten Mittel. Es stimmte ab. Die meisten Republikaner wandten sich gegen ihre Fraktionsführung und sogar gegen ihren eigenen Präsidenten. Nur so lässt sich das Ergebnis von 308 zu 122 für das Folterverbot erklären. Das Ergebnis zeigt, dass auch im Repräsentantenhaus eine Zweidrittel-Mehrheit gegen Bush steht. Jedes Veto wäre damit zum Scheitern verurteilt. Mit dieser Machtdemonstration gegen den Präsidenten war dessen Bemühung um Ausnahmen für die CIA gescheitert.

Einige der umstrittenen Verhör-Methoden werden jetzt "ganz klar illegal", meint Tom Malinowski von Human Rights Watch . Gemeint sind etwa Schein-Ertränkungen, Schlafentzug, Kälte oder Nacktheit. Das McCain-Gesetz übernimmt wesentliche Sprachregelungen der Genfer Konvention in amerikanisches Recht. Und doch ist das Gesetz nicht perfekt. Es gibt Schlupflöcher und Unklarheiten. Verhörpersonal soll sich fortan nur noch so verhalten, wie es das Armee-Handbuch erlaubt. Doch das Armee-Handbuch wird gerade überarbeitet. Man munkelt von einem Geheim-Anhang über die erlaubten Verhör-Methoden. Wie wirksam das McCain-Gesetz wird, hängt also davon ab, was im neuen Armee-Handbuch steht. Im letzten Moment der Verhandlungen hat McCain sich zudem auf einen Kompromiss eingelassen, um Bush nicht wie einen Kapitulanten aussehen zu lassen. Danach wird für Verhörpersonal ein Verbotsirrtum eingeführt: Wer glaubte, rechtmässig zu handeln, kann womöglich der Strafverfolgung entgehen. Juliette Kayyam von der Harvard Universität weist auf weitere Schwächen des McCain-Gesetzes hin: keine Berichtspflichten gegenüber dem Kongress, keine Möglichkeit der Schadenersatz-Klage. Alles ist ein wenig schwammig.

Aber hier geht es nicht um die Details eines Gesetzes. Hier geht es um ein Prinzip. Amerikas Gesetzgeber hat vor seinem Präsidenten eine Linie gezogen: bis hierher und nicht weiter. Das kommt einer Rebellion gleich. Sie war lange überfällig.

 
Leser-Kommentare
    • lejuge
    • 16.12.2005 um 12:45 Uhr

    Unser Innenminister will die Foltergeständnisse vor Gericht nutzen. Schâuble ist unsere Schande.

    www.leikulturevolution.de

  1. "...after signing the legislation into law with no ceremony at his Texas ranch, Mr. Bush issued an accompanying "signing statement" that Democrats and some Republicans say asserted that he could ignore the law if he wished." ("For President, Final Say on a Bill Sometimes Comes After the Signing", The New York Times)

    • wpaul
    • 16.12.2005 um 12:48 Uhr

    .....es ist ein Sieg der öffentlichen Meinung gegen Gewalt, mehr (noch) nicht.
    Frohe Weihnacht!
    Paul

  2. Keine Folter, und--man staune--kein Wort zum Thema Irakwahl, einem bahnbrechenden Ereignis, welches fuer obigen Autor und seine uebrige Leserschaft angeblich von keinem Interesse ist. Es mag wohl sein, dass jener Beschluss des US-Senators, seiner Kollegen im Senat und der jetzigen Administration mit Vorbedacht als "grosse Chancen" angesehen wird, zumindest in dem links-fokussierten Deutschland, traurig aber, und fuer mich unverkennbar erstaunlich (!!!) ist es, dass dieses Blatt KEIN EINZIGES WORT zum dem erdbebenartigen Phaenomen in Bagdad spendiert, und zwar zur Wahl. Wie blind kann man in Hamburg sein? Sind die dort auf dem Mond? Es waehlten jetzt Millionen gegen Gewalt, gegen einen Massenfolterer--Saddam u. Co.--und Sie, die Redaktion dieser Zeitung, verschwendet keinen Augenblick damit. Will man den grossen Folterer sehen, so sollte man sich mit Saddam auseinandersetzen. Aber wohl gar nicht: er ist uninteressant. Ein deutscher Staatsbuerger angeblich von der CIA gefoltert ist schon schlimm, und aber die Unzahlen von irakischen Opfer Saddams??? Wo sind die Beitraege ueber sie, ueber ihre Erfahrungen? Ach ja, das meinige Thema: Und auch kein Wort.

  3. aber es ist wenigstens verabschiedet worden. Nach all den Jahren des Opportunismus und der unerträglichen religiös verbrämten Bigotterie mit Kriegen, Flächenbombardements und Guantanamo Bay hat sich Amerika wieder als demokratischer Staat gezeigt. Eine Eigenschaft, die amn sich von vielen europäischen Staaten auch wünschen würde. Das Gesetz selbst wird Guantanamo nicht beenden, es wird die Geheimgefängnisse nicht auflösen und auch Folter generell nicht verhindern, aber es kann zumindest helfen, die grundlegensten Menschenrechte für Gefangene einklagbar zu machen. Während deutsche Leitartikler Folter in der Praxis gerne zum Usus machen würden, zeigen die USA, dass die Demokratie selbst von einem Bush nicht völlig außer Kraft gesetzt werden kann. Danke John McCain.

  4. Wenn man jetzt erwartet, amerikanische Agenten werden sich ab sofort an alle gültigen Gesetze halten, so wird man mit sicherlich früher oder später enttäuscht werden. Sie werden bestimmt bemüht sein die offensichtlichen, in den meisten Ländern der Welt illegalen, Aktivitäten unter einem dichteren Deckmantel des Schweigens und der Geheimhaltung zu verbergen, doch einstellen werden Sie sie nicht.

    Allerdings ist es wirklich beachtenswert, dass nach langer Stillhaltezeit endlich auch die politische Klasse der USA eine der zahlreichen Fehlentscheidungen einer menschenverachtenden, verantwortungs- und skrupellosen Lobby-Regierung erkennt und dagegen vorgeht.
    Auch wenn weiterhin erstaunlich ist, warum die Demokraten Schwächen von Bush jr. und seinen Mitarbeitern, die einem ja quasi schon dutzendfach ins Auge springen, nicht besser zu nutzen verstanden und verstehen (schließlich war es ein republikanischer Senator, der das besagte Gesetz eingebracht hat und die Demokraten verhalten sich auch sonst ziemlichg still im Senat, wie im Kongress...).

    Aber wenigstens haben die vielen Bürger der Staaten, die sich ebenfalls nicht mit einer Wirtschaftsmarionette als Präsident zufrieden geben wollen jetzt einen kleinen Grund zur Hoffnung.
    Vielleicht wird die politische Lage ja wenigstens für amerikanische Verhältnisse wieder normal. Zu wünschen wäre es der amerikanischen Bevölkerung, genauso wie der dieses Planeten...

  5. Begeisterung und Zuversicht des Autors vermag ich nicht zu teilen. Allein die von ihm benannten Mängel dieses Gesetzes lassen demjenigen einen weiten Spielraum, der willentlich nach Wegen sucht, Folter praktizieren zu können.
    Wieso ist es eigentlich so schwer klare Worte zu finden, bei der Formulierung eines Gesetzes das die angeblich existenziellen Prinzipien unseres Wertesystems schützen soll?
    Wieso bedarf es einer Ausnahmeregelung wie dem "Verbotsirrtum"? Und wieso betonen die USA, dass sie von nun an (und eigentlich ja schon immer) strikt an die Genfer Konvention halten, wenn doch die letzte Instanz das amerikanische Armeehandbuch ist?
    Es erscheint wenig erstaunlich das Präsident Bush letztendlich seinen Widerstand gegen dieses Gesetz aufgab, als er denn erkannte, dass diese vermeintlichen Fessel eher ein löchriges Netz ist.

    • gorgo
    • 16.12.2005 um 16:40 Uhr

    Langfristig fördert jedes Zurückweichen gegenüber Folterforderungen und in anderen demokratischen Grundsatzfragen "den" Terrorismus, weil ein Klima geschaffen wird, in dem der ständig wieder hervorgeholte "Dreck am Stecken des Westens" ohnehin mißtrauische Mehrheiten in nicht-westlichen Ländern und Kontinenten weiter und weiter in Indifferenz und Ablehnung zu demokratischen Lebensformen treibt. Demokratie überzeugt nicht, wenn sie im Zweifelsfall aussetzbar ist. Wer letzteres aber immer wieder vorführt, der verhindert langfristig, dass Demokratie je als Attraktion zur Erweiterung der eigenen Lebensform erlebt wird oder gar als echte Alternative zur Misere der Korruptokratien wahrgenommen werden kann. Nicht nur durch Abu Graib, sondern den illegalen Krieg im Irak und andere Ereignisse ist in den letzten Jahren kontinierlich und systematisch Demokratieskepsis und -ablehnung unterfüttert worden - dies ist aber das Klima, in dem kleine Minderheiten von Fanatikern aktiv werden, weitere Minderheiten fanatisieren und stille Mehrheiten nutzen können.

    Diese Entwicklungen werden in einer militärischen Logik von "Wir oder Sie" ausgeblendet. Sitzen wir nicht Heldenrettungsphantasien auf a la "wenn General X nicht in acht Stunden die Informationen aus dem Terroristen holt, sterben die Geiseln..."? Wann war das eigentlich jemals der Fall? Zwar kann niemand ausschließen, dass durch Folter Leben irgendwann irgendwo gerettet werden konnten oder werden - aber wo, wann, wie oft und mit welchen langfristigen Kosten (sei es für die durch die Verwischung der moralischen Grenzen möglichen nächsten Opfer der Hydra, sei es für die Demokratie als solche!!) war dies tatsächlich der Fall? Verräterisch, dass in der Folterdebatte danach nie gefragt wird! Macht man sich aber das Ausklammern dieser fundamentalen Fragen klar, dann tun sich derer neue auf: Für welche Zwecke sonst mobilisiert der Profolterdiskurs eigentlich Mehrheitenängste (und nicht selten - rassismen!) in Europa und USA?

    Moralische Labilität und Kurzsichtigkeit gehen in dieser Diskussion also gefährlich miteinander einher. Foltergegner dürfen sich nicht in die Ecke des sanften Moralsausens stellen lassen, sondern klarstellen, dass wir alle ein vitales Interesse daran haben, ein klares, unzweifelhaftes und unüberhörbares Nein zu jeder Folter auszusprechen.

    Den Irakkrieg durch die Wahlen jetzt - wichtig, erfreulich und tatsächlich komplett "unterberichtet" - nachträglich zu legitimieren passt übrigens in die oben geschilderte Militärlogik bestens. 30 000 getötete irakische Zivilisten, mehr als 2000 amerikanische und britische Soldaten kommen in der Email des Herrn nicht vor, der auf die "Verdienste" der Bush-Administration in diesem Zusammenhang hinwies!

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  • Quelle (c) ZEIT online, 16.12.2005
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