gesundheitskampagne Raucher töten

Das Deutsche Krebsforschungszentrum macht Politik gegen das Passivrauchen. Leider bedient sich das Institut dafür zweifelhafter Botschaften – und einer Studie, die keine ist

Das klang alarmierend: "An den Folgen des Passivrauchens versterben in Deutschland derzeit jährlich vermutlich 3300 Menschen. Das sind mehr Todesfälle als gegenwärtig pro Jahr in Deutschland durch illegale Drogen, Asbest, BSE und SARS zusammen." Mit dieser düsteren Verlautbarung fand das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg vergangene Woche überall Gehör. Kaum eine Zeitung, die nicht sinngemäß über eine neue "Studie" der hochangesehenen Forschungseinrichtung berichtete, häufig gleich auf der Titelseite. Widerhall fand die Schreckensnachricht auch im Fernsehen, zum Beispiel in der Tagesschau. Und selbst die Bundesregierung beeilte sich, das Thema "ernst zu nehmen", was hätte sie auch anderes tun sollen: Wenn laut DKFZ 35 Millionen erwachsene Nichtraucher durch toxische und krebserregende Stoffe im Tabakrauch einer "Gesundheitsgefährdung mit Todesfolge" ausgesetzt sind, kann die Politik nicht einfach woanders hingucken.

In die so genannte Studie hineingeguckt hat aber offenbar auch niemand - weder die Journalisten noch jene Politiker und Fachgesellschaften, die in den darauffolgenden Tagen die Botschaft des DKFZ verbreiteten. Sonst wäre ihnen eines aufgefallen: Von den "vermutlich 3300 Toten", die - wären sie ein Faktum - etwa 0,3 Prozent aller jährlichen Todesfälle in Deutschland ausmachen, entfallen 2108, also 64 Prozent, auf Menschen im Alter von 75 und mehr Jahren. Besonders ausgeprägt ist diese Verteilung unter jenen Passivrauchern, die laut DKFZ durch den unfreiwillig eingeatmeten Dunst an einem Schlaganfall sterben: 72 Prozent der mutmaßlichen Opfer wären, wie sich aus den DKFZ-Unterlagen ergibt, älter als 75 Jahre alt. Im Fall der koronaren Herzkrankheit hätten, den Schätzungen zufolge, von 2148 der Betroffenen immerhin zwei Drittel bereits dieses hohe Alter erreicht - bevor die Folgen des Passivrauchens sie dahinraffen.

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Falls der Tod dann wirklich noch eine Folge des Passivrauchens ist. Das DKFZ legte seinen Schätzungen unter anderem die Annahme zugrunde, dass das Risiko ehemaliger Raucher für eine Koronare Herzerkrankung binnen kurzer Zeit wieder auf das Niveau sinkt, dem auch Nichtraucher ausgesetzt sind. Und deshalb haben die Verfasser des DKFZ-Papiers die Ex-Raucher einfach den Nichtrauchern zugeschlagen. Das aber verfälscht die Statistik. Eine ausgebildete Arteriosklerose beispielsweise ist, sobald vorhanden, nicht mehr rückgängig zu machen; ein 50-Jähriger, der zwanzig Jahre lang starker Raucher war, hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereits geschädigte Gefäße - und wird als Passivraucher deshalb zehn Jahre später ein höheres Risiko für eine Koronare Herzerkrankung tragen als jemand, der nie eine Zigarette angerührt hat.

Doch von einer klinischen oder epidemiologischen Untersuchung, wie sie unter der Bezeichnung "Studie" zu erwarten wäre, kann im Falle dieses Papiers ohnehin nicht die Rede sein. Zwar stellten die Autoren eigene Berechnungen zu Sterblichkeit und Erkrankungen durch das Passivrauchen in Deutschland an. Das hat vor ihnen noch niemand getan. Aber es bleiben eben alles nur Schätzungen, die durchaus Schwachstellen aufweisen. Für ihre Berechnungen mussten sich die Wissenschaftler viele Daten und Resultate aus bereits veröffentlichten Studien und Metaanalysen - systematischen Übersichten - anderer Arbeitsgruppen und Länder zusammensuchen, und sie mussten sehr pauschale und teilweise wackelige Annahmen zugrundelegen. Denn wie soll man beispielsweise bestimmen, welcher Passivrauchbelastung die Betroffenen tatsächlich ausgesetzt werden? Dem Rauch von drei Zigaretten oder einer Schachtel? Rund um die Uhr oder nur gelegentlich? Laut Methodenteil der Publikation verließ man sich hier hauptsächlich auf persönliche Aussagen der Passivraucher im Rahmen des Bundesgesundheitssurvey von 1998; wissenschaftlich fundierte Maßstäbe oder Daten gab und gibt es dazu nicht.

Wie mühselig die Ergebnisse kombiniert werden mussten, um die Zahl der Opfer des Passivrauchens zu schätzen, zeigt sich auch im Fall des plötzlichen Kindstods (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS): Laut DKFZ fallen ihm durch Passivrauch jährlich 60 Säuglinge zum Opfer. Grundlage der Berechnung war die Zahl der Mütter, die während der Schwangerschaft aktiv rauchen - einer zitierten Erhebung aus dem 2000 zufolge 18 Prozent. Eine acht Jahre alte Metaanalyse aus Großbritannien hatte wiederum festgestellt, dass 16 Prozent aller SIDS-Fälle auf passives Rauchen vor und nach der Geburt zurückgehen - in Großbritannien, wohlgemerkt. Daraus errechnen sich die besagten 60 Fälle. Um die Größenordnung der Opferzahl in erster Annäherung zu schätzen, mag diese Methode hervorragend geeignet sein. Aber mit solchem Zahlenwerk Genauigkeit vorzutäuschen, ist unverantwortlich, zumal: Ein Kausalzusammenhang zwischen Passivrauch und SIDS ist nicht bewiesen, er lässt sich bisher auch nicht physiologisch erklären.

Diese und weitere Unklarheiten der DKFZ-Analyse will Martina Pötschke-Langer, die Herausgeberin des 72-Seiten-Werks, aber nicht diskutieren. Die Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle am DKFZ hält die geschätzten Zahlen sogar für ein Zugeständnis, in Wahrheit läge die Zahl der Toten durch Passivrauchen "sicher viel höher". In Großbritannien seien ähnliche Analysen zu höheren Todesziffern gelangt, und dasselbe müsse eigentlich auch für Deutschland zu berechnen sein. Man habe sich aber auf konservative Schätzungen gestützt, um verlässliche Ergebnisse zu bekommen. Die bleiben zwar immer noch Schätzungen, aber dieser Umstand spielt eh keine Rolle: "Die gesundheitsschädliche Wirkung von Passivrauch ist belegt", sagt Pötschke-Langer. Deshalb müsse der Rauch verschwinden - aus Gaststätten, Zügen, öffentlichen Gebäuden und vom Arbeitsplatz. Und dann kommt sie zum Kern der Sache: "Eine rauchfreie Umgebung ist der beste Weg, die Zahl der Raucher zu vermindern."

Leser-Kommentare
    • wpaul
    • 17.12.2005 um 19:59 Uhr

    "immer diese militanten nichtraucher! werden erst zufrieden sein, wenn sie auch den letzten raucher in die wüste geschickt haben. es wird zeit sich zu wehren - bitte mal ein paar postings für das rauchen schreiben."

    dann mach doch mal, is halt ne beliebte Droge,

    vielleicht dass mehr kleine Mädchen als kleine Jungs rauchen, das wäre doch was positives, so Emanzipation und so halt....

  1. Normalerweise halte ich mich mit geäußerten Spekulationen über die Motivationen anderer eher zurück. Was mir jedoch auffällt ist, dass in der Debatte zwischen Rauchern und Nichtrauchern die gesunde Aggressivität sich schnell in nicht nur kontraproduktives, sondern auch dummes aufeinander-einhacken verwandelt, das uns alle nicht weiter bringt. Geht es nicht sachlicher? Und vor allem: konkreter?

    Ich bin Raucher. Aber ich weiß, dass meine Mitmenschen das nicht immer gerade zu schätzen wissen, also nehme ich Rücksicht. Verbietet mir ein Gastgeber das Rauchen, akzeptiere ich das ohne jeden Missmut. Stehe ich in der Nähe von Kindern oder schwangeren Frauen und kann mich nicht entfernen - vor allem in Warteschlangen, oder innerhalb zusammengedrängter Menschenmengen - mache ich die Kippe umgehend aus. Sitze ich mit Freunden und Bekannten zusammen - auch, wenn das Rauchen erlaubt ist - sehe ich zu, dass die nichtraucher möglichst wenig davon abbekommen.
    Aber an diesem letzten Punkt, das gebe ich zu, bin ich angreifbar: Denn ich k a n n gar nicht vollständig vermeiden, dass, solange ich rauche, andere es unweigerlich einatmen. Unangenehme Effekte wie dicke Rauchschwaden im Gesicht kann ich, durch die richtige Distanz und "exhalationsrichtung", vermeiden; nicht die Schadstoffe in der gemeinsamen Luft. Aber hier finde ich, im Gegensatz zu einem der Beiträge hier, dass die verschiedenen Belastungen, die wir unserer Umwelt mit unseren Gewohnheiten zumuten, durchaus etwas miteinander zu tun haben. Ich sehe nicht ein, dass bei allem Schaden, den jeder einzelne von uns anrichtet, eine einzelne Schadens-Quelle isoliert herausgegriffen und zum Ziel scheinbar berechtigter, aggressiver attacken gemacht werden darf.
    Warum muss ich mir als Raucher übelste Beschimpfungen bieten lassen, finde aber , selbst bei gewählt sachlichem Ton, nur wenig Verständnis dafür, dass die faule Bevölkerung neben mir auf der Straße Wege mit dem Auto fährt, die ich jederzeit zu Fuß gehe oder wenigstens mit den ungemütlicheren, öffentlichen Verkehrswegen fahre (ich fahre maximal 1% aller meiner Wege mit dem Auto)? Wieso dürfen mir Leute, die weniger Sport treiben, sich und ihre Abhängigen mit deutlich ungesünderer Nahrung versorgen als ich sie zu mir nehme oder die u.U. mehr trinken mich aggressiv und schulmeisterhaft über die schädlichkeit meines Lasters aufklären?

    Ich bin durchaus bereit, mich mit meinem Laster noch deutlicher einzuschränken - wenn wir dabei diese unangebrachte, moralische Asymmetrie beiseite lassen.

    Zu guter letzt noch eine Frage: ist es wirklich nötig, dass wir dieses problem mit polemischen kampagnen und Gesetzen lösen? Sind wir so unfähig, abseits davon Einverständnisse zu entwickeln?

    Bis dann, S.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Ich lese in den Kommentaren Äußerungen wie diese: "Politik und Strategie der ZEIT sind: Verhinderung, dass die volle Wahrheit über die Tabak Epidmie ans Licht kommt. Die Tabakindustrie hat das gleiche Interesse. Welche Schlüsse ziehen wir daraus?" - Es wird darin und in etlichen anderen Äußerungen unterstellt, die ZEIT habe sich (aus materiellen Gründen?) mit der Industrie verschworen. Wer so etwas hinschreibt, sollte anderen nicht "unsaubere Argumentation" vorwerfen.

  3. Jedesmal wenn klar und objektiv über die Schäden des Tabakrauchs bzw. Passivrauchs berichtet wird – die ja nunmal einzig durch Raucher an Arbeitsplätzen anderer entstehen –, werden von einigen "Angstkampagnen" gesehen.

    Wie, wenn nicht durch klare Darstellung der Tatsachen, soll man auf diese Epedimie aufmerksam machen, bzw. die Politik zum Handeln auffordern?

    140.000 Tote Tabakkonsumenten und zahlreiche in Mitleidenschaft gezogene Unbeteiligte machen jeden Tag Angst genug, warum sollte man irgendetwas davon gut heißen, oder nur an die lieben Raucher appellieren "sie sollen doch bitte bitte mal ein bißchen tolerant sein", was sie in den letzen 10 Jahren nicht waren, und auch in Zukunft nicht sein werden können?

    Nur weil es Mitbürger sind deren Sucht bzw. Ignoranz der Politik andere schädigt, ist das kein Grund nur "aufzuklären" ohne zu handeln – wo das hinführt sieht man jeden Tag in der BRD wo die "aufgeklärten" Raucher, nachdem sie die Zigarettenschachtel, auf der steht das deren Konsum die Mitmenschen in der Umgebung massiv schädigt, weiterhin unbehelligt Unbeteiligte schädigen bzw. diese nötigen entsprechende soziale Räume zu verlassen (was Arbeitnehmern gar nicht möglich ist).

    Man sollte bei der ganzen Diskussion auch mal feststellen das 14 Millionen Bundesbürger nikotinabhängig sind, und die Mehrzahl von ihnen keineswegs freiwillig raucht. Natürlich sind sie auch Opfer, nur helfen entsprechende Gesetzgebungen nicht nur Unbeteiligte zu schützen, sondern geben Aufhörwilligen auch die reale Chance aufhören zu können.

    Jeder Raucher und die Politik sind zu 100% aufgeklärt – sie wissen ob ihres Tuns und nicht tuns; Passivberauchung kann und sollte nicht von der Lust und Laune des Tabakkonsumenten, bzw. von der Toleranz eines Lokalbetreibers abhängen. Erwachsene Bürger und Angestellte des Gastgewerbes wollen selber entscheiden, und ihr Leben nicht in fremde Hände legen.

  4. Es ist durchaus Aufgabe der Medien auf schlampig ausgeführte, die öffentliche Meinung manipulierende Studien aufmerksam zu machen. Sicherlich ist der Vergleich mit Alkohol zum Schluss des Artikels sehr schwach, das macht den Artikel an sich aber nicht wertlos. Ebenso wie rechtswidrige Ermittlungsverfahren in einem Mordfall nicht zulässig sind, ist es auch nicht zulässig, die öffentliche Meinung durch Angabe von Zahlen zu manipulieren, welche auf einer fahrlässig wackeligen Basis beruhen. Dass dies kaum einer von den Kommentatoren nachvollziehen kann, erschreckt mich - Nichtraucher mit Demokratieverständnis - sehr.

    • kavau
    • 17.12.2005 um 15:54 Uhr

    Ergänzend zu den anderen Kommentaren, denen ich voll zustimme, fällt mir auf, dass in diesem Artikel die Argumentation der Tabakindustrie wiederholt wird. Dieser Artikel könnte genauso gut aus den Vorstandsetagen dieser Firmen stammen. Das sich die gravierenden Schäden durch Passivrauchen erst im Alter einstellen liegt in der Natur der Sache. Daraus "Fehler" in der Studie herleiten zu wollen ist mehr als bedenklich. Diese Argumentationstechnik wurde schon u. a. bei dem drohenden Verbot der FCKs angewendet. Grundsätzlich muss gelten: Solange keine Beweise vorliegen, dass Passivrauchen nicht gesundheitsschädlich ist, müssen Nichtraucher vor Rauchern in der Öffentlichkeit geschützt werden.
    Der Vergleich mit dem Alkoholkonsum ist einfach albern. Natürlich können durch (übermäßigen) Alkoholgenuss Dritte geschädigt werden (z. B. Kinder). Dies hat aber nichts damit zu tun, ob der Alkohol öffentlich getrunken wird oder im Privaten. Gleiches gilt für das Essen. Die Forderung lautet ja auch nicht, dass Rauchen generell verboten werden sollte.
    Mit freundlichen Grüßen

  5. immer diese militanten nichtraucher! werden erst zufrieden sein, wenn sie auch den letzten raucher in die wüste geschickt haben. es wird zeit sich zu wehren - bitte mal ein paar postings für das rauchen schreiben.

  6. Ich finde es bedauerlich, welche Ausrutscher in der Argumentation und Diskussionsführung sich in einem Zeit-Artikel finden, der sich ausgerechnet mit den unsauberen Methoden der Raucherkritiker beschäftigt.

    (1) FUD - Fear, Uncertainty, Doubt

    Natürlich ist es höchst unprofessionell, eine nicht vorhandene Studie als Hauptstütze einer Kampagne zu verwenden. Die zweifelhafte Genauigkeit der Studie ändert aber nichts an der selbst von der Autorin des Artikels bestätigten Tatsache der schädlichen Wirkung des Passivrauchens.
    Die Diskreditierung des Instituts im Artikel lenkt davon ab, daß eigentlich keine "Mindest-Mortalität" notwendig sein sollte, bevor man sich mit der Thematik befasst.

    (2) Verknüpfung von Problemen

    Mit der Aussage, ein Rauchverbot "müsste konsequenterweise ein Alkoholverbot nach sich ziehen, denn der Alkoholmissbrauch schädigt Dritte noch weitaus mehr als das Passivrauchen" bewegt sich die Autorin meines Erachtens zweifach auf Glatteis. Zum einen sollte die Tatsache, daß Alkoholmißbrauch schädlich aber erlaubt ist, niemanden davon abhalten, sich der Problematik des Passivrauchens zu widmen - die beiden haben miteinander gar nichts zu tun. Zum anderen sind viele Aspekte des Alkoholmißbrauchs, die Dritte schädigen können, z.B. Alkohol am Steuer, sehr wohl bereits verboten (ja, auch wenn man da konsequenterweise auch gleich Rauchen am Steuer verbieten hätte müssen, denn ... aber lassen wir das).

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