Glaube Rolling for Jesus
Warum ein New Yorker Taxifahrer seine Passagiere (fast) umsonst befördert
Laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft! steht in der Bibel, im ersten Brief an die Korinther. Es steht auch auf der Kopfstütze des New Yorker Taxis Nummer 3C49. Das Taxi gehört Philip Frabosilo. Er arbeitet seit 35 Jahren als Cabbie, und den Spruch hat er sorgfältig ausgesucht. Mit Kurzstrecken gibt sich Frabosilo nämlich nicht zufrieden. In Wahrheit will er seine Fahrgäste auf den Weg der Gerechten führen.
„Steigen Sie ein! Wollen Sie nach Manhattan? Ich fahre Sie für einen Dollar über die Brücke!“ So beginnt die Reise mit Philip Frabosilo, einem Bär von einem Taxifahrer, dessen laute Bassstimme auch noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu hören ist. Der Beifahrersitz seines Taxis ist nicht zu benutzen, weil er mit einem Berg von Zeitungen, Bonbons, Spielzeugen und Stofftieren belegt ist. An den Wänden hängen Fotos aus Philips Leben. Auf dem Armaturenbrett wackelt eine Jesusfigur.
Die Taxiuhr hat Philip schon länger abgeschraubt. Das ist zwar nicht erlaubt, aber bei ihm bezahlt ohnehin keiner den vollen Preis. Mal verlangt er die Hälfte des Üblichen, mal gar nichts, und das war selbst in den letzten Tagen so, als der der U-Bahn-Streik halb New York lahm legte und etliche Fahrer die dreifachen Preise einstrichen. Bei Philip kriegen manche Fahrgäste noch ein Abschiedsgeschenk in die Hand gedrückt, eine Bibel zum Beispiel, oder ein flauschiges Stofftiermonster. Dafür müssen sie nur zuhören. Zum Beispiel, wenn Philip von der Liebe Gottes in dieser gottlosen Stadt erzählt. Oder davon, wie er selber zum Glauben fand, als vor zwanzig Jahren sein Vater starb und ihm eine Bibel hinterließ. Da hat „der Herr mich bei der Hand genommen“. Zu einer Taxifahrt mit Philip gehört das dazu, obwohl er beteuert: „Wenn ich merke, dass ich jemanden störe, halte ich einfach den Mund und versuche einfach, ein ausgezeichneter Taxifahrer zu sein."
Seine Allüren haben Frabosilo im Lauf der Jahre zu einem New Yorker Original gemacht, zu einer kleinen Berühmtheit. Der 53-jährige Brooklyner Ureinwohner wurde schon im trendigen TimeOut -Magazin unter der Überschrift „Gott ist mein Kopilot“ erwähnt, die Village Voice kürte ihn etwas bösartig zum „besten Taxiprediger“ der Stadt, und Reporter aus so fernen Orten wie Philadelphia und Sao Paulo wollten schon seine Geschichte erfahren. Er hat sogar kleine Visitenkärtchen drucken lassen. „Rolling for Jesus – Stets ein Segen, niemals ein Fahrpreis“ steht drauf.
Jedenfalls will Frabosilo inzwischen Tausenden seiner Fahrgäste das Wort Gottes gepredigt und Hunderten mit Rat und Tat und Seelsorge zur Seite gestanden haben. Pastor Phil nennen sie ihn manchmal, und diesen Titel hört er besonders gern. Erst letzte Woche hatte ich dieses junge Mädchen in meinem Taxi, ein sehr hübsches Mädchen, sagt er, während er aufs Gas tritt und eine der engen Kurven nimmt, die zur Queensborough Bridge führen. Liebeskummer hat das Mädchen gehabt, und ihm von Trauer, Ängsten und allerlei bösen Gedanken erzählt. Er hat sie dann erst mal an ihr Ziel gebracht, aber dann noch eine Minute lang ihre Hand gehalten und ein ernstes Wort mit ihr gesprochen. Lassen Sie sich nicht nicht unterkriegen, hat er ihr gesagt. Sie gehen gerade durch eine tiefe Veränderung in Ihrem Gehirn.
Okay, Philip Frabosilos Theologie und seelsorgerische Praxis kommt aus dem Herzen und weniger aus dem Kopf, und das weiß er auch selber. Eine formale theologische Ausbildung oder eine religiöse Kinderstube habe ich nie gehabt, sagt er. Bis er zu Gott und zu seinen langen Lesestunden in der Bibel fand, war er ein rauer Zeitgenosse, der gerne über den Durst trank, in Schlägereien seinen Mann stand und seine Frau Judy einmal bei einem Streit an den Beinen packte und aus dem Fenster hielt. Er hatte auch schon einmal einen Pastor im Brooklyner Stadtteil Williamsburg Brooklyn dazu überredet, ab und zu eine Gastpredigt halten zu dürfen, und dabei gebrüllt und vor Enthusiasmus gezittert und geweint. Bis der zuständige Pastor ihn zur Seite nahm und sagte: Philip, Sie sind ein Wirbelsturm, aber Wirbelstürme gehören nach draußen.
Philip Frabosilo entmutigte das nicht. In seinem Taxi beförderte er von nun an kostenlos alte Damen und junge Mütter aus der Nachbarschaft, die sich den Weg zu einer Klinik oder einer Kindertagesstätte nicht leisten konnten. Er sammelte Kleider- und Sachspenden von seinen Passagieren ein, die in den Obdachlosenheimen der Stadt ablud (einige ließen ihn gelegentlich auch predigen). Er arbeitete sieben Tage in der Woche, 16 Stunden am Tag und verzichtete mitten im Zentrum des Weltkapitalismus New York auf „hundert, zweihundert, dreihundert“ Dollar Fahrgeld im Vergleich zu seinen Kollegen. Er machte seinen Fahrersitz zur Kanzel. „Für kurze Zeit genießt man als Fahrer die volle Aufmerksamkeit“, sagt er.
Auf diese Weise ist Philip nie ein wohlhabender Mann geworden. Mit seiner über 80-jährigen, pflegebedürftigen Mutter und seiner Frau wohnt er in einem bescheidenen Stadtteil von Brooklyn. Urlaub oder Extravaganzen leistet er sich nicht, aber ein Hobby hat er schon. Er angelt, fast täglich, am East River oder dessen sumpfigen Seitenkanälen, schon alleine weil „auch die Apostel Fischer und Seelenfischer“ waren. Auf den Tisch kommt so ein Fisch bei ihm höchstens einmal im Monat - „Wenn ich mehr essen würde, würde ich wahrscheinlich im Dunklen leuchten“ -, die meisten lässt er wieder frei, und andere verteilt er in der Nachbarschaft. Zum Beispiel an den Betreiber eines italienischen Cafés, der ihm im Gegenzug das ganze Jahr über kostenlosen Cappuccino braut. Oder an den Besitzer der örtlichen Total-Tankstelle, der ihm dafür kürzlich einen ganzen Packen Gratisgutscheine für McDonald’s in die Hand gedrückt hat. „Die sind gesünder, wenn man die Brötchenhälften wegpult“, berichtet er.
Bei solchen Gelegenheiten merkt Philip Frabosilo, dass der Herrgott so viel Begeisterung und Nächstenliebe gelegentlich schon auf Erden belohnt. Auch dann, wenn einzelne Passagiere ihm nach einer langen Fahrt zum Flughafen schon mal statt der üblichen 45 Dollar einen Hunderter in die Hand drücken. Häufig passiere so etwas nicht, aber erst vor ein paar Wochen habe ihm ein Tourist, den Philip geduldig den halben Tag herumgefahren hatte, ungefragt einen riesigen Packen Dollarscheine zugeschoben. Da weiß ich dann: Gott ist auf meiner Seite, sagt Philip und lacht.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online; 23.12.2005
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