Suppe essen, im Winter. Im Topf beginnen die Zutaten, ein Ganzes zu werden. „Weiße, grüne und orangene Dinge.“ Maya Angelou beschreibt den Duft. Das Warten, die Vorfreude, das Essen dann. In der Küche, während draußen der Tag vor dem Fenster zurückweicht, silbern gestreift in Regen. © Zeit online BILD

This Winter Day findet sich in den Collected Poems, ihrer ersten Gesamtausgabe, 1994. Dort steht auch ihr bekanntestes Gedicht, Caged Bird. Sie schrieb es Ende der sechziger Jahre in Erinnerung an den schwarzen amerikanischen Dichter Paul Laurence Dunbar. In dessen Gedicht Sympathy hat ein Vogel einen gebrochenen, blutenden Flügel. Und reckt sich dennoch, um zu fliegen. Er schrieb es 1899, mit 27, sieben Jahre, bevor er starb. Dunbar war umstritten, weil er die meisten seiner Gedichte in den lokalen Dialekten der schwarzen Arbeiter schrieb. Man warf ihm vor, weiße Klischees zu bedienen.

Maya Angelou, afro-amerikanische Tänzerin, Sängerin, Dichterin, Bürgerrechtlerin, Schriftstellerin und Professorin, aus St. Louis, Missouri, sieht das nicht so. Sie kann sich in seinen Gedichten wiederfinden. Sie erkannte sich darin. Ein gefangener Vogel. Als schwarze Amerikanerin, geboren 1928 im Süden der USA. aufgewachsen im Laden ihrer Großmutter, in dem sich die Arbeiter auf dem Weg zu den Baumwollfeldern trafen. Sie schreibt darüber in I Know Why The Caged Bird Sings, dem ersten Teil ihrer mittlerweile sechs Bücher umfassenden Autobiografie. Nur dieses eine ist auf deutsch erhältlich. Es erzählt von einer Kindheit im Verborgenen der Ladenregale, von Gerüchen, Waren und Gewürzen. Von flüsternden Gesprächen auf dem Dachboden und von der Härte und Kälte einer Welt, in die sie hinein gerissen wird und in der sie mit sechzehn Jahren ein Kind bekommt, ihren Sohn Guy.

Hier endet das erste Buch. Sie schrieb es 1969, überredet vom Schriftsteller James Baldwin, der sie als Künstlerin und Sängerin kannte. Und als Bürgerrechtlerin, die an der Seite Martin-Luther Kings gestritten hatte, und nach dessen Ermordung ins Nichts fiel. Baldwin schrieb später, seit seiner eigenen Kindheit hätte ihn kein Buch so bewegt wie ihres.

In Caged Bird schreibt Maya Angelou über den gefangenen Vogel, der nicht fliegen kann, weil seine Flügel gestutzt sind und seine Füße zusammengebunden. Da er nicht fliegen kann, singt er. Von Dingen, die er nicht kennt und nach denen er sich doch sehnt. Nach dem Wind in den Zweigen eines Baumes, dem Blau des Himmels. Und sein Ton wird gehört/ auf dem hinteren Hügel/ denn der gefangene Vogel/ singt von Freiheit.

Im selben Jahr, als die Collected Poems erscheinen, 1994, nimmt der Saxofonist Branford Marsalis unter dem Pseudonym Buckshot LeFonque ein Jazz-&-Hip Hop-Album auf. Er bedient sich des Namens, den vierzig Jahre vorher der Jazz-Saxofonist Julian „Cannonball“ Adderley benutzte, um Musik außerhalb des Üblichen zu machen. Auf dem Buckshot-LeFonque-Album spricht Maya Angelou ihr Gedicht Caged Bird zu Scratches von DJ Premier und über Samples von Beast Of No Nation von Fela Kuti.
Ein Jahr zuvor hatte Bill Clinton sie gebeten, zu seiner Amtseinführung ein Gedicht zu schreiben und vorzutragen. Sie schrieb das epische On the Pulse of Morning, das ebenfalls in den Collected Poems steht. Für den Vortrag bekam sie einen Grammy: „Best Spoken Word Performance“. Sie sei seine Lieblingsdichterin, sagte der amerikanische Präsident, der den Jazz mag und sein Büro inzwischen in Harlem hat.
Jetzt, zu Weihnachten, hat Maya Angelou wieder ein Gedicht vorgetragen, Amazing Peace. Abseits von den üblichen Klischees ist es ein Appell an die Welt, Frieden zu halten. To feel merry like Christmas.