spenden Gut gemeint

Nach der Tsunami-Katastrophe hat die private Spendenbereitschaft einen staatlichen Geldsegen nach sich gezogen. Keine kluge Strategie, finden Hilfsorganisationen

Ein Jahr nach der Katastrophe sind die Bilder plötzlich wieder präsent. Auf riesigen Farbfotos begegnet man in U-Bahnstationen und anderen öffentlichen Orten zertrümmerten Fischerbooten, zerstörten Häusern, überschwemmten Gärten. Doch die traurigen Momentaufnahmen nehmen stets nur den unteren Teil der Plakate ein. Darüber sieht man eine Frau, die lachend auf einem Acker mit jungen Pflanzen arbeitet, oder einen wettergegerbten Fischer auf dem Meer. „2005 Fischer, 2004 Tsunami-Opfer“ lautet der Slogan, mit dem die Deutsche Welthungerhilfe ihre Wiederaufbauleistung bilanziert.

Ein voller Erfolg also? Einerseits ja. Die internationale Nothilfe und die weltweite Solidarität mit den Flutopfern in Asien seien beispiellos und einzigartig gewesen, urteilen auch die vier großen Hilfsorganisationen Rotes Kreuz, Unicef, Caritas und Diakonie, die auf sich fast die Hälfte der privaten Spendengelder vereinigen konnten. Kein Kind sei nach der Flut an einer Seuche gestorben, fast alle Kinder gingen heute wieder zur Schule und die soziale und medizinische Grundversorgung von Hunderttausenden Menschen habe aufrecht erhalten werden können, listet der Unicef-Bericht einige der beeindruckenden Erfolge der Hilfsarbeit auf. Andererseits sei es von heute aus betrachtet eher übereifrig gewesen, dass die Bundesregierung zusätzlich zu dem immensen Spendenaufkommen von 670 Millionen Euro weitere 500 Millionen bis 2009 zugesagt habe.

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In Zukunft solle der Staat die Höhe der privaten Spenden abwarten und dann antizyklisch reagieren, forderte Caritas-Präsident Peter Neher am Dienstag in Berlin. Gemeinsam appellierten die Organisationen an die Politik, Hilfsgelder künftig flexibler zu vergeben, so dass diese dort verwendet werden können, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Zum Beispiel für Notlagen, bei denen die private Spendenbereitschaft ausbleibt.

Der entwicklungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sascha Raabe, hat für den Vorwurf des Übereifers allerdings kein Verständnis. Unmittelbar nach dem Tsunami sei nicht abzusehen gewesen, dass man möglicherweise auch mit weniger Geld auskommen könnte, sagte er ZEIT online. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, könne die staatliche Hilfe durchaus auch in anderen Regionen eingesetzt werden.

Unterfinanzierte Krisengebiete gibt es in der Tat zuhauf. Der Vorsitzenden der Diakonischen Katastrophenhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel, fallen auf Anhieb gleich mehrere vergessene Katastrophen ein. Hurrikan Stan etwa, der im Sommer in Mittelamerika gigantische Erdrutsche auslöste, die ganze Indigena-Dörfer mit sich rissen. Unmittelbar nach dem Hurrikan Katrina sei die Öffentlichkeit für neues Leid nicht mehr aufnahmefähig gewesen, sagte Füllkrug-Weitzel. Auch die Flüchtlingslager im Sudan, das vom Hunger geplagte Niger, oder die pakistanischen Erdbebenopfer fanden weit weniger Beachtung als die vom Tsunami zerstörten Regionen.

Noch immer gilt die Formel: Je weniger westliche Menschen von einem Unglück betroffen sind, je schwerer sich Europäer oder Amerikaner vorstellen können, selbst betroffen zu sein, desto geringer ist die Anteilnahme. „Hätte es sich bei den vom Tsunami betroffenen Gegenden nicht um beliebte Ferienziele gehandelt und wären unter den Toten nicht auch viele westliche Ausländer, beispielsweise auch 500 Deutsche, gewesen, wäre es nie zu diesem Ausmaß der Hilfsbereitschaft gekommen“, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters. Deswegen sei es eben umso wichtiger, dass der Staat ausgleichend eingreife, statt sich von der allgemeinen Betroffenheit mitreißen zu lassen.

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