Stoiber-Rückzug Feigheit vor dem Freund

Edmund Stoiber bleibt, wo er ist – aber er ist nicht mehr der, der er war. Ein Kommentar von

Nicht selten ist das Schönste im Leben ein Vorwand. Hinter dem kann man sich verstecken. Der erlaubt es, Entscheidungen, die man aus schlechten Gründen (oder aus einem schlechten Gewissen) längst geplant hatte, mit einem Mal in (scheinbar) ansehnliche Gründe einzukleiden. Schön, dass Edmund Stoiber einen solchen Vorwand gefunden hat. Schlecht, dass er ihn gesucht hat

Seit dem Nachmittag des 31. Oktober weiß man, dass das Projekt einer Großen Koalition in schweres Fahrwasser geraten ist. Ein politischer Kerl, stand- und schussfest, aus der Union (oder, um auch dies zu sagen, der SPD), der diese Koalition für derzeit staatsnotwendig erachtet, würde daraufhin sagen: Halt, ich stelle alle privaten Pläne und kühl kalkulierten Karriereabsichten hinter die objektiven Notwendigkeiten zurück und helfe mit allen meinen Kräften, die Sache aufs richtige Gleis zu setzen.

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Aber was macht unser bayerischer Riesenstaatsmann? Er macht sich aus dem Staub. Dafür könnte man eine Reihe von rationalen Gründen anführen, wenn man bereit wäre, sich auf feingehäkelte Karrieremuster zu beschränken. Erstens: Seine künftige Berliner Rolle ist ihm offenbar langsam zu eng erschienen, er hat gespürt, dass er eigentlich nicht so recht gemocht wird – und vielleicht hat er sogar erkannt, dass der Abstand zwischen einer Nummer 1 (Merkel) und einer Nummer 2 oder 3 doch so viel größer ist, dass man sich nicht einreden kann, es gäbe in Wirklichkeit zwei Nummern 1.

Zweitens: Er hat sich vielleicht an Franz Josef Strauß erinnert; der konnte schließlich auch aus München politisieren, ohne am Kabinettstisch immerzu jemanden mit „Herr Bundeskanzler!“ anreden zu müssen, den er nicht recht zu achten vermochte. Drittens: Vielleicht hat er sogar erkannt, dass ein CSU-Vorsitzender, dem man in München einen Ministerpräsidenten vor die Nase setzt, den er nicht gewollt hat, ein CSU-Vorsitzender zudem, den seine eigene Partei am liebsten im preußischen Berlin frieren sähe – dass der auch bald nichts Großes mehr zu sagen hat, weder in München noch in Berlin. Und nun mag auch noch hinzukommen, dass er angesichts der akuten Turbulenzen in der SPD einer Großen Koalition ohnehin keine große Lebensdauer zumisst. Soll man also für ein, zwei Jährlein in einem gerupften Wirtschaftsministerium zu Berlin eine ganze Legislaturperiode (oder gar noch mehr) in der schönen Bayrischen Staatskanzlei drangeben?

Doch gerade der letzte Punkt führt an das wahre Problem: Die Überlebensdauer einer Großen Koalition ist kein Zufallsprodukt, ist keine Frist, die eine höhere Macht gewährt. Wenn das Berliner Projekt scheitert, dann auch deshalb, weil Leute wie Stoiber, die vor dem Risiko und der Verantwortung zurückscheuen, ihre Rest-Karriere lieber gleich in Sicherheit bringen – aus einer Angst, zu der sie selber den stärksten Grund geben. Man kann das auch Feigheit nennen. Also tun wir es doch.

 
Leser-Kommentare
  1. Wir haben ja mehr von der Sorte, aber Edmund Stoiber gibt sie schon länger in Perfektion: Es geht nur um IHN, seine Wünsche würfeln die Referatszuordnung von Ministerien durcheinander, Sachargumente sind nichts, Stoiberwünsche sind alles. Sich nicht entscheiden, immer alle Möglichkeiten offenhalten, auch wenn dies der Sache schadet (sogar der der eigenen Partei, von der der Nation (wenn sie denn eine ist, oder eher ein lockerer Bund balkanischer Kleinstaaten?)ist sowieso nicht die Rede. Gott sei Dank kann man solch ein Spiel selbst in der Bunsreplik D-Land nicht beliebig lange treiben: Stoiber wird jetzt merken, daß er nicht nur in Berlin, sonder auch in München mittlerweile nur noch lästig ist.

  2. Nun hat der starke Mann aus Bayern endlich die Lederhosen
    runter gelassen. Und was sieht man........
    Schade das es kein Sozialdemokrat war der Deutschland so
    im Stich lässt?? Wir hätten mit Sicherheit eine neue Dochstoßlegende.

    FKA

  3. Was ist das doch für eine interessante Zeit in der wir heute alle leben. In 3 gegebenenfalls 4 tagen verändern persönliche Wünsche und Machtkalküle das schon sicher geglaubte Koalationsgeschehen, auf weiter Front.

    Der König von Bayern mit Verlaub das ich hier so tituliere, möchte nicht untergeordneter Minister in einer gesamtdeutschen Regierung werden, die von einer Bundeskanzlerin geführt wird.

    Frage 1: Ist Herrn Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber das zu verdenken, oder hat er nur nach nüchternen Überlegungen erkannt: "Riskiere ich meine bis jetzt erfolgreiche Führungsarbeit in Bayern, indem ich ein Amt übernehme wie das Wirtschaftsministerium innerhalb einer neuen Bundesregierung." Ein Amt wo ich in vielen Bereichen nicht uneingeschränkt entscheiden kann und mich der ich selbst ein jetzt uneingeschränkt leitender Ministerpräsident bin, als Teamarbeiter eine breite Bereitschaft haben muss, mich mit anderen Ministern zu arrangieren.

    Frage 2:Welchen Grund sollte es geben, eine Königsposition in dem erfolgreichesten Freistaat von Deutschland für eine Position aufzugeben, die mir nicht die Sicherheit gibt auch wirklich erfolgreich zu sein.

    Als der ehemalige Ministerpräsident von NRW Herr Wolfgang Clement, in das Wirtschafts und Arbeitministerium nach Berlin wechselte, hatte er sicher andere Überlegungen angestellt. Herr Clement wollte sich in de Dienst der Sache stellen und ich meine mit Recht, "Herr Wolfgang Clement hat trotz sehr vieler Herausforderungen sehr viel bewegt." Aber Herr Clement hatte vorher auch den Mut zu sagen;"ich gehe nach Berlin und bringe meine Erfahrungen ein, damit Gesamtdeutschland wieder erfolgreich wird." Herr Wolfgang Clement, wie auch der noch amtierende Bundeskanzler Herr Gerhard Schröder, haben den Mut gehabt Ihre Komfortzone zu verlassen und eine Zeichen gesetzt mit der der Agenda 2010.

    Das man ein solches großes Schiff wie die Bundesrepublik Deutschland nicht innerhalb von 2 Jahren auf den richtigen Kurs bringen kann, muss doch allen klar sein, aber was Achtung verdient hat, ist die Tatsache das man hier wahre Männer am Ruder hatte, die das Schiff auf die richtige Kursrichtung gesetzt haben.

    Die Chance ist jetzt für Herrn Ministerpräsidenten Herrn Dr. Stoiber vertan, Herr Dr. Edmund Stoiber bleibt lieber Kapitän auf seinem Bayernkreutzer, anstatt die Verantwortung des Steuermannes für den Luxusliner Deutschland zu übernehmen.

    Welche Auswirkungen das wirklich haben kann, sollten wir alle nicht unterschätzen!

    Denken wir doch einmal optimistisch und positiv, aufgrund dieses Verzichtes von Herrn Dr. Stoiber, wird sich die designierte Kanzlerin Frau Dr. Angela Merkel sicher noch ein Stück besser profilieren können. Natürlich kann es der Fall sein, das man aufgrund der Unstimmigkeiten der vergangenen Wochen, Frau Dr.Angela Merkel nicht zur Kanzlerin wählen würde. Doch dass wäre für alle die am Zustandekommen einer großen Koalation interessiert sind, das Debakel schlechthin.

    Das politische Ansehen von Deutschland, hat eh schon stark gelitten und ich bin überzeugt, keiner möchte durch ein Nichtzustandekommen der großen Koalation, eine Botschaft nach aussen richten; die aussagt," seht her wir können keinen Konsenz finden." Dies würde allen europäischen Nachbarländern nützen, aber nicht Deustchland.

    Herr Dr. Stoiber der jetzt entgültig in seinem so erfolgreichen Bayern bleibt, muss aber auch erkennen, dass seine Komfortzone starke Risse bekommen hat. Glaubwürdig und staatsmännisch , kann man eine solche Entscheidung nicht nennen. Doch man muss Herrn Dr. Edmund Stoiber zugestehen, dass er sicherlich im innersten davon überzeugt ist. Meine Kompetenz als König in Bayern, und meinen Führungsanspruch kann mir keiner nehmen. Von Bayern aus, hat er natürlich viele Fäden in der Hand um im Hintergrund die Akzente zu setzen, die Ihm und anderen mächtigen Unionspolitikern wichtig sind.

    Meiner Ansícht nach, können wir alle nur hoffen, das die Zukunft für die Bundesrepublik Deutschland nicht weiter von solchen Unstimmigkeiten geprägt ist.

    "Nur ein erfolgreiches Team das konfliktfähig ist, sich aber trotzdem stets der Zielerreichung bewußt ist, wird die Veränderungen bewirken, damit Deutschland langfristig erfolgreich wird."

    Ich wünsche uns allen, dass wir jetzt ein winning Team als neue Regierung bekommen, so dass wir im Nachhinein als Bürger sagen können. " Never change a winning Team, den die Arbeit für die nächsten 4 Jahre ist so erfolgreich, so daß wir noch weitere 4 Jahre anhängen können.
    Denn um dieses Land wirklich auf einen erfolgreichen Wachstumskurs zu bringen, brauchen wir länger als nur eine Legislaturperiode!

    Der Anfang dieser politischen Woche war wirklich besser als jeder Politthriller, wir sollten uns schon jetzt alle auf die Fortsetzung freuen.

    Jörg Pfeffer
    Betriebswirt

  4. Ich pflichte der Aussage, dass es Frau Merkel noch nicht geschafft hat, absolut zu. Irgendwas hat mir von Anfang an gesagt, dass dieses Land für diese Frau noch nicht bereit ist, es vielleicht nie sein wird.

  5. Stoiber war nie der, der er vorgab zu sein. Ein schwaches Nervenkostüm, abgesichert durch tief gestaffelte Bauernopfer-Brigaden für allfällige Fehlermöglichkeiten, hat der Mann eindeutig die beste Karte gewählt. Man stelle sich Stoiber vor nach auch nur einem Monat solcher Angriffe wie sie unser Ex-Finanzminister Jahre durchgestanden hat. Ich fürchte, man würde ihn schon von den Gesichtsentgleisungen her kaum wiedererkennen, geschweige denn nach den zu prognostizierenden verbalen und schlimmer noch aktivistischen Phänomenen.

    Er wird jetzt in eine schmerzhafte Phase seines Lebens eintreten (eine, die unser Ex-Kanzlerkohl leider immer noch vor sich hat). Als Feigling verschrien im Bund, als Störenfried erkannt im Land, wird er schwere und schwerere Geschütze aufziehen, bevor er sich in den langen und ruhigen Abend der Ex-Entscheidungstragenden verabschieden muss. Aber lasst uns hoffen, vielleicht packt ja die Hohlmeierin doch noch rundumschlagend aus, dann könnte diese böse Geschichte noch mal interessant werden.

    Ein Jammer für ihn, glücklicherweise hart und gerecht verdient.

  6. Nicht nur in Muenchen, sondern auch in der SPD. Denken alle nur noch an sich und nicht mehr an die anderen, die Nation, die Wirtschaft, unser Ansehen auf dem internationalen Parkett? Stoiber und Muentefering und alle anderen, die vor einer historischen Regierungsaufgabe davonlaufen, verstaerken leider einen ohnehin schon angeschlagenen Eindruck, den wir im Moment im Ausland machen. Ich hatte da sehr viel mehr persoenliches Format vermutet, als tatsaechlich da ist. Welche Nieten!!

  7. Es ist mir völlig unerklärlich, wieso Stoiber auf Bundesebene (seine bayrische Performance kenne ich nicht) als Kraftzentrum gegolten hat. Er ist mir immer als ein Weichei erschienen: Unklar in seinen Positionen, mal sozialdemokratisch durchwirkt, mal am rechten Rand stoibern, stotternd, sich ständig widersprechend ... . Gut, dass er weg ist! Ist er wirklich weg? Oder wird er Merkels Nemesis? Ihr ewiger Schatten?

  8. Vielleicht doch besser vorher und nicht nach dem Start wie einst Oskar. Es weint ihm wohl keiner eine Träne nach, so wie er sich in den vergangenen Wochen aufgeführt hat. Tschüß Edi.

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