Computer Hacken im Polizeistaat
Der Jahreskongress des Chaos Computer Clubs schwankte zwischen Resignation und Revolution
Wie man sich so einen Hackerkongress vorstellen würde? Furchtbar geheim jedenfalls, mit einem Hauch von Illegalität. Aber sicherlich nicht wie den Chaos Communication Congress , den der Chaos Computer Club vergangene Woche in der Bundeshauptstadt veranstaltete. Die große Zusammenkunft der Szene fand im Kongresszentrum am Berliner Alexanderplatz statt, ein Ufo-ähnliches Gebäude, in dem sich sonst Unternehmer, Mediziner und Wissenschaftler treffen. Nun aber gaben sich dort etwa 3.000 Hacker und Interessierte die Klinken in die Hand, und das Ambiente entsprach so gar nicht dem typischen Hackerklischee: Das Licht war hell, man hatte darum gebeten, vor der Tür zu rauchen, und sogar Frauen waren anwesend - wenn auch nicht in großen Scharen. Erwartungsgemäß war schon eher die Infrastruktur: Bier, Club Mate (ein stark koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk) und Kaffee bildeten die eine Hälfte des Backbones für vier Tage Kongressgeschehen. Die andere Hälfte waren Tausende Computer, meist von den Teilnehmern mitgebrachte Laptops, und die 10 Gigabit-Anbindung ans Internet. "Mehr Bandbreite als ganz Afrika", sagte Organisator Tim Pritlove vom Berliner Chaos Computer Club mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Dass der afrikanische Kontinent nur langsam ins digitale Zeitalter schreitet, liegt nicht zuletzt an seiner schlechten Vernetzung.
Der provokante Titel eines der 150 Kongressvorträge lautete: "Wir haben den Krieg verloren." Eine Feststellung, die nicht ganz aus der Luft gegriffen schein. Denn was der Chaos Computer Club seit Jahren als fatale Tendenz anprangert, ist zu einem großen Teil Realität geworden. Vor einem sorglosen Umgang der Bevölkerung mit den eigenen Daten auf der einen, und der Datensammelwut und restriktiven Politik auf der anderen - der staatlichen - Seite hat der Club immer gewarnt, ebenso vor den Folgen dieser Entwicklungen: verdachtsunabhängige Überwachung, Einschränkung der individuellen Freiheitsrechte, kurz Polizeistaat. Joichi Ito, Internetunternehmer und als ICANN-Direktor einer der Vordenker für die Zukunft des Internets, brachte es in seiner Eröffnungsrede auf eine schaurige Formel: "Die Demokratie ist defekt." Was nütze das Recht zur Stimmabgabe, wenn man nicht wissen könne, was wahr und was falsch sei? Nicht das Wahlrecht, sondern die Meinungs- und Redefreiheit sei das die Demokratie konstituierende Merkmal. Als Konsequenz forderte Ito, Monopole jeder Art weltweit zu verhindern.
Doch auch klassische Hackerthemen standen auf dem Kongressfahrplan: Detailliert wurde zum Beispiel das Sicherheitssystem des beliebten mobilen E-Mail-Dienstes Blackberry analysiert, ebenso die Fehler im Microsoft-Design der Spielekonsole X-Box. Der neue Reisepass mit Funkidentifikationschips (RFID), der seit November ausgegeben wird, wurde en detail zerpflückt und erneut für untauglich befunden. Auf bis zu 10 Meter Entfernung lässt sich der Pass laut Chaos Computer Club auslesen, also auch vom Passinhaber unbemerkt. Der freundliche Hinweis, dass die in den Pässen enthaltenen Chips sehr sensibel auf starke Spannungen im gleichen Frequenzbereich, etwa durch Schweißgeräte oder Mikrowellen, reagieren würden, erntete starken Applaus. Da der Pass auch bei defektem RFID-Chip seine Gültigkeit behält, wurde zum Gebrauch einer extra hierfür mitgebrachten Mikrowelle aufgerufen.
Die Verantwortlichen der neuen elektronischen Gesundheitskarte bekamen ebenfalls ihr Fett weg: Experte Thomas Maus erläuterte, dass die Karte mit mindestens 3,2 Milliarden Euro (Maus geht von deutlich höheren Kosten aus) absehbaren Erstinstallationskosten und ebenfalls milliardenschweren Folgekosten teuer, darüber hinaus jedoch auch schlecht geplant und mindestens genauso schlecht umgesetzt sei. Besondere Kritik übte Maus am Vorgehen des Gesundheitsministeriums: "Bevor man ein IT-System konzipiert, setzt man sich mit den Problemspezialisten zusammen um zu überlegen, wie eine Lösung aussieht." Man hätte statt mit Wirtschaftsverbänden besser mit Ärzten und Apothekern gesprochen. "Ich habe das Gefühl, dass das eine Lösung ist, die noch nach ihren Problemen sucht", sagte Maus.
Gehackte Hacker
Hacken ließen sich die Hacker jedoch auch selbst: Der E-Pass-Spezialist Starbug hatte beim Einlass Fingerabdrücke verlangt von den Teilnehmern - etwa 40 Prozent gaben sie ihm ohne großes Murren, und das, obwohl sich die Szene einhellig gegen die Erhebung biometrischer Daten stellt. Dennoch bewiesen die Teilnehmer während der Vorträge zu aktuellen Entwicklungen auch politisches Engagement: Kritik wurde nicht nur an Urheberrechtsgesetzgebung und
Vorratsdatenspeicherung
geäußert, sondern auch an den elektronischen Wahlautomaten, die bei der vergangenen Bundestagswahl erstmals zum Einsatz kamen. Das digitale Verfahren eines niederländischen Herstellers sei nicht transparent, die Stimmen wurden unverschlüsselt gespeichert. Die Methode genüge deshalb nicht dem Grundsatz der allgemeinen, gleichen, freien und vor allem: der geheimen Wahlen.
Wie die Zukunft des Wählens auch aussehen könnte, schilderte Tarvi Martens, einer der Verantwortlichen für Internet-Wahlen in Estland. Dort hatten die Wähler 2005 erstmals via Internet ihre Stimme abgeben können - bequem von zu Hause, denn die Esten verfügen seit 1999 über einen Pass, der ihnen die sichere Identifikation am eigenen PC ermöglicht.
Die Internetanbindung mit 10 Gigabit (zum Vergleich: ein normaler DSL-Anschluss hat etwa ein Zehntausendstel dieser Kapazität) konnten die Hacker in der gesamten Zeit kaum ausnutzen. Auch "digitale Unfälle", sprich Hacks vom Veranstaltungsort aus, mussten die Veranstalter in diesem Jahr kaum beklagen. Vielleicht lag es ja an der extra für solche Fälle eingerichteten Hacker-Ethik-Hotline: Wer vor dem Rechner saß und gerade vor der Entscheidung stand, ob er einen Computer, Webseiten oder gleich mehrere davon hacken soll, der konnte sich an die hausinterne Seelsorgenummer wenden. Obwohl es nur einen einzigen Anruf auf dieser Nummer gab, könnte diese Maßnahme durch Abschreckung der Grund gewesen sein, warum die Stammgäste des Landeskriminalamtes Berlin in diesem Jahr dem Kongress keinen Besuch abstatten mussten.
Überwachte Überwacher
Die österreichische Gruppe Quintessenz präsentierte einen der heimlichen Höhepunkte des Kongresses: Die Polizei hatte Anfang des Jahres eine Überwachungskamera auf dem Wiener Schwedenplatz installiert. Die Funkverbindung der Kamera zapften die Aktivisten für Bürgerrechte an - und was sie zu sehen bekamen, erstaunte sie. Das Geschehen auf dem Platz war für die Polizisten offenbar zu langweilig, so dass sie sich des öfteren lieber mit Blicken in umliegende Wohnungen beschäftigten.
Nutzt mehr Bandbreite
Doch Organisator Tim Pritlove wies zum Ende des 22. Chaos Communication Congress noch einmal explizit darauf hin: Hacker können nicht alles. Sie seien zwar auf ihre Weise mächtig und sollten ihre Macht auch einsetzen, aber auch ihr Engagement habe Grenzen. Was das für die Zukunft heißt, wird sich zeigen. Zufrieden zeigten sich die Veranstalter mit dem Verlauf: Trotz leichten Rückgangs der Teilnehmerzahl sei der erstmals viertägige Kongress ein voller Erfolg gewesen. 2006 wird der 23. Kongress wieder in Berlin stattfinden. Das heimliche Motto des 22., das ab dem zweiten Tag auf Schildern im ganzen Kongressgebäude zu lesen war, könnte dann das offizielle werden: Use more Bandwidth - Nutzt mehr Bandbreite. Afrika wird weiterhin neidisch sein müssen.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 02.01.2006
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