Russland/Ukraine Gasprom dreht Leitung ab

Russland drosselt seit dem Neujahrsmorgen seine Gaslieferungen an die Ukraine. Auf Kunden im Westen, auch auf Deutschland, soll sich das nicht auswirken

Der russische Energiekonzern Gasprom hat am Neujahrsmorgen die Lieferung von Erdgas an die Ukraine gedrosselt. In den vergangenen Tagen waren die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über die Gasversorgung gescheitert. »Wir sind gezwungen, die Lieferungen zu stoppen«, sagte der Gasprom-Sprecher Sergej Kuprijanow in Moskau. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko bezeichnete den Preis von 230 Dollar (195 Euro) je 1000 Kubikmeter, den Russland von der Ukraine fordert, als »inakzeptabel«. Man müsse neu verhandeln, forderte er.

Um 8 Uhr gab die Gasprom-Führung die Anweisung, die Lieferungen an die Ukraine einzustellen. In der letzten russischen Verdichterstation vor der ukrainischen Grenze bei der Stadt Kursk drosselten Gasprom-Ingenieure den Gasfluss in Richtung Westen. Von den insgesamt drei Röhren könnten zwei abgeschaltet werden, teilte das Unternehmen mit. Über die dritte Leitung werde die Transitversorgung für die Kunden im Westen, darunter Deutschland, aufrechterhalten.

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Die Ukraine zahlt bislang 50 Dollar (43 Euro) je 1000 Kubikmeter Gas und nennt 80 Dollar als Obergrenze dessen, was das Land zu zahlen bereit ist. Russland fordert einen Weltmarktpreis von 230 Dollar. Etwa ein Viertel des ukrainischen Gasverbrauchs stammt aus Russland.

Der von der russischen Regierung kontrollierte Gasprom-Konzern erhob schwere Vorwürfe gegen die Führung in Kiew. »Von Anfang an waren sie darauf aus, ab dem 1. Januar illegal Gas abzuzapfen oder genauer gesagt zu stehlen«, sagte Kuprijanow. Es sei im Interesse von Gasprom, dass die Kunden in der Europäischen Union von der Maßnahme unbehelligt blieben. »Das Exportgas strömt im vollen Umfang«, sagte Kuprijanow. Dennoch seien verminderte Lieferungen an die Kunden in Westeuropa nicht auszuschließen. »Sie (die ukrainische Führung) stiehlt das Gas bei den europäischen Verbrauchern«, konkretisierte der Gasprom-Sprecher seine Beschuldigungen an die ukrainische Regierung.

Der Gasprom-Konzern machte keinen Hehl aus der politischen Dimension des Gasboykotts. »Wir meinen, dass es der ukrainischen Staatsführung unmöglich sein wird, ihrem Volk den Grund für eine derart kurzsichtige Politik zu erklären«, sagte Kuprijanow. Gasprom sei zu einem Kompromiss mit »marktüblichen Preisen« bereit gewesen, den die Ukraine aber abgelehnt habe.

In Kiew sieht man den russischen Gasboykott bislang eher gelassen. Ein ukrainischer Energiefachmann sagte, die geringeren Lieferungen hätten in den nächsten Wochen keine direkten Auswirkungen auf den ukrainischen Markt. Für den Monat Januar sei die Versorgung aus eigenen Quellen und Reserven sowie mit Exporten aus der zentralasiatischen Republik Turkmenien gewährleistet, zitierte die Agentur Interfax einen ranghohen Mitarbeiter der staatlichen Energieversorgung.

Die Ukraine will nun bis zum Abschluss eines neuen Liefervertrages mit eigenen Vorkommen sowie mit Exporten aus Turkmenien auskommen. Dagegen teilte Gasprom mit, sämtliche turkmenischen Exporte würden ab sofort von dem russischen Energiekonzern verwaltet. Kiew hatte zuletzt Anspruch auf 15 Prozent des russischen Gases als Transitgebühr erhoben.

Die Versorgung der deutschen Haushalte mit Gas ist nach Einschätzung von E.on Ruhrgas trotz des Streits nicht gefährdet. »Wir sind gut gerüstet. Selbst bei einer weiteren Eskalation wird es nicht zu Liefereinschränkungen für Haushalte und Kleinverbraucher kommen«, teilte das Unternehmen am Sonntag mit. Erdgas werde aus mehreren Quellen bezogen. Neben Russland, dessen Lieferanteil etwa 30 Prozent betrage, komme das Gas insbesondere aus Norwegen, den Niederlanden und deutschen Quellen. Darüber hinaus verfüge E.on Ruhrgas über große Erdgasuntertagespeicher.

Auch Großkunden seien gegenwärtig nicht betroffen, hieß es weiter. Hier könnten aber »begrenzte Einschränkungen« nicht ausgeschlossen werden. »Wenn sich die Lieferkürzungen als sehr groß herausstellen sollten, lang anhalten und der Winter besonders kalt wird, stoßen auch unsere Ausgleichsmöglichkeiten an Grenzen«, sagte E.on-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann.

 
Leser-Kommentare
  1. Die vor diesem absehbaren Konflikt von vielen westlichen Beobachtern gemachten Aussagen, nun sei der Zeitpunkt, gekommen, dass ein an Demokratie und Marktwirtschaft zunehmend desinteressiertes Russland, den abtrünnigen Ukrainern per Preiserhöhung die Rechnung präsentiert, sollten gerade wegen der nun eingetretenen Situation aufs allerschärfste zurückgewiesen werden. Denn die Anpassung an westeuropäische Lebensverhältnisse und Standards hat ihren Preis.

    Langsam sollte also der Lernprozess beginnen, durch den die Menschen erfahren können, dass billiges Gas sowohl die Verschwendungssucht fördert, wie auch technologische Entwicklung hemmt. Eine Ukraine, die nur durch Transferleistungen aus West und Ost auf die Beine kommt, macht Europa momentan wenig Freude und wäre angesichts der hierzulande aufkommenden Häme wegen unangebrachter Überfürsorglichkeit, dort auch nicht besonders gut aufgehoben.

  2. Gasprom erhöht die Preise. Mir ist nicht klar, ob und welche Verträge mit welchen Kündigungsmöglichkeiten bestehen. Es ist mir aber bekannt, dass die Ukraine aus einem Vertragssystem nach der orangen Änderung ausgetreten ist. Also kurz und schwierig: welchen Anspruch hat die Ukraine darauf, weiterhin zu einem "Freundschafts"-Preis von sensationellen 50 $ beliefert zu werden, nach dem sie die Freundschaft aufgekündigt hat? Politische Sympathie kann doch nicht darüber hinweg täuschen, dass es die Ukraine ist, die da zündelt.

  3. Wie Wladimir Putin ja gesagt hat, geht es nicht in erster Linie ums Gas, sondern um die brüderliche Beziehung zwischen Russland und der Ukraine - die Ukraine im Ganzen.

    Das "brüderliche Angebot" von Wladimir Putin war ein schlechter Scherz. Der Vorgang erinnert mich doch sehr an die Berlin-Blockade. Die hätten wir Deutsche/Berliner auch nicht alleine durchstehen können und bekamen massiv Hilfe!

    Jetzt könnten wir uns durch die Unterstützung der jungen Demokratie in der Ukraine revanchieren und wir sollten (rechtzeitig) lernen, wie unser neuer G8 Partner seine Interessen im Zweifelsfall durchzusetzen gedenkt und Abhängigkeiten ausnutzt.

  4. Einerseits ist es richtig, dass die Ukraine Weltmarktpreise zahlen soll. Denn wie anders kann sie ihre Abhängigkeit von Moskau verringern. Andererseits ist es der staatliche(!) russische Ölkonzern, der zündelt; eine plötzliche Preiserhöhung um 400% ist kein vernünftiger Vorschlag und soll einfach nur provozieren.

    Gazprom und damit auch die russische Regierung gibt die Schuld an der Krise der ukrainischen Führung, die sowieso schon in großen Problemen steckt. Russland will das Land destabilisieren, damit bei den anstehenden Parlamentswahlen die russischfreundliche Partei "Rehiony Ukrajiny" des von Putin massiv unterstützten Wahlfälschers Wiktor Janukowitsch kräftig abraümt. Dann macht in Kyjiv wieder Moskau ein großes Stück Politik.

    Bei den oft angeführten "Freundschaftspreisen" darf man nicht vergessen, welche Dinge der Ukraine wiederfahren sind, die nicht im Bewußtsein dieser Freunde sind. Ich denke nur an die Aushungerung der ukrainischen Freiheitsbewegung vor und nach dem 2. Weltkrieg, bei der mindestens 10 Mio. Ukrainer starben. An die Unterdrückung von Sprache und Kultur im Sowjetimperium. Und nicht zuletzt die jüngere Geschichte. Man kann heute noch die alten Leute vor den Sparkassen in Schlangen sehen, die ihr jahrzehntelang gespartes Geld zurück haben wollen. Das wurde in den Wirren der Unabhängigkeitsbewegung in Lastwagen über die Grenze nach Russland gebracht, samt anderen Devisen und Beständen. Wer solche Freunde hat, der braucht nun wirklich keine Feinde mehr.

    Die Ukraine gehört nicht nur geographisch zu Europa. Diese Menschen fühlen sich als stolze Europäer und wollen so auch wahrgenommen werden. Wir in Westeuropa zahlen den hohen Gaspreis. Das muss langfristig(!) auch die Ukraine. Die EU sollte dieser stolzen jungen Demokratie mehr beistehen, nicht nur finanziell sondern auch besonders in ihren schwierigen Verhandlungen. Ich finde es beschämend -- auch als Sozialdemokrat -- dass unser Bundeskanzler a.D. keine Stellung zu diesem Konflikt bezieht und statt dessen wohl immernoch Hoffnungen auf einen Aufsichtsratssitz bei der Gazpromschwester hegt.

    Wolfgang Grote

  5. Was ist, wenn es Russland gar nicht um den Gaspreis geht? Ist es möglich, dass Russland mit der utopischen Preiserhöhung Druck auf die Ukraine ausüben will, damit diese ihre Öl-Pipeline für den russischen Gebrauch frei gibt?

    Und wie kommt es, dass ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler, dessen politische Präsenz in den Köpfen Aller noch lange nicht das Ende des Verblassen-Prozess erreicht hat, keinerlei Anstalten macht, auf zu stehen und zu sagen, da mach ich nicht mit? Wie kann er verantworten, zu Machenschaften eines Systems zu schweigen oder gar in die Hand zu arbeiten, das zunehmend offen diktatorische Züge annimmt?

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  • Quelle (c) ZEIT online, dpa, 1.1.2006
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