Serie Wie John Lennon einmal ein UFO sah

When I’m 65 - Durch die Woche mit John

Was bisher geschah: John traf seine Mutter bei der Geburt, er begegnete Tante Mimi, Onkel George, seinem Vater Alfred, einigen Krüppeln, verbitterten Lehrern und englischen Seeleuten, dann Paul und George, seine Mutter tauchte wieder auf (und starb kurz darauf), dann traf er Stuart (der ebenfalls bald starb), dann Pete, Cynthia, verschiedenste Damen in Hamburg, Andy, Mrs.Best, sein Sohn Julian, dann Bruno, Klaus und Astrid, Brian (der erst später starb) und George (der noch immer lebt), Ringo, viele Damen in Manchester, München, Washington und auf den Bahamas , Cassius, Richard, Murray,dann wieder Alfred, Bob, Elvis, Mick, Elisabeth, Jesus, Maharishi, und dann stieg er irgendwann auf eine Leiter, las an der Decke „Yes“ und blieb bei Yoko. Kaum einer verstand John, der es doch so schön hatte mit all den Leuten, die er bisher getroffen hatte. Was wollte er mit einer kleinen Japanerin, die fast acht Jahre älter als er war, die seltsame Rituale in New York veranstaltete, die das Publikum aufforderte, mit einem Tonbandgerät den Lärm aufzunehmen, den ein Stein beim Altern macht, ein Loch für den Wind zu graben oder ihr mit einer Schere das Kleid vom Leibe zu schneiden. Es hätte so viele nette Mädchen in England oder sonstwo gegeben.

Nachdem sich John und Yoko angelächelt hatten, war er nicht mehr der John den wir alle kannten: Er rauchte Marihuana (was er allerdings schon vorher gemacht hatte), er schluckte LSD (w.e.a.s.v.g.h.), er schrieb großartige Songs (w.e.a.s.v.g.h.), er entwickelte einen seltsam zynischen Humor (w.e.a.s.v.g.h.), er setzte sich für den Frieden ein (w.e.a.s.v.g.h.), er sah aus wie Jesus ( den er vorher nur in Anspruch genommen hatte). Sie war es, die Paul, George und Ringo aus dem gemeinsamen Bett warf, also verzieh ihm die Welt, aber nicht ihr . Sie wurde als Drachenlady der Popkultur enttarnt, eine asiatische Hexe, die Philosophie studiert hatte und sich nicht damit zufrieden gab, die dankbare und lächelnde Frau zu sein, die 399 564 engelischen Frauen den Traummann weggeschnappt hatte.

Anzeige

„Out the blue you came to me / And blew away life’s misery / Out the blue life’s energy / Out the blue you came to me / Like an U.F.O.“ sang der offenbar verzauberte John über Yoko. Dann am 23.August 1974 um 21 Uhr in New York erschien ihm ein UFO. Zu dieser Zeit war er sträflicherweise immer häufiger mit der hübschen, aber harmlosen Assistentin May Pang zusammen, war schließlich ausgezogen und wohnte in einem Penthouse an der East Side. May Pang machte mit einem hochempfindlichen Film Aufnahmen vom UFO, doch als der Foto-graf Bob Gruen (dessen Buch „Die Jahre in New York“ wir an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen wollen und dem die nun jahresendende Kolumne viele Bilder verdankte) den Film entwickelte, war dieser leer. Wie verhext! John versicherte, dass er bereit sei an alles zu glauben, bis das Gegenteil erwiesen sei und kehrte zu Yoko zurück.

P.S. „Jemand da oben hört uns zu“, hatte der achtjährige John eines Tages zu Tante Mimi gesagt. „Ich habe gerade Gott gesehen“ – „So“, sagte Mimi, „Und was hat er getan?“ – „Er hat am Kamin gesessen“, erwiderte John. „Ach“, sagte Tante Mimi, „wahrscheinlich hat er ein bißchen gefröstelt.“

Wir sind sicher, dass Gott und John sich da oben – auch im neuen Jahr! - ganz ausgezeichnet verstehen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle (c) ZEIT online, 1.1.2006
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service