OrgelkonzertDie eingefrorene Zeit

In Halberstadt läuft das langsamste Musikstück der Welt: Noch knapp 635 Jahre soll es dauern. In die Komposition von John Cage bringen drei neue Töne jetzt etwas Bewegung von 

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Nicht jeder hat schon vom längsten Konzert der Welt gehört, aber das macht wenig, denn das Orgelstück Organ2/ASLSP des amerikanischen Komponisten John Cage läuft erst im vierten Jahr, und knapp 635 weitere Jahre soll es dauern: Es bleibt also noch etwas Zeit, nach Halberstadt zu fahren und auf St. Burchardi den langsam in die Zukunft sich vorantastenden Klängen zu lauschen. Ohnehin wird niemand – vom lieben Gott abgesehen – das Werk in Gänze genießen können. Selbst wenn es den Nachgeborenen einst gelingen sollte, die menschliche Lebensspanne erheblich zu verlängern: Den Anfang haben sie unwiderruflich verpasst.

Die Aufführung begann am 5. September 2001, und endet – so alles klappt – am 5. September 2640. Dazwischen würden 639 Jahre ununterbrochenen Musizierens liegen, eine Aufgabe für 25 Generationen. Erstmals wird hier der Versuch gewagt, mit Tönen, die im Nu verklingen, Jahrhunderte zu überbrücken. Bisher haben nur robuste Kunstwerke oder massive Bauten den Anbrandungen der Zeit standgehalten, Höhlenmalereien beispielsweise oder Dome. Klänge aber sind feinste Schwingungen der Luft, die Sekunde für Sekunde genährt werden wollen – 20 Milliarden Sekunden lang, von denen eine jede den langen Atem braucht.

In Halberstadt strömt der Wind der Geschichte aus einem doppelten Gebläse, das mit einem Generator gegen Stromausfall gesichert ist. Sollte er versagen, kann die Orgel manuell mit sechs Blasebälgen weiterbetrieben werden. Um die Kräfte für den Notfall zu schonen, hat man darauf verzichtet, Organisten lebenslang die Tasten niederdrücken zu lassen, das tun Sandsäckchen. Lediglich bei den Akkordwechseln alle paar Monate oder Jahre müssen Menschen Hand anlegen, so am Donnerstag, dem 5. Januar 2006.

Grau und wuchtig empfängt St. Burchardi die Schau- und Hörlustigen an diesem zugigen Winterabend. Die älteste Kirche Halberstadts stand lange leer, bis sie im Projekt eine neue Bestimmung fand. Film- und Fernsehteams haben in dem verwitterten Gebäude Aufstellung genommen, das Publikum in Hut und Mantel der Kälte trotzend. Sie bilden einen erwartungsfrohen Halbkreis um das Orgelchen. Es ist ein Provisorium mit drei Tasten, denn für ein großes Instrument fehlt – noch – das Geld, 200000 Euro. Bis ein Sponsor gefunden ist, werden Pfeifen nach Bedarf hinzugefügt.

Zu hören waren seit dem Sommer 2005 nur die drei Töne e, e’ und gis’’, ein vergleichsweise mild gestimmter Akkord. Rainer Neugebauer vom Kuratorium der John-Cage-Orgel-Stiftung nutzt den historischen Moment des Tonwechsels, um ein paar nachdenkliche Worte des 1992 verstorbenen Komponisten zu verlesen, dann gibt er das Signal, und drei Helfer fügen die neuen Töne hinzu – a‘, c" und fis"–, indem sie simultan drei Pfeifen in vorbereitete Öffnungen der Holzkonstruktion stecken. Sofort wächst der musikalische Druck. Der entstehende Akkord klingt so ungeduldig, als könne er sein Ende kaum erwarten. Nur vier Monate lang darf er drängen, dann verabschieden sich e und e’. Und so wird man sich am 5. Mai schon wieder in eine neue Konstellation hineinhören müssen – fast wirkt die Aufführung zur Zeit etwas hektisch.

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