Orgelkonzert Die eingefrorene ZeitSeite 2/2

Der Tonwechsel vollzieht sich im Bruchteil einer Sekunde; das Staunen über die Veränderung währt länger. Die Besucher wandern im Gemäuer auf und ab, um den neuen Klang aus verschiedenen Winkeln wahrzunehmen. Ein Bus fährt sie hernach zu Halberstadts preisgekrönter Bibliothek, die in die dicken Mauern des historischen Stadtgefängnisses eingelassen ist. Im tiefsten Verließ trägt Andreas Saage vor, Orgelbaumeister der Firma Romanus Seifert & Sohn in Kevelaer, die dem John-Cage-Projekt in technischen Fragen zur Seite steht. Saage erzählt die folgenreiche Geschichte der Blockwerkorgel, die 1361 im Dom der Stadt errichtet wurde: Sie hatte die erste Tastatur mit zwölf Halbtonstufen pro Oktave, „eine der ersten“, präzisiert der Experte, denn so genau weiß man es auch wieder nicht, das alles ist so lange her, länger noch als 639 Jahre. Jedenfalls ist diese Tastatur bis heute für alle Tasteninstrumente verbindlich, und so hat die kleine Stadt am Ostrand des Harzes schon einmal der Welt bewiesen, wozu sie in der Lage ist.

Die Feierlichkeiten zum Tonwechsel finden ihren Höhepunkt in einem kleinen Konzert in der dämmrig beleuchteten Liebfrauenkirche, gelegen neben der Bibliothek an Halberstadts Domplatz, einem der stimmungsvollsten Ensembles deutscher Provinz. Mechthild Seitz-Ziegler, Mezzosopran, und Karin Gastell, Orgel, widmen ihr Programm der Flüchtigkeit von Jahr, Tag und Stunde; Klaus Röhring vom Kuratorium des Cage-Projektes spricht einfühlsame Meditationen dazu.

Von Hildegard von Bingen bis Johann Sebastian Bach, von Dietrich Buxtehude bis Sofia Asgatowna Gubaidulina, vom 12. bis zum 21. Jahrhundert, von tonal bis atonal: Schillernd wölbt sich das Spektrum der dargebotenen Werke über das große Thema. Den Zuhörern freilich scheint die sonst so rasch verfließende Zeit für die Dauer einer unendlichen Stunde eingefroren zu sein – was an der ungeheizten Kirche gelegen haben mag.

Lesen Sie hier, was die Hausmeisterin von St. Burchardi, Margot Dannenberg, über ihre Erlebnisse mit den bisher über 10 000 Besuchern des Konzertes erzählt und warum die Aufführung eigentlich zu schnell ist, weshalb sie vom Jahr 2013 an noch langsamer gespielt wird. Und werfen Sie schließlich einen Blick auf die Homepage des John-Cage-Orgelprojektes mit Öffnungszeiten, Tonwechselplanung, Spendenkonto sowie Texten zu den Perspektiven und Schwierigkeiten der Aufführung.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service