Die Verknüpfung von HipHop und Zeichentrick hat Tradition. Marvel-Superhelden der sechziger Jahre wie der schreckliche Hulk oder Captain America bilden eine ideale Projektionsfläche für testosteronhaltige Phantasien, wie sie dem HipHop ja nicht fremd sind.

Inzwischen treibt die Mischkultur schon recht eigenartige Blüten. Da gibt es Aqua Teen Hunger Force, eine Serie des US-amerikanischen Senders Cartoon-Network, und ihre Protagonisten sind ein Milchshake, ein Fleischbällchen und eine Tüte Pommes Frites mit Flaschengeist-Gesicht: Schmal ist der Grat zwischen Debilität und Genialität.

Darauf antwortet das comichafteste Projekt der HipHop-Szene, Dangerdoom. Der für die Musik verantwortliche Produzent Dangermouse tritt mit Vorliebe im Mausekostüm vor die Kamera, und sein Kollege, der Rapper MF Doom, versteckt sein Gesicht bei Auftritten hinter einer Metallmaske, ohne die er sich auch nicht fotografieren lässt. Das MF in seinem Namen steht für Metalface. Als Projektionsfläche für ihre Platte The Mouse And The Mask haben sich Dangerdoom den Milchshake, die Pommestüte und das Fleischbällchen ausgesucht, doch wer nun quäkende Stimmen und hibbelige Musik erwartet, wird enttäuscht.

Alles in allem machen sie recht trockenen HipHop, mal entspannt, mal düster. So heiser wie wortgewandt erzählt MF Doom mit rauchiger, knarzig-bassiger Stimme verschrobene Geschichten, vorgetragen in in einer eigentümlichen Sprache, die an den Slang der Vierziger Jahre erinnert.

Mit Refrains, im HipHop hooks genannt, hat MF Doom nichts im Sinn: »Wenn man einen Haken auswirft, dann tut man das, damit man die Leute einfängt...Ich versuche nicht, meinen Fuß in ihre Tür zu bekommen, um ihnen einen verdammten Staubsauger zu verkaufen. Meine Musik ist für Leute, die beschlossen haben, eigenständig zu denken, und meine Rolle ist es, einen Teil zu einem Gespräch beisteuern.«

Dangermouse steuert einen warmen Rhythmusteppich bei, der bei all seiner Gleichförmigkeit so lebendig und musikalisch wirkt, als wäre er von einer Band eingespielt. Zu größerer Bekanntheit kam der Wahl-Londoner im vorvergangenen Jahr durch einen gewieften Streich: Die Vokalspuren vom Black Album des Rappers Jay-Z mischte er mit den Klängen des White Album der Beatles. Was dabei herauskam, nannte er folgerichtig Grey Album. Das war naheliegend und trotzdem gut für mehr als nur ein paar Lacher. Sonst jubeln Marketing-Strategen bei solch gelungener Zweitverwertung. In Vorfreude auf die zu erwartenden Millionenverkäufe können sie kaum mehr ruhig schlafen. Das im Schlafzimmer eingespielte Grey Album hingegen erschien im Eigenverlag, Auflage: 3000 Stück.

Als der EMI- Konzern, der die Rechte an den Aufnahmen der Beatles-Stücke hält, von der Sache Wind bekam, trat er auf die Spaßbremse. Seine Anwälte holten das Album aus den Regalen der Vertriebe. In einer bis dahin einzigartigen Anstrengung mahnten sie sogar einzelne Läden und Ebayer ab, die das Album zum Verkauf angeboten hatten. Eine absurde Geschichte, ließ sich die sonst stets quengelnde Musikindustrie doch hier ein gutes Geschäft entgehen. Sie hätte sich sogar mit dem Wort »Nachwuchsförderung« brüsten können.

Internet- und Urheberrechtsaktivisten entdeckten das Thema für sich und riefen den 24. Februar 2004 zum Grey Tuesday aus. Weltweit beteiligten sich mehr als 170 Internetseiten an der Protestaktion. Sie erschienen an diesem Tag grau eingefärbt und boten das Grey Album zum freien Herunterladen an. Binnen 24 Stunden wurde es 100000fach aus dem Netz gesogen. Ob man dies als Erfolg werten kann, scheint fraglich, denn vom Verschenken kann niemand leben. Daß es sich beim Grey Album weder um geistigen Diebstahl noch um Raubbau am Lebenswerk der Beatles handelte, erschloss sich schon beim ersten Hören. Immerhin — Dangermouse ist seither berühmt. Der britische Popstar Damon Albarn wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn ein, bei seinem erfolgreichen Gorillaz-Projekt mizumachen. So produzierte Dangermouse noch im selben Jahr ein paar Stücke für die EMI – welche Ironie!

MF Doom hingegen ist schon lange im Geschäft. 1991 veröffentlichte er unter dem Künstlernamen Zev Love X die erste Platte mit seiner damaligen Gruppe KMD, die sehr politisch und von radikal-islamischen Theorien geprägt war. 1993 wurde sein Bruder Subrock, ebenfalls Mitglied von KMD, von einem Auto angefahren und starb. Ein Disput um das Cover des zweiten Albums, auf dem ein kleiner schwarzer Junge am Galgen hing, kostete ihn auch noch seinen Plattenvertrag. MF Doom, bürgerlich Daniel Dumile, verließ New York und zog nach Atlanta. Die folgenden Jahre litt er an Depressionen und verschwand von der Bühne; eine Weile soll er sogar obdachlos gewesen sein. Erst in den späten Neunzigern kehrte er nach New York zurück, unter unterschiedlichsten Pseudonymen wächst seither seine Diskographie. Ob als Metal Fingers, Victor Vaughan, King Geedorah, MF Doom oder in dem herausragenden Duo Madvillain, das er mit dem kalifornischen Multitalent Madlib bildet — Dumile macht sich einen Namen als exzentrischer Lyriker und schillernder Produzent.

Vier bis sechs Alben im Jahr sind sein Pensum. Für 2006 plant er schon eine Duoplatte mit Ghostface vom Wu-Tang-Clan sowie eine zweite Madvillain-Veröffentlichung. Hoffentlich bleibt ihm dabei noch genug Zeit für Milchshakes, Pommes Frites und Zeichentrickfilme. Dangermouse ist inzwischen für einen Grammy nominiert.

Dangerdoom’s Album The Mouse And The Mask ist in formidabler Verpackung als CD und LP bei Lex Records/Rough Trade erschienen. Als Auszug können Sie hier das Stück Mince Meat hören.

Unsere Bildergalerie zeigt Dangermouse und MF Doom in Aktion – als menschliche Maus und mit metallener Maske