ECHOLOT Bands von morgen

Die Fachmagazine wie die großen Feuilletons beschränken sich zum Jahreswechsel nicht auf Rückblicke. Sie wagen auch Prognosen. Schwer im Kommen: Die Arctic Monkeys und Clap Your Hands Say Yeah. – Unsere erste Musikpresseschau 2006

In der Januarausgabe wirft die Musikzeitschrift Spex   einen Blick nach vorne und einen Blick zurück. Das Debütalbum der kanadischen Band The Arcade Fire  haben die Redakteure zur Platte des Jahres gewählt. Maximo Park und Art Brut folgen. In der Liste der 50 wichtigsten Platten des Jahres finden sich die üblichen Verdächtigen, aber auch einige Überraschungen. Bloc Party (Platz 4)  sind mit von der Partie, Antony & the Johnsons (Platz 6) und CocoRosie  (Platz 14). Auf Platz 21 hat es der verspielte, elektronische Mädchenpop der Norwegerin Annie   geschafft. Stücke über Kaugummi, Herzklopfen und die Liebe zwischen zwei Takten stecken das Textfeld der skandinavischen Popprinzessin ab. Immerhin noch auf Platz 46: die Französin Camille , die auf ihrem Album Le Fil eine stimmgewaltige Reise voller Aus- und Abschweifungen inszeniert.

Für die Spex -Leser ist das Album A Certain Trigger der englischen Band Maximo Park der wichtigste Popmoment des vergangenen Jahres. Die weiteren Platzierungen decken sich beinahe mit denen der Redakteure. Arcade Fire (Platz zwei) tauchen auf, Bloc Party (Platz drei) sind mit von der Partie, und Art Brut belegen Platz sieben.

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Nach dem obligatorischen Jahresrückblick wagt die Kölner Musikzeitschrift einen Blick nach vorne. Zwei Bands, das sei an dieser Stelle einfach mal vorhergesagt, werden sich im kommenden Jahr in den Rückblicksartikeln finden: die Arctic Monkeys  und Clap Your Hands Say Yeah .
In der Spex zieren sie zusammen mit Tomte  und der wunderbaren Chan Marshall alias Cat Power das Titelbild.

Sowohl Clap Your Hands Say Yeah als auch die Arctic Monkeys entwickelten sich durchs Internet zum Geheimtipp. Die Amerikaner Clap Your Hands haben über ihre Webseite an die 20.000 CDs verkauft, noch bevor sie überhaupt eine Plattenfirma hatten. Ende Januar erscheint ihr Debütalbum in Deutschland. Die Tour folgt im Februar. Spex -Autor Christian Lehner entdeckt in den Stücken der Band aus Brooklyn melancholische Texte und „Hinterhofkargheit“, die im Kontrast stünden zur Musik. „Wenn es so etwas wie eine Idee davon gibt, was diese Band bewerkstelligen kann, dann ist es ihre Fähigkeit, diesen Widersprüchen eine Stimme zu verleihen“, sagt Sänger Alec Ounsworth im Gespräch.

Ganz ähnlich wie Clap Your Hands Say Yeah haben sich die vier Jungspunde der Arctic Monkeys ins popkulturelle Bewusstsein katapultiert. Ihr Name wurde zunächst von Ohr zu Ohr geraunt, tauchte in diversen Weblogs auf und fand darauf den Weg in die größeren Medien. Der New Musical Express preist seit Wochen das Erstlingswerk an, das Ende dieses Monat erscheint. Andere Musikzeitschriften haben sich bereits angeschlossen und selbst Die Welt wagt die Prognose, dass das Debüt der vier 19-Jährigen zu den Höhepunkten des Kulturjahres 2006 zählen wird.

Noch gänzlich unbekannt sind die 20 Bands und Projekte, welche die französische Musikzeitschrift Les Inrockuptibles in der aktuellen Ausgabe vorstellt. „CQFD – Ceux qu’il faut découvrir“ – Die, die es zu entdecken gilt – lautet das Motto. Immer zum Jahresende hört sich die Redaktion durch zahllose musikalische Einsendungen und wählt ein Projekt aus, das am Ende mit einem Plattenvertrag belohnt wird. Nein, hier handelt es sich nicht um „Frankreich sucht den Superstar“, sondern um ein ernstgemeintes Nachwuchsförderprogramm. Vor vier Jahren entschied Syd Matters   mit seinen melancholischen Songs die erste Auflage für sich. Am 18. Januar fällt in diesem Jahr die Entscheidung. Leser und Hörer dürfen online den Sieger küren.

Im Pantheon der Hochkultur sind auf verschlungenen Pfaden die englischen Lärm-Pioniere Throbbing Gristle – kurz TG – angekommen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre experimentierten sie mit Klangcollagen, Lärm, Schock und Provokation. TG schufen ein eigenes Genre: die Industrial-Bewegung, die sich vom bandeigenen Label Industrial Records ableitete. Deutsche Lärmexperimentalisten wie die Einstürzenden Neubauten , aber auch internationale Größen wie Marilyn Manson   oder die Nine Inch Nails , wären ohne die englischen Harmonie- und Mythenzerstörer schwer vorstellbar. In der Volksbühne zu Berlin gaben TG an Silvester ein Konzert. Eine Ausstellung zur Bandgeschichte ( Industrial Annual Report ) und eine Filmpremiere begleiteten das Ereignis. Im März soll ein neues Album erscheinen. Es ist das erste seit 1981. Das Medienecho reicht von FAZ bis FR , von NZZ bis taz .

Marc Degens hat den Auftritt für die FAZ gesehen und die eine oder andere Spur der Routine ausgemacht. „Breyer-P-Orridge, dem in London beim ersten Lied noch eine Träne die Wange herabrollte, beschränkte sich nun auf einige wenige Gesten; sein Klagen und Drohen, sein Leiden und Psalmodieren wirken eine Spur zu routiniert.“  Gleichwohl erkennt der Kritiker die Pionierrolle der Band an und betrachtet das Quartett als eines der fortschrittlichsten und einflussreichsten der späten siebziger Jahre.

Ähnlich äußert sich Thomas Winkler in der FR  und merkt an, was die vier Künstler seinerzeit noch nicht absehen konnten: „Wie zu guter Letzt auch ihr radikaler Versuch, die Festen des Kulturbetriebs zu erschüttern, von diesem schlussendlich dann doch erfolgreich geschluckt und verdaut werden würde.“ Von „gereiften Provokateuren“ spricht Peter Kraut in der NZZ . Auf das im März erscheinende, neue Album dürfe man sich schon jetzt freuen.

Im Interview mit der taz   erläutert das Künstlerkollektiv das Konzept hinter TG: Es gebe noch viele unerforschte Klänge und Ideen. „Wir schreiben keine Songs, wir tauschen Material aus.“ Die Verknüpfung von Performance, Klang und Konzeptkunst sei von Beginn an Teil des Projekts gewesen. Mit dem, was viele heute unter Industrial verstünden, hätte das nichts gemein. „Das, was man in der Folge von Throbbing Gristle nun Industrial Music nennt, ist eine Art Frankensteingeburt, eine eigenständige Bewegung, die nichts mit uns zu tun hatte.“
Mit der Rückkehr des Freaks in der Popmusik beschäftigt sich Karl Bruckmaier in der SZ . Er stellt fest: „Sie riechen immer noch schlecht. Aber wir brauchen sie dringend, denn sie erinnern uns an das Monströse in uns.“

Ausgangspunkt der Überlegungen ist Tod Brownings Filmklassiker Freaks  aus dem Jahre 1932. Browning war seiner Zeit voraus. Die geistig und körperlich behinderten Helden seines zutiefst humanen Films stießen beim Kinopublikum auf Ablehnung. Erst die Gegenkultur der sechziger und frühen siebziger Jahre machte den Außenseiter gesellschaftsfähig. Musiker wie Frank Zappa , Red Krayola , Faust  oder Sparifankal  – mit denen Bruckmaier seinerzeit selbst verbandelt war – stießen in Randzonen vor. Es war eine „Absage an den Genie-Kult der bürgerlichen Welt ebenso wie an den festen Glauben der Industrie, alles am Reißbrett planen und in der Retorte großziehen zu können“. In den achtziger und neunziger Jahren  verschwanden solche Experimente aus dem öffentlichen Bewusstsein. Doch plötzlich sind die „Nervtöter“ wieder da: „Ungewaschen, ungekämmt, schwer erträglich, ausschweifend, nervig, widersprüchlich.“ Sie heißen Godspeed You Black Emperor , Silver Mount Zion , Arcade Fire (einmal mehr), Animal Collective   oder Jackie-O-Motherfucker .

 
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