ECHOLOT Bands von morgenSeite 2/2

Im Pantheon der Hochkultur sind auf verschlungenen Pfaden die englischen Lärm-Pioniere Throbbing Gristle – kurz TG – angekommen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre experimentierten sie mit Klangcollagen, Lärm, Schock und Provokation. TG schufen ein eigenes Genre: die Industrial-Bewegung, die sich vom bandeigenen Label Industrial Records ableitete. Deutsche Lärmexperimentalisten wie die Einstürzenden Neubauten , aber auch internationale Größen wie Marilyn Manson   oder die Nine Inch Nails , wären ohne die englischen Harmonie- und Mythenzerstörer schwer vorstellbar. In der Volksbühne zu Berlin gaben TG an Silvester ein Konzert. Eine Ausstellung zur Bandgeschichte ( Industrial Annual Report ) und eine Filmpremiere begleiteten das Ereignis. Im März soll ein neues Album erscheinen. Es ist das erste seit 1981. Das Medienecho reicht von FAZ bis FR , von NZZ bis taz .

Marc Degens hat den Auftritt für die FAZ gesehen und die eine oder andere Spur der Routine ausgemacht. „Breyer-P-Orridge, dem in London beim ersten Lied noch eine Träne die Wange herabrollte, beschränkte sich nun auf einige wenige Gesten; sein Klagen und Drohen, sein Leiden und Psalmodieren wirken eine Spur zu routiniert.“  Gleichwohl erkennt der Kritiker die Pionierrolle der Band an und betrachtet das Quartett als eines der fortschrittlichsten und einflussreichsten der späten siebziger Jahre.

Ähnlich äußert sich Thomas Winkler in der FR  und merkt an, was die vier Künstler seinerzeit noch nicht absehen konnten: „Wie zu guter Letzt auch ihr radikaler Versuch, die Festen des Kulturbetriebs zu erschüttern, von diesem schlussendlich dann doch erfolgreich geschluckt und verdaut werden würde.“ Von „gereiften Provokateuren“ spricht Peter Kraut in der NZZ . Auf das im März erscheinende, neue Album dürfe man sich schon jetzt freuen.

Im Interview mit der taz   erläutert das Künstlerkollektiv das Konzept hinter TG: Es gebe noch viele unerforschte Klänge und Ideen. „Wir schreiben keine Songs, wir tauschen Material aus.“ Die Verknüpfung von Performance, Klang und Konzeptkunst sei von Beginn an Teil des Projekts gewesen. Mit dem, was viele heute unter Industrial verstünden, hätte das nichts gemein. „Das, was man in der Folge von Throbbing Gristle nun Industrial Music nennt, ist eine Art Frankensteingeburt, eine eigenständige Bewegung, die nichts mit uns zu tun hatte.“
Mit der Rückkehr des Freaks in der Popmusik beschäftigt sich Karl Bruckmaier in der SZ . Er stellt fest: „Sie riechen immer noch schlecht. Aber wir brauchen sie dringend, denn sie erinnern uns an das Monströse in uns.“

Ausgangspunkt der Überlegungen ist Tod Brownings Filmklassiker Freaks  aus dem Jahre 1932. Browning war seiner Zeit voraus. Die geistig und körperlich behinderten Helden seines zutiefst humanen Films stießen beim Kinopublikum auf Ablehnung. Erst die Gegenkultur der sechziger und frühen siebziger Jahre machte den Außenseiter gesellschaftsfähig. Musiker wie Frank Zappa , Red Krayola , Faust  oder Sparifankal  – mit denen Bruckmaier seinerzeit selbst verbandelt war – stießen in Randzonen vor. Es war eine „Absage an den Genie-Kult der bürgerlichen Welt ebenso wie an den festen Glauben der Industrie, alles am Reißbrett planen und in der Retorte großziehen zu können“. In den achtziger und neunziger Jahren  verschwanden solche Experimente aus dem öffentlichen Bewusstsein. Doch plötzlich sind die „Nervtöter“ wieder da: „Ungewaschen, ungekämmt, schwer erträglich, ausschweifend, nervig, widersprüchlich.“ Sie heißen Godspeed You Black Emperor , Silver Mount Zion , Arcade Fire (einmal mehr), Animal Collective   oder Jackie-O-Motherfucker .

 
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