Mein Leben mit Musik (1) Ich singe
Meine Gesangslehrerin sagt: Lass den Kehlkopf unten, die Schultern locker. Mach eine Schnute. Ein blödes Gesicht. Stell dir vor, du hast eine heiße Kartoffel im Mund!
Die eine singt zu Haus, nur so für sich. Der andere kauft Platten von Geld, das er nicht hat. Ein Dritter ist CJ und legt aus reinem Vergnügen in Clubs alte Kassetten auf. Vom ganz persönlichen, ganz unterschiedlichen Leben mit Musik erzählt unsere neue Kolumne. Ab heute, immer sonntags auf ZEIT online.
Ich singe. Täglich, morgens nach dem Frühstück, eine halbe Stunde. Einmal pro Woche im Unterricht. Alle paar Wochen mit drei anderen Frauen. Ich singe im Urlaub, jedenfalls, wenn Nachsaison ist und das Hotel nicht zu voll. Ich singe auf dem Fahrrad. Im Zug, wenn das Abteil leer ist. Ich singe, wenn ich zu Besuch bin. Dann gehe ich in den Keller oder unters Dach. Einsingen hört niemand gerne. Intervalle rauf und runter. Silbeneinerlei. Komische Geräusche, meint mein Schwager. Meine Nachbarin sagt: Immer dies Gejaule.
Warum ich singe, ist schwer zu sagen. Ich fing an, als ich einmal vier Frauen singen hörte. Ein Jazzquartett, die Vokaliesen. Ich dachte, es müsse eine Freude sein, so zu singen. So werde ich nie singen. Dabei gebe ich mein Bestes, seit drei Jahren schon.
Damit es klingt, muss ich lauter Muskeln und Sehnen koordinieren, von denen ich nie wusste, dass es sie gibt. Zunge, Gaumen, Kehlkopf, Zwerchfell. Es gibt Klangräume in mir, von denen ich nicht weiß, wie ich sie klingen lassen soll. In der Nase. Unterm Schädeldach. Sogar darüber. Es gibt Körperteile, die meine Stimme fest im Griff haben. Der Kiefer. Der Nacken. Die Schultern.
Meine Gesangslehrerin sagt: Lass den Kehlkopf unten. Stell dir vor, du singst in eine Kuppel. Lass die Schultern locker. Mach eine Schnute! Ein blödes Gesicht! Stell dir vor, du hast eine heiße Kartoffel im Mund. Gähnen! Seufzen! Weniger Luft! Sie zeigt mir Bewegungen, die ich machen soll, damit die Töne besser klingen. Mit den Händen Honig verstreichen bindet die Töne aneinander. Mit dem Arm eine Spiralfeder nach unten ziehen verhilft zu Höhen. Dartpfeile werfen bündelt den Klang. Lächeln gibt Spannung. Stirn runzeln ist immer schlecht. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen tut wohl.
Der Tag fängt gut an, wenn ich singe. Für mich. Die Nachbarin unter mir findet das nicht. Wir haben sowieso Streit. Ich laufe ihr zu laut auf Socken. Ich dusche mitten in der Nacht. Ich bedrohe ihren Pudel mit dem Rad, wenn ich es auf dem Gehweg vorm Haus nicht schiebe. Sie fragt sich, was ich arbeite, weil ich mal früh, mal spät die Wohnung verlasse. Und dann noch der Krach! Sie selber hört nie Musik. Nur der Fernseher ist laut. Doch irgendwann begann sie, Oldtime-Jazz zu spielen, wenn ich mit dem Einsingen anfing. Sie drehte ihre Anlage voll auf. Ich sang weiter. Bloß keine Wirkung zeigen! Aber mein Herz klopfte.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 14.01.2006
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Wir waren drei Geschwister. Klavier (in diesem Fall ein Flügel), Trompete und Querflöte. Wohnlage: City. Auch wir hatten immer viel Spaß mit den Nachbarn. Immerhin wurde eine von uns so gut, dass die Nachbarn sich heute freuen, wenn sie mal da ist und spielt :)
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