MEIN LEBEN MIT MUSIK Ich bin vinylabhängig

Auf eine prächtig erhaltene „Sticky Fingers“ von den Rolling Stones mit echter Reißverschluss-Hülle verzichten, nur weil die 35 Euro nicht mehr eingeplant sind? Was soll das? – Erfahrungsberichte aus dem tönenden Alltag (2)

An meinem einundzwanzigsten Geburtstag erfuhr ich, dass Ian Brown die Stone Roses aufgelöst hatte. Damals spürte ich zum ersten Mal, dass mich ein solches Ereignis auch glücklich machen kann. Nicht, dass ich die Stone Roses verachtet hätte, nein. Verehrt vielmehr. Jede ihrer Singles ließ ich mir aus dem damals noch viel ferneren Großbritannien schicken oder mitbringen, das Debutalbum erstand ich mit fünfzehn bei Phora in Mannheim.

Ich liebte die Platte, liebe sie immer noch, liebte die Band. Doch irgendwie gab es mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ich das Kapitel Stone Roses abschließen konnte, weil in meinem Plattenschrank alle Veröffentlichungen der Band standen und auch nichts Neues mehr nachfolgen würde. Ich fühlte Befriedigung. Der Zustand hielt natürlich nicht lange an, neue Lieblingsbands folgten, zu Ende war leider auch die Zeit, in der sich meine Liebe allein auf das Werk eines Künstlers beschränkte.

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Trotzdem, noch heute freue ich mich, wenn sich wieder eine Lieblingsband auflöst. Es bringt mich dem Moment näher, in dem ich mich frei von nagenden Zweifeln vor meine Sammlung setzen kann, nur um das Ersammelte anzustarren und Zufriedenheit darüber zu empfinden, dass alles da ist. Und der Moment davor, das Einsortieren der letzten noch fehlenden limitierten 12 Inch trägt meditative Züge. Die Ruhe währt immerhin so lange, bis man in irgendeinem kleinen Internetforum zufällig erfährt, dass es noch eine weitere Promotion-Kopie einer bestimmten Single gibt, nur einseitig gepresst, auf der Rückseite irgendeinen Sinnspruch eingraviert. Bis sich das als übler Scherz entlarvt oder das gute Stück in meinem Schrank verschwindet, bin ich rastlos.

Und, nein, Download ist natürlich keine Lösung. Auch wenn es albern klingt, es stimmt: Das haptische Erleben ist vollkommen gestört, wenn man sich einmal darauf einlässt, Kompilationen von schwer erhältlichen Songs auf CD-R zu bannen. Die kann dann man zwar anhören, aber man hat sie nicht.

Meine Wochenenden verbringe ich folglich in stickig-düsteren Mehrzweckhallen in den mittelgroßen Städten der Umgebung. Drücke mich im Strom verschwitzter, nicht mehr junger Männer in speckigen Jeansjacken und ausgebeulten Lederhosen an überladenen Tapeziertischen vorbei, um interessierte Blicke in das Allerheiligste anderer verschwitzter Männer in speckigen Jeansjacken und ausgebeulten Lederhosen zu tun – in ihre Plattensammlung. Gerade das antiästhetische Ambiente einer Plattenbörse scheint es zu sein, was das Fieber in mir weckt, keine Ahnung weshalb, vielleicht, weil ich mich geschmacklich dann nur noch gefestigter fühle?

Nun, finanziell brechen mir die Veranstaltungen regelmäßig das Genick. Die Zeit der guten Vorsätze ist ohnehin lange vorbei. Mir vorher ein Budget zu genehmigen, erwies sich immer wieder als ganz und gar sinnlos. Auf eine prächtig erhaltene Sticky Fingers mit echter Reißverschluss-Hülle verzichten, nur weil die 35 Euro nicht mehr eingeplant sind? Was soll das? Das Tückische des Fiebers ist seine Sichtbarkeit. Wenn der Besitzer eines raren Stücks das Leuchten in meinen Augen bemerkt, kann ich beim Feilschen nicht mehr gewinnen. Aber wie könnte ich teilnahmslos wirken, wenn vor mir eine original verschweißte LP-Version von Motorpsychos Demon Box liegt? Oder eins der nur dreitausend Exemplare von Sonic Youths Goo , der eine Bonus-Single mit Band-Interview und 8-Track-Version von Kool Thing beiliegt?

Dann brauche ich mir eigentlich gar keine Mühe mehr zu geben, die Frage nach dem Preis möglichst uninteressiert zu stellen. Ich versuche es trotzdem, indem ich meine Selbstachtung über Bord werfe und etwas Lächerliches sage wie: „Die erste Platte von Freakwater... ist die denn überhaupt gut?“ oder „Ich hab die ja schon auf CD, ich brauch die nicht unbedingt.“

Leider brauch ich sie doch. Ich brauche sie unbedingt. Ich bin ertappt, objektive Kriterien der Preisbildung spielen keine Rolle mehr, allein Skrupel des Händlers setzen eine Grenze nach oben. Schließlich lässt sich fast jeder Preis irgendwie rechtfertigen. Siebzig Euro für eine belgische Pressung von Lou Reeds Rock'n'Roll Animal auf Phantom Records? Einmalige Gelegenheit, brillante Platte. Original. Zu Hause fällt mir meist trotzdem kaum mehr ein als eine floskelhaft hingemurmelte Entschuldigung.

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    • Quelle (c) ZEIT online 22.1.2006
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