Zum hundertsten Geburtstag des LSD-Entdeckers Albert Hofmann fand am vergangenen Wochenende eine große und in ihrer Art wirklich einmalige Konferenz statt, auf der es um die kulturelle Integration und das psychotherapeutische Potenzial von mystischen Erfahrungen ging.
© Meike Gerstenberg für ZEIT online

Das Event namens The Spirit of Basel war ein Fest für Zivilfahnder und Romantiker, für knallharte Neuropharmakologen und schamanistische Gegenaufklärer: Unter den dreitausend Teilnehmern fanden sich so ziemlich alle üblichen Verdächtigen der psychedelischen Szene. Die einen sagten noch einmal all das, was sie 1970 auch schon gesagt hatten und gratulierten sich pausenlos und begeistert zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann. Die anderen hielten die blaue Blume hoch und bezauberten das Publikum mit liebenswertem Unsinn.

Der psychonautische Nachwuchs nahm’s zumeist gelassen und beschäftigte sich am Rande, ganz diskret und unter dem Motto „Jugend forscht“, mit neuen Entwicklungen etwa auf dem Gebiet der N-alkylierten MDA-Derivate. Oder wandte sich ohne viel Federlesen der phänomenologischen Datenerhebung aus der Erste-Person-Perspektive zu. Zu meiner großen Erleichterung gab es dann aber auch viele sehr gute Vorträge und echte wissenschaftliche Substanz. Wie heißt es so schön in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften ? Rationalismus und Mystik, das sind die Pole der Zeit.

Die tiefere Frage im Hintergrund lautet, ob es eine Synthese aus Spiritualität und intellektueller Redlichkeit geben kann. Lassen sich mystische Erfahrungen, die durch psychoaktive Substanzen ausgelöst wurden, auf rationale Weise in unsere Kultur integrieren?

An einem Ende des Spektrums gibt es die grandiose Elite, für die LSD schlicht und einfach ein Sakrament ist, der das wissenschaftliche Weltbild ein Gräuel ist und die sich in die emotionale Geborgenheit eines geschlossenen Kosmosverständnisses zurücksehnt. Weil ich Philosoph bin, liebe ich tolle neue Begriffe. Mein wertvollstes Basler Souvenir stammt von dem Schweizer Journalisten Jean-Martin Büttner und lautet „infantile Selbstverklärung“.

Auf der anderen Seite des Spektrums befinden sich diejenigen, denen schon lange klar ist, dass LSD kein Utopiat ist, sondern ein schlagender Beweis für die Wahrheit des Materialismus. Sie wollen es als Instrument der Suche nach dem neuronalen Korrelat des Bewusstseins einsetzen und suchen allenfalls noch nach besseren Formen der Psychotherapie. Aber auch sie wissen genau, dass da etwas nicht ganz stimmt.

Und was wäre die Mitte zwischen den Polen? Die Antwort scheint zu sein, dass es die Synthese aus Spiritualität und intellektueller Redlichkeit niemals auf der Ebene von organisierter Religion oder sozialen Bewegungen geben kann, sondern nur in Form individueller Lebensentwürfe. Den Mut und die Wahrhaftigkeit, die es braucht, um die Offenheit in beide Richtungen nachhaltig zu kultivieren, können am Ende vielleicht immer nur einzelne Menschen aufbringen. Albert Hofmann ist einer von ihnen. Den bewegenden Höhepunkt des Ereignisses bildete der Auftritt des 100-jährigen Hofmann selbst. In zurückhaltender Bescheidenheit und kaum glaublicher geistiger Klarheit zog er im Gespräch mit Lucius Werthmüller die Bilanz eines großen Forscherlebens: Jeder Naturwissenschaftler wird am Ende auch Mystiker werden; denn was immer der Schöpfer ist, er spricht zu uns nicht in Kirchen und durch Worte, sondern durch seine eigene Schöpfung selbst.

In einer Nebenbemerkung wies Hofmann darauf hin, dass er als Chemiker immer peinlich sauber gearbeitet habe. Die psychoaktive Wirkung des LSD, die nach ihm Millionen inspirierte , konnte er aber überhaupt nur entdecken, weil ihm das einmal nicht vollständig gelungen sei. Deshalb könne es manchmal gut sein, es mit der Sauberkeit nicht zu übertreiben.